38 Schritte von meiner Haustür entfernt befindet sich ein Schild und regelt - tagein, tagaus - eifrig den ruhenden Verkehr. Die Straßenverkehrsordnung kennt dieses Schild als Zeichen 283. Es zeigt ein rotes Kreuz mit rotem Kreis auf blauem Grund und verbietet allen aufmerksamen Fahrzeugführern das Halten auf der Fahrbahn. Ich finde Zeichen 283 unter uns gesagt ziemlich spießig und langweilig. Mal ehrlich: Wie sexy kann ein Verbotsschild schon sein? Wesentlich aufregender ist für mich der Aufkleber, den jemand ein Stückchen unterhalb von Zeichen 283 StVO geklebt hat. "E8" sieht man dort in großen Buchstaben. Weiter findet man die Worte "Europäischer Fernwanderweg" und dann klingende Namen wie "Nordsee - Rhein - Main - Donau - Karpaten - Rila". Das ist genau das Gegenteil von Zeichen 283, finde ich. Es verbietet nichts, sondern weckt Träume und Sehnsüchte! Es liest sich wie eine Einladung, wie ein Versprechen, wie der Duft der großen weiten Welt! Erst recht dann, wenn man - wie ich - Google nach "Rila" befragt und herausfindet, dass es sich um ein Gebirge im Südwesten Bulgariens handelt. Ein Fernwanderweg? Von Norddeutschland bis Südbulgarien?
Tatsächlich gibt es in Europa - neben einer Vielzahl von anderen Wander- und Pilgerwegen - 12 große Europäische Fernwanderwege, die auf einer Gesamtlänge von etwa 60.000 km quer durch ganz Europa führen. Der E1 ist beispielsweise unfassbare 7.000 km lang und führt vom Nordkap bis nach Salerno in Süditalien. Der E8 ist da eine Nummer kleiner, begnügt sich mit etwa 4.400 km und führt den Wanderer derzeit von Dursey Head in Irland bis zum Beskidenpass an der polnisch-ukrainischen Grenze. Dabei führt er exakt an meiner Haustür vorbei. In Zukunft soll er sogar bis nach Istanbul in der Türkei reichen, auf der gesamten Strecke durchgehend begehbar und einheitlich gekennzeichnet sein. Dann wird endlich ein für alle Mal Schluss sein mit diesem seltsamen Gesinge über diese ominöse "18", die angeblich "bis nach Istanbul" fahren soll. Warum mit der "18" fahren, wenn man einfach nur der "8" folgen muss? Das Straßenbahn-Ticket spart man sich dann auch. Man sollte nur tunlichst darauf achten, dass man 38 Schritte unterhalb meiner Haustür nicht auf der Fahrbahn hält. Schließlich ist da ja bekanntermaßen absolutes Haltverbot.
Mit etwa 3.200 km gehört der E5 eher zu den kürzeren Strecken. Der Europäische Fernwanderweg Nummer 5 beginnt in der westlichsten Festlands-Ecke Frankreichs - in Pointe du Raz an der Atlantikküste - und endet im italienischen Verona. Nur die wenigsten gehen naturgemäß den kompletten E5 von Anfang bis zum Ende in einem Stück durch. Äußerst beliebt bei Wanderern ist die in Oberstdorf beginnende Alpenetappe. Sie zählt zu den schönsten, aber auch anspruchsvollsten Teilstücken des gesamten Fernwanderweges. David und ich folgen einer Route, die von Oberstdorf aus in südlicher Richtung über die Alpen bis nach Meran führt. Diese Variante verläuft nur auf den ersten vier Tagen auf dem klassischen E5 und biegt danach in Richtung Meran ab, während der E5 weiter über Bozen führt. Insgesamt geht unsere Wandertour über sechs Tage und führt uns durch drei Länder: Zuerst überqueren wir die deutschen Alpen (Allgäuer Alpen), danach die österreichischen Alpen (Lechtal, Inntal) und am Ende gelangen wir über die Pitztaler Alpen durch das Schnalstal nach Meran. Die Strecke ist geschätzte 150 km lang, pro Tag erwarten uns zwischen 10-20 km Tagesmarsch. Bei jeder Tagesetappe werden 800 bis 1.200 Höhenmeter durchlaufen; zweimal werden Höhen von über 3.000 Meter erreicht.
Ich muss sagen: Ich kann es kaum erwarten und freue mich schon wie Sau auf den Tag, an dem ich endlich sagen kann: "Läufer auf E5". Und wer weiß, vielleicht gibt es sogar einen Bauern, den ich schlagen kann.

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