Am letzten Wandertag unserer Alpentour machen wir uns an die letzte große Steigung. Durch meine wieder erstarkte Erkältung bin ich ein wenig geschwächt. Ich muss ich öfters pausieren und bin langsamer unterwegs als in den letzten Tagen. Doch stetig kämpfe ich mich hinauf zum höchsten Punkt unserer Tour.
"Ob das dort oben die Steinpyramide ist?", fragt mich David eine Viertelstunde später und deutet auf einen kleinen Fleck weiter oben im Berg. Ich kneife meine Augen zusammen und blicke angestrengt in die Richtung, in die David zeigt. Tatsächlich sehe ich etwas, das aussieht wie ein großer Steinhaufen. Ist das schon die beschriebene Stelle, an der damals die Gletschermumie gefunden wurde? Mein Zeitgefühl sagt mir, dass wir diesen Punkt eigentlich noch nicht erreicht haben können. Der Wegweiser, an dem uns das Teufelchen den Weg nach rechts gewiesen hat, lag etwa auf 2.800 Meter. Ötzi wurde auf 3.208 Metern Höhe gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir seit der Weggabelung schon 400 Höhenmeter geschafft haben. "Wir gucken einfach mal", antworte ich - und genau das tun wir. Als wir den Steinhaufen erreichen, müssen wir beide herzlich lachen. In den Bergen ist es nicht einfach, Größe und Höhe aus der Ferne korrekt einzuschätzen. Vier Meter soll die Steinpyramide an der Fundstelle von Ötzi hoch sein. Dieser Haufen hier ist nicht mal halb so groß. Entweder handelt es sich um eine Wegmarkierung oder vorbeilaufende Wanderer haben einfach nur so ein paar Steine aufeinandergeschichtet. Eine Eismumie hat hier ganz sicher niemand gefunden. David und ich rasten kurz und steigen dann weiter den Berg hinauf.
Bald erreichen wir die ersten Schneefelder. Sorgsam geben wir darauf Acht, genau in die Fußstapfen zu treten, die die Wanderer vor uns freundlicherweise hinterlassen haben. Wenn man in den Schnee daneben tritt, sinkt man schnell bis zur Wade ein. Und wozu das führt, habe ich vom Vortag noch in bester schlechter Erinnerung. Es sind Ausläufer eines Gletschers, auf die David und ich hier stoßen und in die wir immer tiefer hineinsteigen. In der Höhe, in der wir uns inzwischen befinden, ist es schon ziemlich kalt und mit jedem Meter wird es frischer. Glücklicherweise ist heute ein Tag wie aus dem Bilderbuch: Die Sonne lacht und der Himmel ist wolkenlos. Das sorgt bei uns nicht nur für gute Stimmung und einen schönen Anblick der Landschaft um uns herum, sondern auch für ein paar wärmende Sonnenstrahlen, die David und mir sehr gelegen kommen.
Als nächstes kommt eine kleine Kletterpassage, für die wir beide Hände benötigen. David und ich sind inzwischen schon ein eingespieltes Team. Er klettert voran, ich reiche ihm meine Stöcke und klettere dann hinterher. Etwa eine halbe Stunde Schweißarbeit später stehen wir dann tatsächlich dort, wo vor 24 Jahren der Sensationsfund glückte. Die angekündigte Steinpyramide beherbergt ein Gipfelbuch, in dem David einen kurzen Gruß von uns hinterlässt. "Prost, Ötzi!", schreibt er hinein und wir lassen den Worten gerne Taten folgen und trinken einen Schnaps auf Ötzi. Einen zweiten trinken wir gleich hinterher - diesmal auf David, denn der hat schließlich heute Geburtstag. Den letzten Tag und höchsten Punkt der Tour mit dem eigenen Geburtstag zur krönen ist geniales Timing wie ich finde. Jeder von uns hängt ein wenig seinen eigenen Gedanken nach und wir bewundern die wunderschöne Aussicht ins südtiroler Schnalstal.
So richtig genießen kann ich die Umgebung allerdings nicht. Der fantastische Rundumblick wird überschattet von einer Erkenntnis, die mich jäh erfasst hat und die mir viele Bauchschmerzen bereitet. In den letzten Minuten auf dem Weg zur Steinpyramide wurde mir immer klarer, dass es nur einen einzigen direkten Weg geben kann, der von hier aus zu unserem nächsten Ziel, der Similaunhütte, führt. Und dieser Weg führt geradewegs über jenen Bergkamm, den ich eigentlich vermeiden wollte. Voller Zuversicht hatte ich mich für diese Variante entschieden, weil ich davon ausging, den Kamm auf einer Alternativroute umgehen zu können. Doch das war ganz offensichtlich eine Fehlannahme. Die Markierung auf dem Schild an der Weggabelung war schlichtweg falsch. Es gibt keine Alternativroute. Der direkte Weg von hier zur Hütte führt über den Bergkamm. Eine Wegstrecke, von der unser Wanderführer sagt, dass sie "zum Teil an exponierten Stellen mit Seilen versichert" ist. Diese Formulierung beunruhigt mich sehr. Was heißt hier "zum Teil"? Gibt es zum Teil exponierte Stellen, die samt und sonders mit Seilen gesichert sind oder gibt es viele exponierte Stellen, die eben nur zum Teil über eine Seilsicherung verfügen? Ehrlich gesagt will ich die Antwort gar nicht mehr wissen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken an exponierte Stellen ohne Seile oder Ketten. Ich möchte das Wagnis nicht eingehen. Obwohl David versucht, mich von der Harmlosigkeit des Weges zu überzeugen, habe ich mich entschieden und meine Wahl steht fest. Mein Kopf spielt heute nicht mit. Den Weg über den Bergkamm gehe ich nicht. Da wir uns nicht trennen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als gemeinsam den Rückweg anzutreten.
Sonntag, 29. November 2015
Mittwoch, 25. November 2015
Tag 6: Engelchen und Teufelchen
Am sechsten und letzten Wandertag unserer Tour werde ich noch vor dem Weckerklingeln von einem lauten Husten wach. Ich bin es selber, der wie wild hustet und dabei vermutlich auch alle anderen Zimmergenossen aus ihrem Schlaf reißt. Schon zu Beginn der Tour hatte ich mit einer Erkältung zu kämpfen, die ich kurz vorher erst überstanden hatte. Nun habe ich das Gefühl, ich werde eher wieder kränker als gesünder. Verwunderlich ist das nicht, denn anstatt mich zu schonen und auszukurieren, habe ich jeden Tag von meinem Körper Höchstleistung gefordert und bin Stunde um Stunde durch den Regen gelaufen. Das ist sicher nicht das optimale Therapieprogramm für einen grippalen Infekt. Nun bekomme ich dafür die Quittung. Ich nehme ein Hustenmittel und eine Schmerztablette. So kurz vor dem Ende muss ich mich nochmal am Riemen reißen. Heute wartet der Höhepunkt der Tour auf uns - im wahren Wortsinn.
Das große Finale der Alpenüberquerung entlang des E5 auf der Route, die David und ich gewählt haben, ist die Überquerung des Niederjochs. Mit 3019 Metern erreicht man hier den höchsten Punkt der Tour, der gleichzeitig den Übergang ins Südtiroler Schnalstal markiert. Wenn man auf der anderen Seite des Niederjochs wieder hinabsteigt, befindet man sich bereits auf italienischem Boden. Von dort aus ist das große Ziel der E5-Wanderer - Meran - nur noch einen Katzensprung entfernt. Mit weniger als fünf Wanderstunden sind die konditionellen Anforderungen dieser Etappe überschaubar. Doch mit einer angeschlagenen gesundheitlichen Verfassung können einem auch fünf Stunden lang werden. Hinzu kommt, dass David am liebsten von der Normalroute abzuweichen würde. Anstatt vom Niederjoch aus direkt wieder hinab ins Tal zu wandern, würde er gerne dem Bergkamm in westlicher Richtung anderthalb Stunden bis zum Tisenjoch folgen. Dort, auf 3208 Metern Höhe, wurde im Jahr 1991 von zwei deutschen Wanderern eine über 5000 Jahre alte mumifizierte Leiche gefunden, die später unter dem Namen "Ötzi" zu Weltruhm gelangte. Der Fundort der Mumie ist durch eine vier Meter hohe Steinpyramide gekennzeichnet. David würde Ötzis Fundstelle nur allzu gerne einen Besuch abstatten.
Einerseits fände ich es ziemlich cool, Ötzis Fundstelle und die Steinpyramide mal in Augenschein zu nehmen. Andererseits verspüre ich relativ wenig Lust darauf, auf einem Bergkamm herumzuspazieren. Auch wenn der Weg technisch nicht schwer und leicht zu gehen sein soll, handelt es sich laut Wanderführer um einen ausgesetzten Grad. So etwas liegt mir überhaupt nicht. Wenn es zu einer Seite des Weges steil hinab geht, fühle ich mich herausgefordert, kann aber in der Regel irgendwie damit umgehen. Dann habe ich immer noch die Möglichkeit, mich zur anderen Seite des Weges und zum Berghang zu orientieren. Doch wenn es - wie auf einem Grad - zu beiden Seiten steil bergab geht, habe ich es schwer. Nur an einem guten Tag und mit viel Mühe und Konzentration kann ich diese Herausforderung meistern. David und ich einigen uns darauf, dass wir erst einmal bis zur Similaunhütte hinaufwandern, die genau auf dem Niederjoch liegt. Dort können wir dann den Grad in Augenschein nehmen und ich kann besser abschätzen, wie herausfordernd die ausgesetzten Stellen für mich sind. Gegen 07:30 Uhr brechen wir auf, begleitet von strahlendem Sonnenschein und einem neuerlichen Hustenanfall meinerseits.
Keine zwei Stunden später gelangen David und ich an eine Weggabelung, an der wir erstmals ins Grübeln kommen. Links sollen wir uns hier halten, hatte uns der bislang stets absolut verlässliche Wanderführer geraten, hoch zur Similaunhütte und von dort entweder direkt ins Tal oder anderthalb Stunden über den Bergkamm zur Ötzifundstelle und anderthalb Stunden wieder zurück. Das Schild, vor dem wir nun stehen, empfiehlt uns hingegen, dass wir uns nach rechts wenden. Dort entlang gehe es auf direktem Weg zur Ötzifundstelle und dann weiter zur Similaunhütte. Diese Strecke wird hier rot markiert und nicht schwarz, was auf einen mittleren Schwierigkeitsgrad hindeutet. Damit kann das Stück zwischen Fundstelle und Hütte eigentlich nicht über den Grad führen, denn der weist aufgrund der Ausgesetztheit einen hohen Schwierigkeitsgrad auf und müsste demnach schwarz markiert sein. Ich bin verwirrt. Eigentlich ist das die perfekte Variante: Wir gehen direkt zur Fundstelle, sparen anderthalb Stunden Zeit und müssen nicht über den Grad. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Was mich nachhaltig verunsichert ist die Tatsache, dass unser Wanderführer diese Tour nicht als Alternative aufführt. Das ist äußerst seltsam. "Irgendetwas stimmt hier nicht", murmel ich vor mich hin. Bislang war unser Wanderführer stets absolut akkurat und hat an keiner Stelle wesentliche Informationen missen lassen. Wenn es Varianten zur Normalroute gab, so waren die stets aufgeführt. Doch diese Variante erwähnt er mit keiner Silbe. Warum nicht?
Und während ich noch darüber nachdenke, welche Entscheidung jetzt die richtige ist, wird mir klar, dass Engelchen und Teufelchen nicht nur auf Schultern, sondern auch auf Wegweisern sitzen können. Wie üblich sitzt auch hier der Engel links und der Teufel rechts und jeder will mich auf seine Seite ziehen. Ich denke an die Zuverlässigkeit des Wanderführers einerseits und an einen schwarz markierten Grad, dem ich aus dem Weg gehen kann andererseits. Dann denke ich an den Zeitgewinn der neuen Variante und an meine wieder schlimmer werdende Erkältung, die einmal mehr meine Kondition und Ausdauerfähigkeit einschränken. Ich brauche nicht lange für meine Entscheidung. Die Verlockung ist zu groß. David und ich wenden uns nach rechts und gewinnen schnell an Höhe. Nach ein paar Minuten drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück. Mir ist als würde der Teufel immer noch auf dem rechten Wegweiser sitzen und sich vor Lachen schütteln. Bis hierhin kann ich ihn hören.
Das große Finale der Alpenüberquerung entlang des E5 auf der Route, die David und ich gewählt haben, ist die Überquerung des Niederjochs. Mit 3019 Metern erreicht man hier den höchsten Punkt der Tour, der gleichzeitig den Übergang ins Südtiroler Schnalstal markiert. Wenn man auf der anderen Seite des Niederjochs wieder hinabsteigt, befindet man sich bereits auf italienischem Boden. Von dort aus ist das große Ziel der E5-Wanderer - Meran - nur noch einen Katzensprung entfernt. Mit weniger als fünf Wanderstunden sind die konditionellen Anforderungen dieser Etappe überschaubar. Doch mit einer angeschlagenen gesundheitlichen Verfassung können einem auch fünf Stunden lang werden. Hinzu kommt, dass David am liebsten von der Normalroute abzuweichen würde. Anstatt vom Niederjoch aus direkt wieder hinab ins Tal zu wandern, würde er gerne dem Bergkamm in westlicher Richtung anderthalb Stunden bis zum Tisenjoch folgen. Dort, auf 3208 Metern Höhe, wurde im Jahr 1991 von zwei deutschen Wanderern eine über 5000 Jahre alte mumifizierte Leiche gefunden, die später unter dem Namen "Ötzi" zu Weltruhm gelangte. Der Fundort der Mumie ist durch eine vier Meter hohe Steinpyramide gekennzeichnet. David würde Ötzis Fundstelle nur allzu gerne einen Besuch abstatten.
Einerseits fände ich es ziemlich cool, Ötzis Fundstelle und die Steinpyramide mal in Augenschein zu nehmen. Andererseits verspüre ich relativ wenig Lust darauf, auf einem Bergkamm herumzuspazieren. Auch wenn der Weg technisch nicht schwer und leicht zu gehen sein soll, handelt es sich laut Wanderführer um einen ausgesetzten Grad. So etwas liegt mir überhaupt nicht. Wenn es zu einer Seite des Weges steil hinab geht, fühle ich mich herausgefordert, kann aber in der Regel irgendwie damit umgehen. Dann habe ich immer noch die Möglichkeit, mich zur anderen Seite des Weges und zum Berghang zu orientieren. Doch wenn es - wie auf einem Grad - zu beiden Seiten steil bergab geht, habe ich es schwer. Nur an einem guten Tag und mit viel Mühe und Konzentration kann ich diese Herausforderung meistern. David und ich einigen uns darauf, dass wir erst einmal bis zur Similaunhütte hinaufwandern, die genau auf dem Niederjoch liegt. Dort können wir dann den Grad in Augenschein nehmen und ich kann besser abschätzen, wie herausfordernd die ausgesetzten Stellen für mich sind. Gegen 07:30 Uhr brechen wir auf, begleitet von strahlendem Sonnenschein und einem neuerlichen Hustenanfall meinerseits.
Keine zwei Stunden später gelangen David und ich an eine Weggabelung, an der wir erstmals ins Grübeln kommen. Links sollen wir uns hier halten, hatte uns der bislang stets absolut verlässliche Wanderführer geraten, hoch zur Similaunhütte und von dort entweder direkt ins Tal oder anderthalb Stunden über den Bergkamm zur Ötzifundstelle und anderthalb Stunden wieder zurück. Das Schild, vor dem wir nun stehen, empfiehlt uns hingegen, dass wir uns nach rechts wenden. Dort entlang gehe es auf direktem Weg zur Ötzifundstelle und dann weiter zur Similaunhütte. Diese Strecke wird hier rot markiert und nicht schwarz, was auf einen mittleren Schwierigkeitsgrad hindeutet. Damit kann das Stück zwischen Fundstelle und Hütte eigentlich nicht über den Grad führen, denn der weist aufgrund der Ausgesetztheit einen hohen Schwierigkeitsgrad auf und müsste demnach schwarz markiert sein. Ich bin verwirrt. Eigentlich ist das die perfekte Variante: Wir gehen direkt zur Fundstelle, sparen anderthalb Stunden Zeit und müssen nicht über den Grad. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Was mich nachhaltig verunsichert ist die Tatsache, dass unser Wanderführer diese Tour nicht als Alternative aufführt. Das ist äußerst seltsam. "Irgendetwas stimmt hier nicht", murmel ich vor mich hin. Bislang war unser Wanderführer stets absolut akkurat und hat an keiner Stelle wesentliche Informationen missen lassen. Wenn es Varianten zur Normalroute gab, so waren die stets aufgeführt. Doch diese Variante erwähnt er mit keiner Silbe. Warum nicht?
Und während ich noch darüber nachdenke, welche Entscheidung jetzt die richtige ist, wird mir klar, dass Engelchen und Teufelchen nicht nur auf Schultern, sondern auch auf Wegweisern sitzen können. Wie üblich sitzt auch hier der Engel links und der Teufel rechts und jeder will mich auf seine Seite ziehen. Ich denke an die Zuverlässigkeit des Wanderführers einerseits und an einen schwarz markierten Grad, dem ich aus dem Weg gehen kann andererseits. Dann denke ich an den Zeitgewinn der neuen Variante und an meine wieder schlimmer werdende Erkältung, die einmal mehr meine Kondition und Ausdauerfähigkeit einschränken. Ich brauche nicht lange für meine Entscheidung. Die Verlockung ist zu groß. David und ich wenden uns nach rechts und gewinnen schnell an Höhe. Nach ein paar Minuten drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück. Mir ist als würde der Teufel immer noch auf dem rechten Wegweiser sitzen und sich vor Lachen schütteln. Bis hierhin kann ich ihn hören.
Mittwoch, 11. November 2015
Tag 5: Guter Rat ist teuer
Ich muss zugeben: Ein wenig mulmig ist mir schon. Wegmarkierungen sind tatsächlich keine mehr zu erblicken. Auf dem Weg vom Rettenbachjoch hinab zum Parkplatz des Rettenbachgletschers haben wir uns offensichtlich verlaufen. Der viele Schnee von letzter Nacht hat die roten Markierungspunkte zugedeckt. Hatte der Wanderführer nicht genau davor gewarnt? Eben noch oben auf, sind wir nun wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Nun ist guter Rat teuer.
So wie ich das sehe haben wir vier Möglichkeiten. Die erste: Wir klettern zurück nach oben und fahren mit der Gondel das Stück zum Parkplatz hinab. Ehrlich gesagt würde ich das nur sehr ungern tun. Zurück bergauf durch den tiefen Schnee zu kraxeln wäre eine anstrengende und auch gefährliche Sache. Und dann die Schmach, am Ende doch die Gondel genommen zu haben! Das geht gar nicht. Es muss eine andere Möglichkeit geben. Die zweite zum Beispiel: Wir ergreifen die Flucht nach vorn - respektive unten - und klettern schnurstracks weiter geradeaus. Dummerweise führt dieser Weg über unwegsames Gelände mit unterschiedlich großen Felsblöcken. Schon das letzte Stück mussten wir uns über derartiges Terrain kämpfen und dieses Gelände ist bei Schnee alles andere als empfehlenswert. Gehen ist hier extrem schwierig. Immer mal wieder wackelt nämlich ein Block gefährlich oder rutscht bei Belastung sogar weg. Der glatte Schneebelag tut sein Übriges. Vielfach mussten David und ich zuletzt schon die Hände zu Hilfe nehmen. Meine Stöcke sind mir hier leider überhaupt keine Hilfe, sondern behindern mich eher. Mehr als einmal sind sie schon zwischen den Steinen steckengeblieben oder mir sogar aus der Hand gerutscht. Auch auf diesem Gelände wäre ich ungern länger unterwegs. Dann gibt es noch Möglichkeit Nummer drei: Wir queren nach rechts und steigen von dort aus hinab. Felsen und wackelige Steine gibt es rechts von uns nicht, doch wartet dort ein anderes Problem auf uns: Dort führt kein Weg, sondern eine Skipiste den Berg hinab. Eine ziemlich steile Skipiste sogar. Von hier kann ich nicht sehen, ob es überhaupt möglich ist, sich dort einen Weg nach unten zu bahnen. Sollte das gehen, wäre es sicher nicht einfach - und einmal gestolpert und das Gleichgewicht verloren, würden wir wohl sofort einen Abflug machen und gnadenlos mit mächtig Speed den Berghang hinabrutschen bis ganz nach unten. Auch das ist keine ungefährliche Variante. Bleibt noch die letzte Möglichkeit. Die ungefährlichste von allen, aber möglicherweise auch nicht ganz billig: der Helikopter. Aber den wollen wir nun wirklich nicht rufen. Also was ist zu tun?
David und ich entscheiden uns für die Pistenvariante, klettern vorsichtig aus dem Geröllfeld, queren den Hang und tasten uns auf dem abschüssigen Gelände langsam den Berg hinab. Genau über uns surren die Gondeln ins Tal. Unsere E5-Freunde haben im Parkplatz-Restaurant vermutlich schon längst ihre heiße Schokolade ausgetrunken und sich gestärkt wieder auf den Weg gemacht. Auch das Restprogramm ist nicht ohne: Vom Parkplatz aus sind es noch weitere sechs Wanderstunden bis zum heutigen Etappenziel, der Martin-Busch-Hütte.
David traut sich als erstes. Anstatt sich weiter langsam und vorsichtig seitwärts nach unten zu tasten, marschiert er einfach mit dem Rücken zum Berg mit großen Schritten hinab. Er geht nicht mehr, sondern läuft schon fast und tritt bei jedem Schritt kräftig in den hohen, weichen Schnee. Auf diese Weise kommt er nicht nur äußerst schnell, sondern auch noch ohne zu stürzen in weniger abschüssiges Gelände, ab wo das Gehen keine Schwierigkeit mehr darstellt. Ganz so elegant und furchtlos wie David komme ich nicht den Berg hinab, aber halb gehend und halb rutschend schlage auch ich mich ohne Sturz bis nach unten durch. Nach etwa einer Stunde erreichen David und ich unversehrt den Parkplatz vom Rettenbachgletscher. Die Gondelfahrer haben für diese Passage keine fünf Minuten gebraucht. Trotzdem freuen wir uns über den gelungenen Abstecher, wenngleich mich das Stück den Berg hinab mächtig geschlaucht hat.
Nach einer kurzen Pause im Parkplatz-Restaurant kommen wir am Ende doch nicht umhin, ein motorisiertes Verkehrsmittel zu besteigen. Um dem E5 weiter folgen zu können, müssen wir den Rosi-Mittermeier-Tunnel durchqueren, Europas höchstgelegenen Autotunnel, der für Fußgänger leider gesperrt ist. Wir organisieren uns für die 10-minütige Autofahrt ein Kleinbus-Taxi und biegen ein auf den wunderschönen Venter Panoramaweg, der uns in dreieinhalb Stunden am nordwestlichen Hang des Venter Tales entlang bis nach Vent hinunterführt. Immer wieder kommt zeitweise die Sonne raus und wir freuen uns einen Ast.
Gerade passend zu Mittagszeit erreichen wir Vent. Wenn man in einer deutschsprachigen Kleinstadt ein Hotel sucht, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man im Hotel "Zur Post" landet. Das ist nämlich bei weitem der am häufigsten verwendete Hotelname. Fast jede deutsche Stadt hat eins, was so heißt. Und so verwundert es nicht, dass auch David und ich uns im Restaurant vom "Hotel Post" wiederfinden und dankbar ein Wiener Schnitzel bestellen. Nach der kalorienreichen Pause entledigen wir uns auf der Toilette unserer langen Thermounterhose und nehmen die letzten zwei Wanderstunden in Angriff.
Die Martin-Busch-Hütte, die wir gegen 16:30 Uhr abgekämpft erreichen, ist für David und mich eine große Enttäuschung. Wir wissen das Dach über dem Kopf sehr zu schätzen, den Schlafplatz im Lager und auch die drei Minuten heißes Wasser unter der Dusche. Aber die Gaststube der Hütte hat keine Atmosphäre und kein Flair. An großen Tischen mit Plastiktischdecken fühlen wir uns ein bisschen wie in der Bahnhofskneipe. Zu allem Überfluss merke ich, wie meine überwunden geglaubte Erkältung zurückkehrt. Ich werde wieder kränker, fange stark an zu husten und fühle mich insgesamt ganz furchtbar schlapp. "Na, großartig!", fluche ich frustriert. Viel kränker werden darf ich jetzt nicht, denn ein letzter schwerer Wandertag liegt immer noch vor uns. Anstatt mit David sowie Alisa und Marina, die uns auch hier wieder angenehme Gesellschaft leisten, noch ein paar Runden Kniffel zu spielen, gehe ich lieber früh ins Bett, um meinem Körper noch ein wenig Ruhe und Erholung zu gönnen. Morgen muss ich fit sein. Mit 3.210 Metern Höhe wartet der höchste Punkt der gesamten Strecke auf uns.
So wie ich das sehe haben wir vier Möglichkeiten. Die erste: Wir klettern zurück nach oben und fahren mit der Gondel das Stück zum Parkplatz hinab. Ehrlich gesagt würde ich das nur sehr ungern tun. Zurück bergauf durch den tiefen Schnee zu kraxeln wäre eine anstrengende und auch gefährliche Sache. Und dann die Schmach, am Ende doch die Gondel genommen zu haben! Das geht gar nicht. Es muss eine andere Möglichkeit geben. Die zweite zum Beispiel: Wir ergreifen die Flucht nach vorn - respektive unten - und klettern schnurstracks weiter geradeaus. Dummerweise führt dieser Weg über unwegsames Gelände mit unterschiedlich großen Felsblöcken. Schon das letzte Stück mussten wir uns über derartiges Terrain kämpfen und dieses Gelände ist bei Schnee alles andere als empfehlenswert. Gehen ist hier extrem schwierig. Immer mal wieder wackelt nämlich ein Block gefährlich oder rutscht bei Belastung sogar weg. Der glatte Schneebelag tut sein Übriges. Vielfach mussten David und ich zuletzt schon die Hände zu Hilfe nehmen. Meine Stöcke sind mir hier leider überhaupt keine Hilfe, sondern behindern mich eher. Mehr als einmal sind sie schon zwischen den Steinen steckengeblieben oder mir sogar aus der Hand gerutscht. Auch auf diesem Gelände wäre ich ungern länger unterwegs. Dann gibt es noch Möglichkeit Nummer drei: Wir queren nach rechts und steigen von dort aus hinab. Felsen und wackelige Steine gibt es rechts von uns nicht, doch wartet dort ein anderes Problem auf uns: Dort führt kein Weg, sondern eine Skipiste den Berg hinab. Eine ziemlich steile Skipiste sogar. Von hier kann ich nicht sehen, ob es überhaupt möglich ist, sich dort einen Weg nach unten zu bahnen. Sollte das gehen, wäre es sicher nicht einfach - und einmal gestolpert und das Gleichgewicht verloren, würden wir wohl sofort einen Abflug machen und gnadenlos mit mächtig Speed den Berghang hinabrutschen bis ganz nach unten. Auch das ist keine ungefährliche Variante. Bleibt noch die letzte Möglichkeit. Die ungefährlichste von allen, aber möglicherweise auch nicht ganz billig: der Helikopter. Aber den wollen wir nun wirklich nicht rufen. Also was ist zu tun?
David und ich entscheiden uns für die Pistenvariante, klettern vorsichtig aus dem Geröllfeld, queren den Hang und tasten uns auf dem abschüssigen Gelände langsam den Berg hinab. Genau über uns surren die Gondeln ins Tal. Unsere E5-Freunde haben im Parkplatz-Restaurant vermutlich schon längst ihre heiße Schokolade ausgetrunken und sich gestärkt wieder auf den Weg gemacht. Auch das Restprogramm ist nicht ohne: Vom Parkplatz aus sind es noch weitere sechs Wanderstunden bis zum heutigen Etappenziel, der Martin-Busch-Hütte.
David traut sich als erstes. Anstatt sich weiter langsam und vorsichtig seitwärts nach unten zu tasten, marschiert er einfach mit dem Rücken zum Berg mit großen Schritten hinab. Er geht nicht mehr, sondern läuft schon fast und tritt bei jedem Schritt kräftig in den hohen, weichen Schnee. Auf diese Weise kommt er nicht nur äußerst schnell, sondern auch noch ohne zu stürzen in weniger abschüssiges Gelände, ab wo das Gehen keine Schwierigkeit mehr darstellt. Ganz so elegant und furchtlos wie David komme ich nicht den Berg hinab, aber halb gehend und halb rutschend schlage auch ich mich ohne Sturz bis nach unten durch. Nach etwa einer Stunde erreichen David und ich unversehrt den Parkplatz vom Rettenbachgletscher. Die Gondelfahrer haben für diese Passage keine fünf Minuten gebraucht. Trotzdem freuen wir uns über den gelungenen Abstecher, wenngleich mich das Stück den Berg hinab mächtig geschlaucht hat.
Nach einer kurzen Pause im Parkplatz-Restaurant kommen wir am Ende doch nicht umhin, ein motorisiertes Verkehrsmittel zu besteigen. Um dem E5 weiter folgen zu können, müssen wir den Rosi-Mittermeier-Tunnel durchqueren, Europas höchstgelegenen Autotunnel, der für Fußgänger leider gesperrt ist. Wir organisieren uns für die 10-minütige Autofahrt ein Kleinbus-Taxi und biegen ein auf den wunderschönen Venter Panoramaweg, der uns in dreieinhalb Stunden am nordwestlichen Hang des Venter Tales entlang bis nach Vent hinunterführt. Immer wieder kommt zeitweise die Sonne raus und wir freuen uns einen Ast.
Gerade passend zu Mittagszeit erreichen wir Vent. Wenn man in einer deutschsprachigen Kleinstadt ein Hotel sucht, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man im Hotel "Zur Post" landet. Das ist nämlich bei weitem der am häufigsten verwendete Hotelname. Fast jede deutsche Stadt hat eins, was so heißt. Und so verwundert es nicht, dass auch David und ich uns im Restaurant vom "Hotel Post" wiederfinden und dankbar ein Wiener Schnitzel bestellen. Nach der kalorienreichen Pause entledigen wir uns auf der Toilette unserer langen Thermounterhose und nehmen die letzten zwei Wanderstunden in Angriff.
Die Martin-Busch-Hütte, die wir gegen 16:30 Uhr abgekämpft erreichen, ist für David und mich eine große Enttäuschung. Wir wissen das Dach über dem Kopf sehr zu schätzen, den Schlafplatz im Lager und auch die drei Minuten heißes Wasser unter der Dusche. Aber die Gaststube der Hütte hat keine Atmosphäre und kein Flair. An großen Tischen mit Plastiktischdecken fühlen wir uns ein bisschen wie in der Bahnhofskneipe. Zu allem Überfluss merke ich, wie meine überwunden geglaubte Erkältung zurückkehrt. Ich werde wieder kränker, fange stark an zu husten und fühle mich insgesamt ganz furchtbar schlapp. "Na, großartig!", fluche ich frustriert. Viel kränker werden darf ich jetzt nicht, denn ein letzter schwerer Wandertag liegt immer noch vor uns. Anstatt mit David sowie Alisa und Marina, die uns auch hier wieder angenehme Gesellschaft leisten, noch ein paar Runden Kniffel zu spielen, gehe ich lieber früh ins Bett, um meinem Körper noch ein wenig Ruhe und Erholung zu gönnen. Morgen muss ich fit sein. Mit 3.210 Metern Höhe wartet der höchste Punkt der gesamten Strecke auf uns.
Mittwoch, 4. November 2015
Tag 5: Über das Rettenbachjoch
Nach einem Selfie auf der Terrasse der Braunschweiger Hütte geht es los: David und ich machen uns auf den Weg, um das Rettenbachjoch in Angriff zu nehmen. Ich habe gemischte Gefühle bei der Sache. Auf der einen Seite machen mir die bergsteigerischen Herausforderungen in Verbindung mit den aktuellen Wetterbedingungen ein wenig Kummer. Auf der anderen Seite bin ich das Taktieren und Abwägen inzwischen leid und will endlich los. Schwungvoll setze ich mich in Bewegung, überquere zügig die Terrasse - und halte nach wenigen Metern abrupt inne als wäre ich gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Der Mund klappt mir vor Staunen auf und ich erstarre zu einer Salzsäule. Die Hütte, in der wir übernachtet haben, liegt von Gletschern umgeben mitten in einem Hochkessel. Inzwischen hat sich die Sonne weiter hervorgekämpft und bescheint genau vor mir eine Bergwelt wie sie grandioser nicht aussehen könnte. Das fantastische Panorama, das ich vor mir ausgebreitet sehe, erscheint wie gemalt. Weiß bemützt glänzen die Berge um mich herum und strahlen eine majestätische Ruhe aus. Ich erlebe einen wahrhaft magischen Moment inmitten einer faszinierenden Winterwelt. Zuvor hatte ich noch geglaubt, vor lauter Anspannung die Landschaft gar nicht genießen zu können. Doch das Bergpanorama, das uns hier oben umgibt, offenbart in diesem Moment einen Zauber, dem man sich nicht verschließen kann. Ich genieße den Augenblick, die Ruhe und die Schönheit der Natur und fülle mein Herz bis zum Rand mit Glück.
Der Weg zum Joch führt uns über felsigen Untergrund und fällt zunächst leicht ab. Vor uns sind keine Fußspuren zu erkennen. Wir sind offensichtlich heute Morgen die ersten, die den Weg nach oben wagen. Üblicherweise ist jede Wegstrecke des E5 gut präpariert und alle paar Meter mit einem farbigen roten Punkt markiert. Verlaufen kann man sich kaum - es sei denn, Neuschnee bedeckt die Felsen und damit auch einen Großteil der roten Punkte. David und ich müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht vom Weg abkommen. Immer wieder müssen wir anhalten und zunächst nach der nächsten Markierung zu suchen. Ich denke an die mahnenden Worte in unserem Wanderführer: "Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Diese Warnung war kein bisschen übertrieben, aber bislang finden wir unseren Weg. Im Vorbeigehen wischen wir an den entsprechenden Stellen den Schnee von den Felsen, damit die roten Punkte für die Wanderer hinter uns besser zu sehen sind. Doch bis jetzt ist auch hinter uns niemand zu erblicken. Wir sind völlig allein im Berg unterwegs.
Es dauert nicht lange und der Weg wir schmaler und steiler, schraubt sich immer mehr den Berg hinauf und schon bald kommen die ersten ausgesetzten Stellen. Die sind zwar gut mit Ketten gesichert, aber trotzdem bleibt der Weg durchaus anspruchsvoll und erfordert höchste Konzentration. Der Schnee macht den Fels rutschig und jeder Schritt will gut gesetzt sein. In den Verschnaufpausen, die ich immer wieder einlegen muss, bewundere ich die verschneite und vergletscherte Bergwelt um mich herum. Immer wieder weicht der Nebel zurück und gibt den Blick frei auf eine unglaublich traumhafte Kulisse.
Stück für Stück kämpfen wir uns voran und David ist mir bei schwierigen Passagen eine große Hilfe. Er geht vor mir, spurt den Weg, achtet auf die Wegmarkierungen und bietet meinen Augen den erforderlichen Fixpunkt, damit ich nicht nach unten blicken muss. Je weiter wir nach oben kommen, desto schmaler wird der Weg und desto gähnender der Abgrund. Ich muss mich zwingen, auf keinen Fall hinabzusehen. An einer besonders exponierten Stelle tritt David ohne den Hauch einer Angst bis an den Rand des Weges heran und schaut neugierig nach unten. Ein Schritt weiter und er würde fast 200 Meter tief fallen. Den Sturz würde er nicht überleben. Doch David denkt gar nicht daran hinabzustürzen, sondern bittet mich gut gelaunt um ein Foto für sein Facebook-Profilbild. Den Gefallen tue ich ihm gerne, doch als David mir anbietet, dass wir gerne die Positionen tauschen können, damit er umgekehrt ein Foto von mir am Abgrund machen kann, lehne ich dankend ab. Bislang komme ich mit der Höhe ganz gut klar, aber nur, weil ich den Blick in die Tiefe vermeide. Dabei möchte ich es auch belassen. Ich will meine Nerven nicht überstrapazieren.
Nach etwa anderthalb Stunden Kampf mit dem Berg, dem rutschigen Fels und furchterregenden Abgründen, über die ich tapfer hinwegsehe, erreichen wir das rettende Rettenbachjoch auf 2.990 Metern Höhe. Hinter uns im Nebel tauchen schemenhaft weitere Wanderer auf, die unseren Spuren gefolgt sind und wenige Minuten später ebenfalls eintreffen. "Bergsteigen ist ja kein Wettkampf", sagt David mit ernster Miene. Ich frage mich, worauf er wohl hinaus will. Ein schelmisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht als er ergänzt: "Aber wir waren die ersten!" Wir müssen beide lachen. Und warum auch nicht? David hat völlig Recht. Wir können stolz auf unsere Leistung sein und belohnen uns mit einem Schluck Gipfelschnaps aus dem Flachmann, den ich schon seit Beginn der Alpentour in einer Seitentasche des Rucksacks mit mir herumschleppe.
Die übrigen E5-Wanderer entscheiden sich allesamt dafür, mit einer Gondel auf der anderen Bergseite abzufahren. In fünf Minuten ist man so am Parkplatz vom Rettenbachgletscher auf 2.684 Meter und setzt die Wanderung von dort fort. David und ich wollen es uns nicht so leicht machen und entscheiden uns nach kurzer Diskussion und schneller Einigkeit für den Wanderweg nach unten. Laut Wanderführer sollte man hierfür etwa 45 Minuten einplanen. Wie wir schnell feststellen müssen, führt der Weg sehr steil hinab und ist im Schnee kaum zu sehen. Immer tiefer sinken wir ein und schon bald verschwindet bei jedem Schritt mein ganzer Wanderschuh mitsamt dem halben Bein im Schnee. Doch umkehren können wir jetzt nicht mehr. Da müssen wir durch. "Vielleicht war das doch keine so gute Idee!", rufe ich David zu, der mal wieder vor mir läuft. Meine Füße werden langsam kalt, da bei jedem Schritt Schnee oben in den Schaft meines Wanderschuhs fällt. Viele warme Wintersachen habe ich eingepackt, doch an Gamaschen habe ich überhaupt nicht gedacht. Meine Vergesslichkeit muss ich nun mit nassen und immer kälter werdenden Füßen bezahlen.
Ich bin beim Gehen so sehr darauf konzentriert, die Schneemenge in meinem Wanderschuh so gering wie möglich zu halten, dass ich gar nicht mitbekomme, dass David längst stehen geblieben ist. "Was ist los?", frage ich ihn irritiert als ich auf ihn auflaufe und ihn dabei fast umstoße. "Wir haben ein Problem", sagt David und macht erneut ein ernstes Gesicht. Doch diesmal folgt kein schelmisches Grinsen. "Seit ein paar Minuten schon gibt es keine roten Punkte mehr."
Der Weg zum Joch führt uns über felsigen Untergrund und fällt zunächst leicht ab. Vor uns sind keine Fußspuren zu erkennen. Wir sind offensichtlich heute Morgen die ersten, die den Weg nach oben wagen. Üblicherweise ist jede Wegstrecke des E5 gut präpariert und alle paar Meter mit einem farbigen roten Punkt markiert. Verlaufen kann man sich kaum - es sei denn, Neuschnee bedeckt die Felsen und damit auch einen Großteil der roten Punkte. David und ich müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht vom Weg abkommen. Immer wieder müssen wir anhalten und zunächst nach der nächsten Markierung zu suchen. Ich denke an die mahnenden Worte in unserem Wanderführer: "Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Diese Warnung war kein bisschen übertrieben, aber bislang finden wir unseren Weg. Im Vorbeigehen wischen wir an den entsprechenden Stellen den Schnee von den Felsen, damit die roten Punkte für die Wanderer hinter uns besser zu sehen sind. Doch bis jetzt ist auch hinter uns niemand zu erblicken. Wir sind völlig allein im Berg unterwegs.
Es dauert nicht lange und der Weg wir schmaler und steiler, schraubt sich immer mehr den Berg hinauf und schon bald kommen die ersten ausgesetzten Stellen. Die sind zwar gut mit Ketten gesichert, aber trotzdem bleibt der Weg durchaus anspruchsvoll und erfordert höchste Konzentration. Der Schnee macht den Fels rutschig und jeder Schritt will gut gesetzt sein. In den Verschnaufpausen, die ich immer wieder einlegen muss, bewundere ich die verschneite und vergletscherte Bergwelt um mich herum. Immer wieder weicht der Nebel zurück und gibt den Blick frei auf eine unglaublich traumhafte Kulisse.
Stück für Stück kämpfen wir uns voran und David ist mir bei schwierigen Passagen eine große Hilfe. Er geht vor mir, spurt den Weg, achtet auf die Wegmarkierungen und bietet meinen Augen den erforderlichen Fixpunkt, damit ich nicht nach unten blicken muss. Je weiter wir nach oben kommen, desto schmaler wird der Weg und desto gähnender der Abgrund. Ich muss mich zwingen, auf keinen Fall hinabzusehen. An einer besonders exponierten Stelle tritt David ohne den Hauch einer Angst bis an den Rand des Weges heran und schaut neugierig nach unten. Ein Schritt weiter und er würde fast 200 Meter tief fallen. Den Sturz würde er nicht überleben. Doch David denkt gar nicht daran hinabzustürzen, sondern bittet mich gut gelaunt um ein Foto für sein Facebook-Profilbild. Den Gefallen tue ich ihm gerne, doch als David mir anbietet, dass wir gerne die Positionen tauschen können, damit er umgekehrt ein Foto von mir am Abgrund machen kann, lehne ich dankend ab. Bislang komme ich mit der Höhe ganz gut klar, aber nur, weil ich den Blick in die Tiefe vermeide. Dabei möchte ich es auch belassen. Ich will meine Nerven nicht überstrapazieren.
Nach etwa anderthalb Stunden Kampf mit dem Berg, dem rutschigen Fels und furchterregenden Abgründen, über die ich tapfer hinwegsehe, erreichen wir das rettende Rettenbachjoch auf 2.990 Metern Höhe. Hinter uns im Nebel tauchen schemenhaft weitere Wanderer auf, die unseren Spuren gefolgt sind und wenige Minuten später ebenfalls eintreffen. "Bergsteigen ist ja kein Wettkampf", sagt David mit ernster Miene. Ich frage mich, worauf er wohl hinaus will. Ein schelmisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht als er ergänzt: "Aber wir waren die ersten!" Wir müssen beide lachen. Und warum auch nicht? David hat völlig Recht. Wir können stolz auf unsere Leistung sein und belohnen uns mit einem Schluck Gipfelschnaps aus dem Flachmann, den ich schon seit Beginn der Alpentour in einer Seitentasche des Rucksacks mit mir herumschleppe.
Die übrigen E5-Wanderer entscheiden sich allesamt dafür, mit einer Gondel auf der anderen Bergseite abzufahren. In fünf Minuten ist man so am Parkplatz vom Rettenbachgletscher auf 2.684 Meter und setzt die Wanderung von dort fort. David und ich wollen es uns nicht so leicht machen und entscheiden uns nach kurzer Diskussion und schneller Einigkeit für den Wanderweg nach unten. Laut Wanderführer sollte man hierfür etwa 45 Minuten einplanen. Wie wir schnell feststellen müssen, führt der Weg sehr steil hinab und ist im Schnee kaum zu sehen. Immer tiefer sinken wir ein und schon bald verschwindet bei jedem Schritt mein ganzer Wanderschuh mitsamt dem halben Bein im Schnee. Doch umkehren können wir jetzt nicht mehr. Da müssen wir durch. "Vielleicht war das doch keine so gute Idee!", rufe ich David zu, der mal wieder vor mir läuft. Meine Füße werden langsam kalt, da bei jedem Schritt Schnee oben in den Schaft meines Wanderschuhs fällt. Viele warme Wintersachen habe ich eingepackt, doch an Gamaschen habe ich überhaupt nicht gedacht. Meine Vergesslichkeit muss ich nun mit nassen und immer kälter werdenden Füßen bezahlen.
Ich bin beim Gehen so sehr darauf konzentriert, die Schneemenge in meinem Wanderschuh so gering wie möglich zu halten, dass ich gar nicht mitbekomme, dass David längst stehen geblieben ist. "Was ist los?", frage ich ihn irritiert als ich auf ihn auflaufe und ihn dabei fast umstoße. "Wir haben ein Problem", sagt David und macht erneut ein ernstes Gesicht. Doch diesmal folgt kein schelmisches Grinsen. "Seit ein paar Minuten schon gibt es keine roten Punkte mehr."
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