Als ich die Augen öffne, benötige ich einen Moment, um mich zu orientieren. Ich kann mich nicht erinnern, in welchem Traum ich mich bis eben noch befunden habe, aber es muss ein sehr intensiver gewesen sein. Allmählich lichtet sich der Nebel in meinem Kopf und mein Bewusstsein kommt aus ganz weiter Ferne langsam in das Hier und Jetzt der Realität zurück: Ich bin mit meinem Neffen David in den Bergen unterwegs. Wir befinden uns auf der Braunschweiger Hütte. Es muss früh am Morgen sein und ich liege im Bett. Es ist der fünfte Wandertag und heute wartet die Königsetappe auf uns. Von einer Sekunde auf die andere bin ich schlagartig hellwach und in Weltjahresbestzeit lege ich die Strecke vom Bett zum Fenster zurück. Ich blicke nach draußen. Draußen ist alles weiß.
Im Radsport ist die Königsetappe die schwierigste Etappe bei einer Rundfahrt, die so gut wie immer im Hochgebirge verläuft und oftmals für die Entscheidung im Gesamtklassement sorgt. David und ich haben bekanntlich in einem Anflug von Hochmut und Arroganz nicht nur auf überaus nützliche Elefanten, sondern auch noch auf durchaus praktische Fahrräder verzichtet und sind zu Fuß in den Bergen unterwegs. Davon abgesehen trifft es der Vergleich mit dem Radsport eigentlich ganz gut. Heute haben wir unser ganz persönliches L’Alpe d’Huez vor der Brust: Die schwierigste Etappe der gesamten Tour. Wenngleich heute auch keine Entscheidung hinsichtlich eines Gesamtklassements fallen wird - wir befinden uns ja schließlich nicht im Wettkampf - so ist es dennoch die entscheidende Etappe unserer Bergtour. Bis auf 2.758 Meter sind wir gekommen und nun stehen wir kurz vor der anspruchsvollen Überquerung eines Bergkamms, der ganz knapp unterhalb der 3.000 Meter-Marke liegt. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, diesen Bergkamm zu überqueren: Entweder man nimmt einen schweren Bergweg, der einen über das Pitztaler Jöchl auf 2.996 Meter führt oder man entscheidet sich für die Variante über das Rettenbachjoch, das südlich davon nur wenig tiefer auf 2.990 Meter liegt. Auch diese Strecke wird als "schwerer Bergweg" eingestuft und ist allenfalls im Abstieg auf der anderen Seite ein bisschen leichter. Technisch anspruchsvoll sind sie beide und vor den ausgesetzten und mit Stahlketten gesicherten Stellen, die beide Wege über den Kamm bereithalten, habe ich einen Heidenrespekt. Die Überquerung des Bergkamms über das eine wie das andere Joch soll laut Wanderführer "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff genommen werden, doch gut kann man das derzeitige Wetter nicht nennen, von "wirklich gut" ganz zu schweigen. Über Nacht ist nochmal ordentlich Schnee gefallen. Und während ich noch mit grüblerischen Gedanken durch das Fenster auf den ganzen Schnee blicke und wehmütig überlege, wie wunderschön die verschneite Berglandschaft doch wäre, wenn man sie denn genießen könnte, klingelt unser Wecker. Es ist 6 Uhr: Frühstückszeit.
Beim Verlassen des Frühstückstischs frage ich den Hüttenwirt nach seiner Einschätzung. Von anderen Wanderern habe ich gehört, dass sie lieber abwarten möchten und noch eine weitere Nacht auf der Braunschweiger Hütte verbringen wollen. "Nun ja", meint der Hüttenwirt und mustert uns kurz. "Das Stück über das Joch wird anspruchsvoll, aber ihr seid jung und sportlich, ihr schafft das. Aber geht nicht über das Pitztaler Jöchl - nehmt das Rettenbachjoch!" Ich quittiere den guten Rat mit einem kurzen Kopfnicken und folge David in unser Zimmer. Dort packen wir uns so warm ein wie es geht - inklusive Thermounterwäsche, langer Unterhose, Halstuch, Mütze, Handschuhe, Fleece und Isolationsjacke. An Wandertag Nummer 5 verlassen wir um Punkt 7:40 Uhr die Braunschweiger Hütte. Herausforderungen sind schließlich dafür da, um sie anzunehmen.
Montag, 26. Oktober 2015
Sonntag, 25. Oktober 2015
Tag 4: Schnee bis auf 1.800 Meter
Als ich abmarschbereit die Eingangstür der Gletscherstube öffne, bläst mir ein kalter Wind entgegen. Mich schaudert. Unsere einstündige Pause in der Hütte hat nicht ausgereicht, um unsere Kleidung zu trocknen. Obwohl ich sie direkt neben dem Ofen aufgehängt habe, sind meine Sachen immer noch nass und klamm. Mir ist kalt. Und doch weiß ich, dass dies nur eine Ausrede ist. Es gibt noch einen ganz anderen Grund dafür, dass es mir hier und jetzt eiskalt den Rücken hinunter läuft: Ich weiß, was wir jetzt tun werden. Sobald wir die Gletscherstube verlassen haben, werden wir nicht rechts abbiegen in Richtung Mittelberg. Wir werden uns nach links wenden. Bergauf. In Richtung Braunschweiger Hütte.
Ich seufze einmal schwer und blicke auf den Weg vor uns. Von 1.915 müssen David und ich nun auf 2.759 Meter Höhe hinauf. Rund 2,5 Stunden würden wir unter normalen Umständen dafür benötigen. Aber bei dem Regenwetter ist der Stein möglicherweise glitschig. Wir werden vorsichtig gehen müssen und kommen vielleicht nicht ganz so schnell voran. Doch ankommen kann nur, wer sich irgendwann auf den Weg macht. David und ich beginnen unseren Aufstieg.
Unser Weg schlängelt sich durch die Felswand den Berg hinauf. Technisch gesehen ist es ein mittelschwerer Bergweg: Es gibt durchaus schwierige Passagen und ausgesetzte Stellen, aber die sind mit Ketten und Seilen gut gesichert. Ab und zu muss ich die Hände zu Hilfe nehmen, aber grundsätzlich ist der Weg durchaus machbar. Was ihn für David und mich so herausfordernd macht, ist die Tatsache, dass wir schon 5 Wanderstunden in den Knochen haben und nun noch einmal über 800 Höhenmeter überwinden müssen. Unser Wanderführer hatte uns vorgewarnt: "Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte darf nach der Venetberg-Überschreitung auch konditionell nicht unterschätzt werden." Doch David und ich sind entschlossen und arbeiten uns den Berg hinauf. Da der Regen den Fels tatsächlich sehr rutschig gemacht hat, müssen wir uns beim Gehen ganz besonders konzentrieren. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber ich habe das Gefühl als wäre es noch ein wenig kälter geworden. Dass ich mit dieser Einschätzung nicht falsch liege, wird deutlich, als der Regen nach etwa einer halben Stunde in Schnee übergeht. Das können wir absolut überhaupt nicht gebrauchen - aber was hilft es? Jetzt sind wir einmal auf dem Weg und für uns gibt es nun nur noch ein Ziel: Den Berg hinauf bis zur Braunschweiger Hütte.
Ich hätte nicht gedacht, dass 2,5 Stunden so lang sein können. Der Weg zieht sich wie Kaugummi, der Schnee wird immer dichter und ich werde immer kälter. Meine Kraft, Ausdauer und Konzentration lassen spürbar nach. Zudem habe ich das Gefühl, dass mein Rucksack mit jedem Schritt schwerer wird. Zum ersten Mal bereue ich, dass wir uns ohne Elefanten auf den Weg über die Alpen gemacht haben. Wo ist dieser verdammte Last-Elefant, wenn man ihn mal braucht?
David und ich beißen uns hoch. Nach einer etwas kniffligen Kletterstelle laufen wir nun über ein endloses Feld mit großen Gesteinsbrocken, über die man bei schönem Wetter vermutlich einfach so spazieren kann. Wir aber müssen jeden Fuß einzeln und vorsichtig setzen, um auf dem Schnee nicht auszurutschen, der inzwischen alles bedeckt. Mühsam kämpfen wir uns Meter um Meter voran. Immer wieder muss ich pausieren, aber nie halte ich es länger als 1-2 Minuten aus. Die Kälte kriecht einem sofort durch die Kleidung unter die Haut.
"Wie lange wird es wohl noch dauern?", fragt mich David bei der nächsten kurzen Pause. Der Schneefall wird immer stärker und das Gehen immer anstrengender. Vor längerer Zeit schon haben wir ein Schild passiert, auf dem die restliche Gehzeit bis zur Hütte mit einer Stunde angegeben war. "Eigentlich müssten wir bald da sein", schnaufe ich. Doch inzwischen bin ich mir sicher: Mit dieser Zeitangabe kann etwas nicht stimmen. Die angegebene Zeit ist nach meinem Gefühl inklusive akademischer Viertelstunde schon längst vergangen und eigentlich habe ich ein sehr gutes Zeitgefühl. Eigentlich. Andererseits vergeht die gefühlte Zeit gerade möglicherweise auch unglaublich langsam. Ich ärgere mich, dass ich am Schild nicht auf die Uhrzeit geachtet habe. Dafür hätte ich allerdings meine Handschuhe ausziehen und mein Handy aus der Jackentasche fummeln müssen. Das war mir zu mühselig gewesen. Nun könnte ich mich ohrfeigen deswegen. Doch da ich mit meinen Kräften haushalten muss, sehe ich davon ab. Ändern würde es ohnehin nichts. Wie zuverlässig auch immer die Zeitangabe auf dem Schild gewesen sein mag und wann auch immer wir es passiert haben: Wir müssen einfach weiter hinauf, bis wir die Hütte erreicht haben. Ich hoffe sehr, das dauert nicht mehr lang. So langsam gehen meine Reserven zur Neige.
Eine gefühlte Viertelstunde später frage ich mich ernsthaft, ob man so eine Hütte auch verpassen kann. David klettert ein kleines Stück vor mir. Durch den dichten Schnee kann ich ihn so gerade noch erkennen. Er ist mein Blick in die Zukunft, zumindest in die unmittelbare. Wenn wir die Hütte erreichen, wird er sie als erster sehen. Im Umkehrschluss heißt das: Solange er noch keinen Freudenschrei ausstößt, sind wir auch noch nicht da. Kann es nicht sein, dass wir an der Hütte vorbeigestiegen sind? Wenn ich so an meine Erfahrungen in den Alpen denke, ist es extrem unwahrscheinlich, dass man eine Hütte unbemerkt passiert und einfach vorbeiläuft. Auf der anderen Seite hätten wir schon längst da sein müssen. Wie viele Stunden kann eine Stunde dauern? Ich bleibe stehen und blinzle den Berg hinauf. Doch das Wetter ist inzwischen so schlecht, dass man kaum etwas sieht. Von einer Hütte ist jedenfalls weit und breit keine Spur.
Während ich darüber nachdenke, wie hilfreich Höhenmesser in solchen Situationen sind und zum zweiten Mal in Erwägung ziehe, mich selber zu ohrfeigen, dass ich auch daran nicht gedacht habe, spricht David endlich die erlösenden Worte: "Wir sind da!" Ich blick nach oben und sehe: nichts. Erst ein paar Schritte weiter kann ich die Braunschweiger Hütte vor uns ausmachen. Das Wetter ist so schlecht, dass man fast direkt davor stehen muss, um sie zu sehen. Die Außenterrasse ist völlig verschneit. Mit den tollen Sonnenschein-Fotos, die in unserem Wanderführer abgebildet sind, hat dies überhaupt nichts gemein. Doch selten war ich so froh, eine Hütte erreicht zu haben. Ich eile hinein und stehe zunächst einmal einfach nur da wie ein begossener Pudel und wärme mich auf.
Auch hier hat die Reservierung funktioniert. Ganz feudal werden wir statt im Lager in einem 4er-Zimmer untergebracht, dass wir überdies ganz für uns alleine haben. Über 180 Personen finden in der wunderschönen Braunschweiger Hütte Platz und nicht selten ist die Hütte komplett ausgebucht. Doch heute finden wir nur wenige Wanderer hier vor. Bei diesen schwierigen Wetterbedingungen haben wohl nicht viele den Aufstieg gewagt. Von unseren E5-Leidensgenossen, die wir bislang zuverlässig auf jeder Hütte wiedergesehen haben, entdecken wir keinen einzigen. Nachdem wir heiß geduscht haben, in trockene Klamotten geschlüpft sind und uns wieder mehr wie lebendige Menschen fühlen, trudeln dann doch noch ein paar von ihnen ein. Unter ihnen sind auch zwei Mädels - Alisa und Marina - die zeitgleich mit uns die Alpenüberquerung begonnen haben. Dass sie ebenso taff sind wie wir, haben sie bereits bewiesen. Heute Abend wollen wir testen, wer von uns mehr Glück beim Würfelspiel hat.
Die Ablenkung durch die gesellige Runde kommt mir sehr entgegen. Über die morgige Etappe, die unser Wanderführer als "eine der schwierigsten des gesamten E5" bezeichnet, mag ich gerade nicht nachdenken - und noch viel weniger über die Empfehlung, sie "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff zu nehmen. Während ich mich gedanklich mit kleinen und großen Straßen, Full House und diversen Päschen beschäftige, höre ich, wie der Hüttenwirt am Nachbartisch folgende Einschätzung abgibt: "Momentan sieht es wettermäßig nicht gut aus. Es schneit in einem fort. Das macht den Weg über die Jöcher sehr gefährlich. Wir müssen erst mal abwarten und morgen früh nochmal die Lage sondieren. Dann wissen wir mehr." Es sieht so aus als sollten Alisa, Marina, David und ich heute Abend besser nicht all unser Glück beim Kniffel aufbrauchen. Morgen werden wir noch jede Menge davon benötigen.
Ich seufze einmal schwer und blicke auf den Weg vor uns. Von 1.915 müssen David und ich nun auf 2.759 Meter Höhe hinauf. Rund 2,5 Stunden würden wir unter normalen Umständen dafür benötigen. Aber bei dem Regenwetter ist der Stein möglicherweise glitschig. Wir werden vorsichtig gehen müssen und kommen vielleicht nicht ganz so schnell voran. Doch ankommen kann nur, wer sich irgendwann auf den Weg macht. David und ich beginnen unseren Aufstieg.
Unser Weg schlängelt sich durch die Felswand den Berg hinauf. Technisch gesehen ist es ein mittelschwerer Bergweg: Es gibt durchaus schwierige Passagen und ausgesetzte Stellen, aber die sind mit Ketten und Seilen gut gesichert. Ab und zu muss ich die Hände zu Hilfe nehmen, aber grundsätzlich ist der Weg durchaus machbar. Was ihn für David und mich so herausfordernd macht, ist die Tatsache, dass wir schon 5 Wanderstunden in den Knochen haben und nun noch einmal über 800 Höhenmeter überwinden müssen. Unser Wanderführer hatte uns vorgewarnt: "Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte darf nach der Venetberg-Überschreitung auch konditionell nicht unterschätzt werden." Doch David und ich sind entschlossen und arbeiten uns den Berg hinauf. Da der Regen den Fels tatsächlich sehr rutschig gemacht hat, müssen wir uns beim Gehen ganz besonders konzentrieren. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber ich habe das Gefühl als wäre es noch ein wenig kälter geworden. Dass ich mit dieser Einschätzung nicht falsch liege, wird deutlich, als der Regen nach etwa einer halben Stunde in Schnee übergeht. Das können wir absolut überhaupt nicht gebrauchen - aber was hilft es? Jetzt sind wir einmal auf dem Weg und für uns gibt es nun nur noch ein Ziel: Den Berg hinauf bis zur Braunschweiger Hütte.
Ich hätte nicht gedacht, dass 2,5 Stunden so lang sein können. Der Weg zieht sich wie Kaugummi, der Schnee wird immer dichter und ich werde immer kälter. Meine Kraft, Ausdauer und Konzentration lassen spürbar nach. Zudem habe ich das Gefühl, dass mein Rucksack mit jedem Schritt schwerer wird. Zum ersten Mal bereue ich, dass wir uns ohne Elefanten auf den Weg über die Alpen gemacht haben. Wo ist dieser verdammte Last-Elefant, wenn man ihn mal braucht?
David und ich beißen uns hoch. Nach einer etwas kniffligen Kletterstelle laufen wir nun über ein endloses Feld mit großen Gesteinsbrocken, über die man bei schönem Wetter vermutlich einfach so spazieren kann. Wir aber müssen jeden Fuß einzeln und vorsichtig setzen, um auf dem Schnee nicht auszurutschen, der inzwischen alles bedeckt. Mühsam kämpfen wir uns Meter um Meter voran. Immer wieder muss ich pausieren, aber nie halte ich es länger als 1-2 Minuten aus. Die Kälte kriecht einem sofort durch die Kleidung unter die Haut.
"Wie lange wird es wohl noch dauern?", fragt mich David bei der nächsten kurzen Pause. Der Schneefall wird immer stärker und das Gehen immer anstrengender. Vor längerer Zeit schon haben wir ein Schild passiert, auf dem die restliche Gehzeit bis zur Hütte mit einer Stunde angegeben war. "Eigentlich müssten wir bald da sein", schnaufe ich. Doch inzwischen bin ich mir sicher: Mit dieser Zeitangabe kann etwas nicht stimmen. Die angegebene Zeit ist nach meinem Gefühl inklusive akademischer Viertelstunde schon längst vergangen und eigentlich habe ich ein sehr gutes Zeitgefühl. Eigentlich. Andererseits vergeht die gefühlte Zeit gerade möglicherweise auch unglaublich langsam. Ich ärgere mich, dass ich am Schild nicht auf die Uhrzeit geachtet habe. Dafür hätte ich allerdings meine Handschuhe ausziehen und mein Handy aus der Jackentasche fummeln müssen. Das war mir zu mühselig gewesen. Nun könnte ich mich ohrfeigen deswegen. Doch da ich mit meinen Kräften haushalten muss, sehe ich davon ab. Ändern würde es ohnehin nichts. Wie zuverlässig auch immer die Zeitangabe auf dem Schild gewesen sein mag und wann auch immer wir es passiert haben: Wir müssen einfach weiter hinauf, bis wir die Hütte erreicht haben. Ich hoffe sehr, das dauert nicht mehr lang. So langsam gehen meine Reserven zur Neige.
Eine gefühlte Viertelstunde später frage ich mich ernsthaft, ob man so eine Hütte auch verpassen kann. David klettert ein kleines Stück vor mir. Durch den dichten Schnee kann ich ihn so gerade noch erkennen. Er ist mein Blick in die Zukunft, zumindest in die unmittelbare. Wenn wir die Hütte erreichen, wird er sie als erster sehen. Im Umkehrschluss heißt das: Solange er noch keinen Freudenschrei ausstößt, sind wir auch noch nicht da. Kann es nicht sein, dass wir an der Hütte vorbeigestiegen sind? Wenn ich so an meine Erfahrungen in den Alpen denke, ist es extrem unwahrscheinlich, dass man eine Hütte unbemerkt passiert und einfach vorbeiläuft. Auf der anderen Seite hätten wir schon längst da sein müssen. Wie viele Stunden kann eine Stunde dauern? Ich bleibe stehen und blinzle den Berg hinauf. Doch das Wetter ist inzwischen so schlecht, dass man kaum etwas sieht. Von einer Hütte ist jedenfalls weit und breit keine Spur.
Während ich darüber nachdenke, wie hilfreich Höhenmesser in solchen Situationen sind und zum zweiten Mal in Erwägung ziehe, mich selber zu ohrfeigen, dass ich auch daran nicht gedacht habe, spricht David endlich die erlösenden Worte: "Wir sind da!" Ich blick nach oben und sehe: nichts. Erst ein paar Schritte weiter kann ich die Braunschweiger Hütte vor uns ausmachen. Das Wetter ist so schlecht, dass man fast direkt davor stehen muss, um sie zu sehen. Die Außenterrasse ist völlig verschneit. Mit den tollen Sonnenschein-Fotos, die in unserem Wanderführer abgebildet sind, hat dies überhaupt nichts gemein. Doch selten war ich so froh, eine Hütte erreicht zu haben. Ich eile hinein und stehe zunächst einmal einfach nur da wie ein begossener Pudel und wärme mich auf.
Auch hier hat die Reservierung funktioniert. Ganz feudal werden wir statt im Lager in einem 4er-Zimmer untergebracht, dass wir überdies ganz für uns alleine haben. Über 180 Personen finden in der wunderschönen Braunschweiger Hütte Platz und nicht selten ist die Hütte komplett ausgebucht. Doch heute finden wir nur wenige Wanderer hier vor. Bei diesen schwierigen Wetterbedingungen haben wohl nicht viele den Aufstieg gewagt. Von unseren E5-Leidensgenossen, die wir bislang zuverlässig auf jeder Hütte wiedergesehen haben, entdecken wir keinen einzigen. Nachdem wir heiß geduscht haben, in trockene Klamotten geschlüpft sind und uns wieder mehr wie lebendige Menschen fühlen, trudeln dann doch noch ein paar von ihnen ein. Unter ihnen sind auch zwei Mädels - Alisa und Marina - die zeitgleich mit uns die Alpenüberquerung begonnen haben. Dass sie ebenso taff sind wie wir, haben sie bereits bewiesen. Heute Abend wollen wir testen, wer von uns mehr Glück beim Würfelspiel hat.
Die Ablenkung durch die gesellige Runde kommt mir sehr entgegen. Über die morgige Etappe, die unser Wanderführer als "eine der schwierigsten des gesamten E5" bezeichnet, mag ich gerade nicht nachdenken - und noch viel weniger über die Empfehlung, sie "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff zu nehmen. Während ich mich gedanklich mit kleinen und großen Straßen, Full House und diversen Päschen beschäftige, höre ich, wie der Hüttenwirt am Nachbartisch folgende Einschätzung abgibt: "Momentan sieht es wettermäßig nicht gut aus. Es schneit in einem fort. Das macht den Weg über die Jöcher sehr gefährlich. Wir müssen erst mal abwarten und morgen früh nochmal die Lage sondieren. Dann wissen wir mehr." Es sieht so aus als sollten Alisa, Marina, David und ich heute Abend besser nicht all unser Glück beim Kniffel aufbrauchen. Morgen werden wir noch jede Menge davon benötigen.
Samstag, 17. Oktober 2015
Tag 4: Tag der Entscheidung
Üblicherweise ist das Wetter ein sehr beliebtes Small Talk-Thema, wenn man sonst nicht weiß, worüber man sich unterhalten soll. Ein wunderbarer Lückenfüller, mit dem man kaum etwas falsch machen kann: Wetter ist immer, alle können mitreden und wenn man möchte, kann man sich herrlich darüber aufregen, obwohl - oder gerade weil - es so viel Wichtigeres im Leben gibt. Auch am Morgen unseres vierten Wandertages ist das Wetter Thema Nummer eins am Frühstückstisch. Nicht nur an unserem übrigens: Etwa 30 weitere Wanderer haben sich wie David und ich gegen 7 Uhr im Berg-Restaurant zum Frühstück eingefunden und alle diskutieren sie nichts anderes als ihre Pläne für den heutigen und den morgigen Tag. Befreundete Wanderer stecken ihre Köpfe zusammen und tischübergreifend tauscht man sich auch mit fremden Wanderern über die Einschätzung der Lage aus. Das Thema "Wetter" bringt die Menschen eben zusammen. Doch diesmal geht um weit mehr als nur Small Talk: Aufgrund der schlechten Wetterlage muss sich heute Morgen jeder E5-Wanderer ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob es nicht vielleicht klüger und vor allem sicherer wäre, vom eigentlichen Wanderplan abzuweichen. Es geht dabei nicht um Bequemlichkeit oder den Wohlfühlfaktor. Man muss sich ehrlich fragen, ob es wirklich so sinnvoll ist, heute noch auf knapp 2.800 Meter aufzusteigen und morgen bei schlechtem Wetter eine der anspruchsvollsten Etappen des kompletten E5 zu absolvieren.
Auch David und ich gehen sorgsam unsere Optionen durch. Viele sind es nicht. Ehrlich gesagt, sind es genau zwei: Entweder wir steigen auf oder wir steigen aus. Beides hätte Konsequenzen für den Rest unserer Wandertour. Es fällt uns nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen - so viel hängt davon ab! Ich denke an meine Fernsehabende mit "Wer wird Millionär?", entscheide mich für den Publikumsjoker und gehe zum Nachbartisch, um dort ein Stimmungsbild einzuholen. "Steigt ihr heute noch zur Braunschweiger Hütte auf?", frage ich in die Runde und blicke in ernste und konzentriert blickende Gesichter. Viele sind noch unentschlossen, aber die meisten tendieren dazu in Wenns - einer kleinen Gemeinde im Pitztal, die man auf der heutigen Etappe passiert - die Wanderung für heute zu beenden und den Aufstieg zur Braunschweiger Hütte aufgrund der Wetterverhältnisse abzublasen. David und ich grübeln weiter, diskutieren, wägen ab und einigen uns schließlich auf einen Kompromiss: Wir treffen jetzt noch keine endgültige Entscheidung und laufen erst einmal bis Wenns. Dort bemühen wir noch einen zweiten Joker - den Telefonjoker nämlich - melden uns bei der Touristeninformation, holen uns von dort eine ganz aktuelle Wettervorhersage und erbitten einen Tipp von den dortigen Fachleuten, ob wir den Aufstieg heute noch wagen sollen. Fürs Erste beruhigt und mit einem klaren Plan vor Augen verlassen wir noch vor allen anderen gegen 7:40 Uhr die Venet Gipfelhütte.
Keine 10 Minuten sind wir unterwegs als uns an einer Wegegabelung ein Schild mit der Aufschrift "Panoramaweg" die richtige Richtung weist. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll und entscheide mich für ein verächtliches Schnauben. Von einem Panorama ist weit und breit nichts zu sehen. Es schneit zwar nicht, aber dafür regnet es mal wieder in Strömen. Das verheißt für den Tagesverlauf nichts Gutes. Mit Wehmut denke ich an den letzten Nachmittag zurück und sehne mich ins Trockene. Was habe ich mich gefreut als ich heute Morgen festgestellt habe, dass sämtliche Sachen über Nacht in unserem warmen Zimmer getrocknet waren! Nun werden sie alle wieder nass. Griesgrämig marschiere ich über den Panoramaweg, der für Wanderer sicher wunderschöne Ausblicke bereithält. Doch David und ich sehen heute nichts von alledem. Mehrere bewirtschaftete Almen passieren wir auf unserem Weg und jede lädt verführerisch ein zu einem heißen Getränk, einer warmen Mahlzeit oder gleich direkt einem kuscheligen Bett. Es ist ein Tag zum Bettdecke über den Kopf ziehen. Doch wir wandern weiter und halten nicht an. Wenn wir uns die Option offen halten wollen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen, dann sollten wir es nicht zu spät werden lassen. Die heutige Etappe besteht aus mehr als 8 Stunden reiner Wanderzeit, unterbrochen von einer knapp einstündigen Busfahrt von Wenns bis nach Mittelberg. Wenn wir dorthin wollen, sollten wir den Bus um 13:11 Uhr erwischen. Der nächste kommt dann nämlich erst zwei Stunden später. Und so verschärfen wir das Tempo, lassen alle Almen hinter uns, gehen bergauf und bergab und teilen uns einmal mehr den Weg mit großen Wassermassen, die sich auf unseren Wanderpfaden ihren Weg nach unten bahnen.
Als wir in Wenns ankommen, krame ich mein Handy aus der Tasche, checke die Uhrzeit und staune nicht schlecht: Es ist gerade mal kurz vor elf. In 10 Minuten fährt ein Bus nach Mittelberg, lesen wir auf der Anzeigetafel der Bushaltestelle. Heute ist Samstag und da fährt der Postbus alle zwei Stunden durch das Pitztal. Ich habe keine Ahnung wie wir die Wanderstrecke so schnell geschafft haben und auch David ist mächtig baff. Unser Wanderführer hatte für dieses Stück eine Wanderzeit von 4:20 Stunden angesetzt. Wir haben eine ganze Stunde weniger benötigt. Es wäre verführerisch, sich nun direkt in den Bus nach Mittelberg zu setzen und schon zwei Stunden früher dort zu sein. Doch wir wissen ja noch gar nicht, ob wir bei dem Wetter überhaupt dorthin fahren sollten und ziehen nun wie geplant Joker Nummer 2: den Telefonjoker. Es gibt vermutlich nur wenige, die die Berge, das Wetter, die Wege und die Bedingungen so gut kennen wie die Beschäftigten in den Touristeninformationen vor Ort. Da die Touristeninfo von Wenns praktischerweise 20 Meter die Straße herunter liegt, müssen wir nicht mal anrufen, sondern gehen gleich persönlich vorbei.
"Sie suchen bestimmt ein Zimmer oder eine Transfermöglichkeit ins Nachbartal!", versucht sich die Mitarbeiterin der Touristeninformation gut gelaunt im Gedanken lesen als wir tropfnass ihr Büro betreten. "Ehrlicherweise interessiert uns das genaue Gegenteil", erkläre ich ihr und ziehe mir umständlich die nasse Kapuze vom Kopf. "Wir überlegen, ob wir nicht trotzdem zur Braunschweiger Hütte aufsteigen. Würden Sie das empfehlen?" Unser Gegenüber blickt uns überrascht an, denkt einen kurzen Moment nach und antwortet mit einem entschiedenen "Joa, keine Ahnung". Nun ist es an uns, überrascht zu gucken. So hatten wir uns nicht vorgestellt. Das klingt jetzt nicht nach der großen Entscheidungshilfe, auf die wir gehofft hatten. "Der Aufstieg heute kann schon sehr schwierig werden. Und vielleicht ist das Wetter morgen zu schlecht für die Joch-Überquerung. Es kann aber auch gut gehen", schiebt die Mitarbeiterin in der Touristeninformation hinterher und lächelt ein wenig verlegen.
Ich bin total enttäuscht. Ganz ehrlich: Wir sind jetzt genau so schlau wie vorher. Auch der zweite Joker ist verspielt und wir sind einer Antwort auf unsere Frage noch keinen Schritt näher gekommen: "Was tun?" David schlägt vor, nochmal zurück zur Bushaltestelle zu gehen und unser Glück mit dem früheren Bus zu versuchen. Vielleicht finden wir in Mittelberg eine Antwort. Ein vernünftiger Vorschlag, finde ich. Strammen Schrittes eilen wir zurück und haben tatsächlich Glück. "2 Minuten" lesen wir auf der Anzeigetafel und kurz später fährt der Postbus tatsächlich ein. Wir kennen keinen der Leute, die außer uns noch zusteigen oder bereits im Bus sitzen - wir scheinen tatsächlich die ersten zu sein. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt bis Mittelberg und von dort wandern wir noch einmal eine halbe Stunde weiter, um an der Gletscherhütte Station zu machen. Hier wollen wir unseren dritten und letzten Joker spielen und den Wirt um Rat fragen. Die Hüttenwirte in den Bergen sind wirklich die besten Wetter- und Wanderexperten. Auf die Einschätzung von einem Hüttenwirt kann man sich blind verlassen. Zur Not kann man in der Gletscherhütte auch übernachten.
"Würden Sie empfehlen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen?", frage ich, nachdem wir unsere nassen Sachen aufgehängt und zwei heiße Schokoladen bestellt haben. Ich blicke den Wirt gespannt an. Showdown: Das ist der alles entscheidende Moment. Wie wird er die Situation sehen? Doch wieder werden wir enttäuscht. "Vom Wandern habe ich leider überhaupt keine Ahnung", gesteht uns der Wirt und zuckt nur mit den Schultern. "Mit Sahne oder ohne?"
Ich bin fassungslos. Ein Hüttenwirt, der vom Wandern keine Ahnung hat? So einer ist mir wirklich noch nie begegnet. Ich kann das gar nicht glauben. Statt einer heißen Schokolade hätte ich besser einen Schnaps bestellt. Und nun stehen wir da: Sämtliche Joker haben wir verspielt und noch immer sind wir einer Antwort auf die alles entscheidende Frage keinen Schritt näher gekommen. Ich blicke frustriert durch das Hüttenfester nach draußen. Es regnet. Ich blicke in Davids Gesicht. Der schaut mich an. Wir müssen nun eine Entscheidung treffen.
Und auf einmal geht es ganz schnell: Ich sage nur einen Satz. David nickt. Damit ist es besiegelt. Ich hoffe inständig es war richtige Entschluss.
Auch David und ich gehen sorgsam unsere Optionen durch. Viele sind es nicht. Ehrlich gesagt, sind es genau zwei: Entweder wir steigen auf oder wir steigen aus. Beides hätte Konsequenzen für den Rest unserer Wandertour. Es fällt uns nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen - so viel hängt davon ab! Ich denke an meine Fernsehabende mit "Wer wird Millionär?", entscheide mich für den Publikumsjoker und gehe zum Nachbartisch, um dort ein Stimmungsbild einzuholen. "Steigt ihr heute noch zur Braunschweiger Hütte auf?", frage ich in die Runde und blicke in ernste und konzentriert blickende Gesichter. Viele sind noch unentschlossen, aber die meisten tendieren dazu in Wenns - einer kleinen Gemeinde im Pitztal, die man auf der heutigen Etappe passiert - die Wanderung für heute zu beenden und den Aufstieg zur Braunschweiger Hütte aufgrund der Wetterverhältnisse abzublasen. David und ich grübeln weiter, diskutieren, wägen ab und einigen uns schließlich auf einen Kompromiss: Wir treffen jetzt noch keine endgültige Entscheidung und laufen erst einmal bis Wenns. Dort bemühen wir noch einen zweiten Joker - den Telefonjoker nämlich - melden uns bei der Touristeninformation, holen uns von dort eine ganz aktuelle Wettervorhersage und erbitten einen Tipp von den dortigen Fachleuten, ob wir den Aufstieg heute noch wagen sollen. Fürs Erste beruhigt und mit einem klaren Plan vor Augen verlassen wir noch vor allen anderen gegen 7:40 Uhr die Venet Gipfelhütte.
Keine 10 Minuten sind wir unterwegs als uns an einer Wegegabelung ein Schild mit der Aufschrift "Panoramaweg" die richtige Richtung weist. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll und entscheide mich für ein verächtliches Schnauben. Von einem Panorama ist weit und breit nichts zu sehen. Es schneit zwar nicht, aber dafür regnet es mal wieder in Strömen. Das verheißt für den Tagesverlauf nichts Gutes. Mit Wehmut denke ich an den letzten Nachmittag zurück und sehne mich ins Trockene. Was habe ich mich gefreut als ich heute Morgen festgestellt habe, dass sämtliche Sachen über Nacht in unserem warmen Zimmer getrocknet waren! Nun werden sie alle wieder nass. Griesgrämig marschiere ich über den Panoramaweg, der für Wanderer sicher wunderschöne Ausblicke bereithält. Doch David und ich sehen heute nichts von alledem. Mehrere bewirtschaftete Almen passieren wir auf unserem Weg und jede lädt verführerisch ein zu einem heißen Getränk, einer warmen Mahlzeit oder gleich direkt einem kuscheligen Bett. Es ist ein Tag zum Bettdecke über den Kopf ziehen. Doch wir wandern weiter und halten nicht an. Wenn wir uns die Option offen halten wollen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen, dann sollten wir es nicht zu spät werden lassen. Die heutige Etappe besteht aus mehr als 8 Stunden reiner Wanderzeit, unterbrochen von einer knapp einstündigen Busfahrt von Wenns bis nach Mittelberg. Wenn wir dorthin wollen, sollten wir den Bus um 13:11 Uhr erwischen. Der nächste kommt dann nämlich erst zwei Stunden später. Und so verschärfen wir das Tempo, lassen alle Almen hinter uns, gehen bergauf und bergab und teilen uns einmal mehr den Weg mit großen Wassermassen, die sich auf unseren Wanderpfaden ihren Weg nach unten bahnen.
Als wir in Wenns ankommen, krame ich mein Handy aus der Tasche, checke die Uhrzeit und staune nicht schlecht: Es ist gerade mal kurz vor elf. In 10 Minuten fährt ein Bus nach Mittelberg, lesen wir auf der Anzeigetafel der Bushaltestelle. Heute ist Samstag und da fährt der Postbus alle zwei Stunden durch das Pitztal. Ich habe keine Ahnung wie wir die Wanderstrecke so schnell geschafft haben und auch David ist mächtig baff. Unser Wanderführer hatte für dieses Stück eine Wanderzeit von 4:20 Stunden angesetzt. Wir haben eine ganze Stunde weniger benötigt. Es wäre verführerisch, sich nun direkt in den Bus nach Mittelberg zu setzen und schon zwei Stunden früher dort zu sein. Doch wir wissen ja noch gar nicht, ob wir bei dem Wetter überhaupt dorthin fahren sollten und ziehen nun wie geplant Joker Nummer 2: den Telefonjoker. Es gibt vermutlich nur wenige, die die Berge, das Wetter, die Wege und die Bedingungen so gut kennen wie die Beschäftigten in den Touristeninformationen vor Ort. Da die Touristeninfo von Wenns praktischerweise 20 Meter die Straße herunter liegt, müssen wir nicht mal anrufen, sondern gehen gleich persönlich vorbei.
"Sie suchen bestimmt ein Zimmer oder eine Transfermöglichkeit ins Nachbartal!", versucht sich die Mitarbeiterin der Touristeninformation gut gelaunt im Gedanken lesen als wir tropfnass ihr Büro betreten. "Ehrlicherweise interessiert uns das genaue Gegenteil", erkläre ich ihr und ziehe mir umständlich die nasse Kapuze vom Kopf. "Wir überlegen, ob wir nicht trotzdem zur Braunschweiger Hütte aufsteigen. Würden Sie das empfehlen?" Unser Gegenüber blickt uns überrascht an, denkt einen kurzen Moment nach und antwortet mit einem entschiedenen "Joa, keine Ahnung". Nun ist es an uns, überrascht zu gucken. So hatten wir uns nicht vorgestellt. Das klingt jetzt nicht nach der großen Entscheidungshilfe, auf die wir gehofft hatten. "Der Aufstieg heute kann schon sehr schwierig werden. Und vielleicht ist das Wetter morgen zu schlecht für die Joch-Überquerung. Es kann aber auch gut gehen", schiebt die Mitarbeiterin in der Touristeninformation hinterher und lächelt ein wenig verlegen.
Ich bin total enttäuscht. Ganz ehrlich: Wir sind jetzt genau so schlau wie vorher. Auch der zweite Joker ist verspielt und wir sind einer Antwort auf unsere Frage noch keinen Schritt näher gekommen: "Was tun?" David schlägt vor, nochmal zurück zur Bushaltestelle zu gehen und unser Glück mit dem früheren Bus zu versuchen. Vielleicht finden wir in Mittelberg eine Antwort. Ein vernünftiger Vorschlag, finde ich. Strammen Schrittes eilen wir zurück und haben tatsächlich Glück. "2 Minuten" lesen wir auf der Anzeigetafel und kurz später fährt der Postbus tatsächlich ein. Wir kennen keinen der Leute, die außer uns noch zusteigen oder bereits im Bus sitzen - wir scheinen tatsächlich die ersten zu sein. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt bis Mittelberg und von dort wandern wir noch einmal eine halbe Stunde weiter, um an der Gletscherhütte Station zu machen. Hier wollen wir unseren dritten und letzten Joker spielen und den Wirt um Rat fragen. Die Hüttenwirte in den Bergen sind wirklich die besten Wetter- und Wanderexperten. Auf die Einschätzung von einem Hüttenwirt kann man sich blind verlassen. Zur Not kann man in der Gletscherhütte auch übernachten.
"Würden Sie empfehlen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen?", frage ich, nachdem wir unsere nassen Sachen aufgehängt und zwei heiße Schokoladen bestellt haben. Ich blicke den Wirt gespannt an. Showdown: Das ist der alles entscheidende Moment. Wie wird er die Situation sehen? Doch wieder werden wir enttäuscht. "Vom Wandern habe ich leider überhaupt keine Ahnung", gesteht uns der Wirt und zuckt nur mit den Schultern. "Mit Sahne oder ohne?"
Ich bin fassungslos. Ein Hüttenwirt, der vom Wandern keine Ahnung hat? So einer ist mir wirklich noch nie begegnet. Ich kann das gar nicht glauben. Statt einer heißen Schokolade hätte ich besser einen Schnaps bestellt. Und nun stehen wir da: Sämtliche Joker haben wir verspielt und noch immer sind wir einer Antwort auf die alles entscheidende Frage keinen Schritt näher gekommen. Ich blicke frustriert durch das Hüttenfester nach draußen. Es regnet. Ich blicke in Davids Gesicht. Der schaut mich an. Wir müssen nun eine Entscheidung treffen.
Und auf einmal geht es ganz schnell: Ich sage nur einen Satz. David nickt. Damit ist es besiegelt. Ich hoffe inständig es war richtige Entschluss.
Samstag, 10. Oktober 2015
Tag 3: Neue Pläne
Treuer und unschätzbar wertvoller Begleiter auf unserer Tour über die Alpen ist ein kleines rotes Büchlein. Es misst etwa 16 cm in der Höhe und 11,5 cm in der Breite, passt damit in jede Wanderhosentasche und beschreibt auf 240 Seiten nicht nur jede einzelne Etappe unserer Alpenüberquerung, sondern sogar sämtliche Etappen des E5 zwischen Konstanz am Bodensee und Verona in Norditalien. 31 Tagesetappen werden hier sehr exakt und durchaus kurzweilig beschrieben. Hinweise auf schwierige Passagen fehlen ebenso wenig wie mögliche Umgehungsmöglichkeiten und Schlechtwetter-Varianten. Alle wichtigen Infos zu den Unterkünften sind aufgelistet, dazu gibt es Hinweise auf Einkaufsmöglichkeiten unterwegs, detaillierte Karten und absolut zuverlässige Höhen- und Zeitangaben. Es ist nicht weniger als die Bibel der E5-Wanderer und wird abends in jeder Hütte im Dutzend aus Rucksäcken und Hosentaschen gekramt und intensiv studiert. Witzigerweise ist dieses Buch nicht nur ein roter Wanderführer, sondern auch ein Rother Wanderführer, denn Herausgeber ist der Rother Bergverlag. Es existiert auch ein Konkurrenzprodukt, das David und ich in der Memminger Hütte wie eine seltene Briefmarke bestaunt haben. Der Unterschied, der einem als erstes ins Auge springt, ist die Farbe: Der andere Wanderführer ist nämlich grün. Inkonsequenterweise wird er vom Bruckmann Verlag herausgegeben, was ich wenig einleuchtend finde. Die Besitzer des Bruckmanns Wanderführer schienen auch nicht sonderlich glücklich mit ihrer Wahl zu sein und fanden insbesondere die nötigen Anforderungen für die einzelnen Etappen nicht gut beschrieben. Dem Rother Wanderführer kann man nach meiner Erfahrung absolut vertrauen: Wenn davon die Rede ist, ein Teilstück sei anspruchsvoll und sehr herausfordernd, dann ist es auch genau das.
"Lust auf einen Kaffee?", frage ich David, nachdem ich mich mit einem großen Seufzer auf der Terrasse der Unterlochalm niedergelassen habe. "Viel zu früh für Kaffee!", brummt David, murmelt "Ich geh schon" und bestellt zwei Bier. Mein Neffe denkt praktisch. Ich mag das. Als David wieder zurück ist, spreche ich das an, was mir schon seit Tagesbeginn Sorgen macht: "Das Wetter soll schlechter werden. Vor allem kälter. Die Schneefallgrenze sinkt bis auf 1.800 Meter." Das sind keine guten Nachrichten für uns. Morgen steigen wir zur Braunschweiger Hütte auf. Die liegt am Ende des Pitztals auf 2.758 Meter Höhe. Tags darauf kommt es noch heftiger. "Du weißt, was uns übermorgen erwartet?", frage ich David. Der nickt. Wir müssen rauf bis auf knapp 3.000 Meter. Ich ziehe den Wanderführer aus der Tasche, schlage Seite 106 auf und zitiere die Beschreibung vom fünften Wandertag: "Die heutige Etappe sollte nur bei wirklich gutem Wetter in Angriff genommen werden. Bei Feuchtigkeit werden die Steige rutschig, Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Die Etappe, die uns übermorgen erwartet, nennt unser Wanderführer schnörkellos: "Eine der schwierigsten Etappen dieses Führers". Ich lasse den Wanderführer sinken und blicke David an. "Was machen wir?" David braucht nicht lange zu überlegen. "Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Was hältst du davon, wenn wir heute Nachmittag noch ein kleines Stückchen weiter gehen und oben auf dem Gipfel des Venetberges übernachten? Dann können wir morgen früher los und haben schon mal mehr Zeit für die nächste Etappe. Das macht uns flexibler."
Eigentlich haben wir für heute Abend eine Übernachtung in der Skihütte Zams gebucht. Die Skihütte Zams liegt auf 1.870 Metern Höhe rund 400 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Venetberges. Laut Wanderführer bezwingt man diesen Gipfel am besten mit der Bergbahn. Die Skihütte liegt auf Höhe der Mittelstation. Jeder, der dort übernachtet, muss also am Morgen auf die erste Bahn warten, um seine Tagesetappe zu beginnen. So gesehen bietet Davids Vorschlag einen handfesten Vorteil: Wenn wir heute schon auf den Gipfel des Venetberges fahren und in der dortigen Hütte übernachten, sind wir absolut frei in unserer Entscheidung, wann wir morgens losziehen. Hieraus ergibt sich noch ein weiterer positiver Effekt: Der Plan für den morgigen Tag weist nicht nur 8:15 Stunden reine Wanderzeit auf, sondern beinhaltet auch eine knapp einstündige Fahrt mit dem Postbus. Zugegeben: Es klingt seltsam, dass die Alpenüberquerung zu Fuß auch eine Busfahrt vorsieht. Aber als der Vater des E5 Hans Schmidt vor über 30 Jahren den von ihm gerade gegründeten Fernwanderweg lief, mag der Fußweg durch das Pitztal noch sehr reizvoll gewesen sein. Heutzutage macht sich die Pitztaler Landstraße in dem engen Tal derart breit, dass für E5-Wanderer kaum noch Platz bleibt. Es ist tatsächlich sinnvoller, die 30 Kilometer bis ans Talende mit dem Bus zurücklegen. Dieser Bus fährt nur zu speziellen Zeiten und wenn David und ich uns zeitig auf den Weg machen können, erwischen wir einen früheren Bus und sind deutlich früher in Mittelberg am Ende des Pitztals, wo der letzte Anstieg zur Braunschweiger Hütte auf uns wartet. Ganz in Ruhe können wir dort überlegen, ob wir ihn wagen wollen. Falls uns der Aufstieg zu gefährlich erscheint, können wir immer noch in Mittelberg eine Übernachtung einschieben.
Ich bin beeindruckt von Davids Vorschlag. Das Problem der Schlechtwetterfront wird dadurch nicht gelöst, aber wir haben deutlich mehr Zeit, um in Ruhe die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Ich klopfe David anerkennend auf die Schulter. Wir leeren unser Bier, schultern unsere Rucksäcke und machen uns an unseren finalen Abstieg ins Tal, der noch 2 Stunden dauern soll.
Der Weg nach Zams im Oberinntal führt über einen wunderschönen Bergweg, der noch ein ganzes Stück schöner wird als plötzlich die Sonne rauskommt. Mit dem Verschwinden von dunklen Wolken über uns lösen sich auch ein paar dunkle Wolken in meinem Kopf auf. Vielleicht wird es in den nächsten Tag ja auch nur kalt, bleibt aber trocken? Das würde einige unserer Probleme lösen.
Punkt 14 Uhr erreichen wir die kleine Gemeinde Zams und es scheint als sei das Glück zu uns zurückgekehrt. Die Sonne brennt inzwischen so heiß, dass ich zum Schutz eine Mütze aufziehen muss und im Restaurant, in dem wir uns zum Mittagessen niedergelassen haben, hat die warme Küche zwar gerade geschlossen, aber der Restaurantbesitzer höchstpersönlich erbarmt sich unser und gibt Anweisung, den beiden hungrig dreinschauenden Wandergesellen noch fix ein Wiener Schnitzel zu braten. Und ohne zu übertreiben muss ich gestehen: Ein besseres Schnitzel habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gegessen.
Unsere Glückssträhne hält: Die Skihütte Zams erhebt für die Stornierung der Übernachtung keine Gebühr und die Gipfelhütte auf dem Venetberg empfängt uns mit einem kaum für möglich gehaltenen Luxus: freies WLAN, ein 5er-Zimmer für uns ganz alleine, richtige Betten, eine eigenen Toilette und eine eigene Dusche mit heißem Wasser ohne Limit! Nicht einmal unsere Hüttenschlafsäcke müssen wir auspacken, denn es gibt richtige Bettwäsche. Auch Handtücher sind da! David und ich sind vor derart viel Komfort und Annehmlichkeiten geradezu erschlagen. Ich schmeiße mich aufs Bett und genieße die positive Wende unseres Schicksals. Im Geiste sehe ich uns bei kaltem, aber sonnigen Wetter beschwingt zur Braunschweiger Hütte laufen und die mahnenden Worte vor "einer der schwierigsten Etappen dieses Führers" verlieren ihren Schrecken.
"Markus?" David reist mich aus meinen Tagträumereien. "Das solltest du dir ansehen!" David steht am Fenster und blickt nach draußen. Ehrlich gesagt habe ich gerade keine Lust aufzustehen. Die Matratzen hier sind verdammt bequem. Ich entscheide mich, liegen zu bleiben. "Was denn?", rufe ich zu David hinüber. "Nunja", sagt der, dreht sich um und blickt mich sorgenvoll an: "Es schneit."
"Lust auf einen Kaffee?", frage ich David, nachdem ich mich mit einem großen Seufzer auf der Terrasse der Unterlochalm niedergelassen habe. "Viel zu früh für Kaffee!", brummt David, murmelt "Ich geh schon" und bestellt zwei Bier. Mein Neffe denkt praktisch. Ich mag das. Als David wieder zurück ist, spreche ich das an, was mir schon seit Tagesbeginn Sorgen macht: "Das Wetter soll schlechter werden. Vor allem kälter. Die Schneefallgrenze sinkt bis auf 1.800 Meter." Das sind keine guten Nachrichten für uns. Morgen steigen wir zur Braunschweiger Hütte auf. Die liegt am Ende des Pitztals auf 2.758 Meter Höhe. Tags darauf kommt es noch heftiger. "Du weißt, was uns übermorgen erwartet?", frage ich David. Der nickt. Wir müssen rauf bis auf knapp 3.000 Meter. Ich ziehe den Wanderführer aus der Tasche, schlage Seite 106 auf und zitiere die Beschreibung vom fünften Wandertag: "Die heutige Etappe sollte nur bei wirklich gutem Wetter in Angriff genommen werden. Bei Feuchtigkeit werden die Steige rutschig, Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Die Etappe, die uns übermorgen erwartet, nennt unser Wanderführer schnörkellos: "Eine der schwierigsten Etappen dieses Führers". Ich lasse den Wanderführer sinken und blicke David an. "Was machen wir?" David braucht nicht lange zu überlegen. "Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Was hältst du davon, wenn wir heute Nachmittag noch ein kleines Stückchen weiter gehen und oben auf dem Gipfel des Venetberges übernachten? Dann können wir morgen früher los und haben schon mal mehr Zeit für die nächste Etappe. Das macht uns flexibler."
Eigentlich haben wir für heute Abend eine Übernachtung in der Skihütte Zams gebucht. Die Skihütte Zams liegt auf 1.870 Metern Höhe rund 400 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Venetberges. Laut Wanderführer bezwingt man diesen Gipfel am besten mit der Bergbahn. Die Skihütte liegt auf Höhe der Mittelstation. Jeder, der dort übernachtet, muss also am Morgen auf die erste Bahn warten, um seine Tagesetappe zu beginnen. So gesehen bietet Davids Vorschlag einen handfesten Vorteil: Wenn wir heute schon auf den Gipfel des Venetberges fahren und in der dortigen Hütte übernachten, sind wir absolut frei in unserer Entscheidung, wann wir morgens losziehen. Hieraus ergibt sich noch ein weiterer positiver Effekt: Der Plan für den morgigen Tag weist nicht nur 8:15 Stunden reine Wanderzeit auf, sondern beinhaltet auch eine knapp einstündige Fahrt mit dem Postbus. Zugegeben: Es klingt seltsam, dass die Alpenüberquerung zu Fuß auch eine Busfahrt vorsieht. Aber als der Vater des E5 Hans Schmidt vor über 30 Jahren den von ihm gerade gegründeten Fernwanderweg lief, mag der Fußweg durch das Pitztal noch sehr reizvoll gewesen sein. Heutzutage macht sich die Pitztaler Landstraße in dem engen Tal derart breit, dass für E5-Wanderer kaum noch Platz bleibt. Es ist tatsächlich sinnvoller, die 30 Kilometer bis ans Talende mit dem Bus zurücklegen. Dieser Bus fährt nur zu speziellen Zeiten und wenn David und ich uns zeitig auf den Weg machen können, erwischen wir einen früheren Bus und sind deutlich früher in Mittelberg am Ende des Pitztals, wo der letzte Anstieg zur Braunschweiger Hütte auf uns wartet. Ganz in Ruhe können wir dort überlegen, ob wir ihn wagen wollen. Falls uns der Aufstieg zu gefährlich erscheint, können wir immer noch in Mittelberg eine Übernachtung einschieben.
Ich bin beeindruckt von Davids Vorschlag. Das Problem der Schlechtwetterfront wird dadurch nicht gelöst, aber wir haben deutlich mehr Zeit, um in Ruhe die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Ich klopfe David anerkennend auf die Schulter. Wir leeren unser Bier, schultern unsere Rucksäcke und machen uns an unseren finalen Abstieg ins Tal, der noch 2 Stunden dauern soll.
Der Weg nach Zams im Oberinntal führt über einen wunderschönen Bergweg, der noch ein ganzes Stück schöner wird als plötzlich die Sonne rauskommt. Mit dem Verschwinden von dunklen Wolken über uns lösen sich auch ein paar dunkle Wolken in meinem Kopf auf. Vielleicht wird es in den nächsten Tag ja auch nur kalt, bleibt aber trocken? Das würde einige unserer Probleme lösen.
Punkt 14 Uhr erreichen wir die kleine Gemeinde Zams und es scheint als sei das Glück zu uns zurückgekehrt. Die Sonne brennt inzwischen so heiß, dass ich zum Schutz eine Mütze aufziehen muss und im Restaurant, in dem wir uns zum Mittagessen niedergelassen haben, hat die warme Küche zwar gerade geschlossen, aber der Restaurantbesitzer höchstpersönlich erbarmt sich unser und gibt Anweisung, den beiden hungrig dreinschauenden Wandergesellen noch fix ein Wiener Schnitzel zu braten. Und ohne zu übertreiben muss ich gestehen: Ein besseres Schnitzel habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gegessen.
Unsere Glückssträhne hält: Die Skihütte Zams erhebt für die Stornierung der Übernachtung keine Gebühr und die Gipfelhütte auf dem Venetberg empfängt uns mit einem kaum für möglich gehaltenen Luxus: freies WLAN, ein 5er-Zimmer für uns ganz alleine, richtige Betten, eine eigenen Toilette und eine eigene Dusche mit heißem Wasser ohne Limit! Nicht einmal unsere Hüttenschlafsäcke müssen wir auspacken, denn es gibt richtige Bettwäsche. Auch Handtücher sind da! David und ich sind vor derart viel Komfort und Annehmlichkeiten geradezu erschlagen. Ich schmeiße mich aufs Bett und genieße die positive Wende unseres Schicksals. Im Geiste sehe ich uns bei kaltem, aber sonnigen Wetter beschwingt zur Braunschweiger Hütte laufen und die mahnenden Worte vor "einer der schwierigsten Etappen dieses Führers" verlieren ihren Schrecken.
"Markus?" David reist mich aus meinen Tagträumereien. "Das solltest du dir ansehen!" David steht am Fenster und blickt nach draußen. Ehrlich gesagt habe ich gerade keine Lust aufzustehen. Die Matratzen hier sind verdammt bequem. Ich entscheide mich, liegen zu bleiben. "Was denn?", rufe ich zu David hinüber. "Nunja", sagt der, dreht sich um und blickt mich sorgenvoll an: "Es schneit."
Dienstag, 6. Oktober 2015
Tag 3: Die erste Schlüsselstelle
Zwei Schritte noch und ich habe den kleinen Absatz erreicht, der mir gerade eben genug Platz bietet, um kurz zur Seite zu treten und meinen Rucksack abzusetzen. "Zwei Minuten Pause", rufe ich David zu, der ein paar Meter vor mir geht und nun ebenfalls kurz anhält. Ich seufze einmal schwer, hebe umständlich mein Wandergepäck vom Rücken und massiere meine schmerzende linke Schulter. Es ist der dritte Wandertag, seit gut einer Stunde sind wir nun unterwegs und obwohl ich sehr gut geschlafen habe, bin ich immer noch ein wenig müde. Wie die Ölsardinien zusammengepfercht haben wir mit rund einem Dutzend Wanderern in unserem Lager die Nacht verbracht. Sehr zeitig wollten David und ich heute Morgen aufstehen, doch als der Wecker klingelte, fühlte ich mich so kaputt, dass ich zwei Mal hintereinander auf die Schlummertaste gedrückt habe. Aufstehen, Anziehen, Frühstücken - alles lief heute früh etwas schwerfällig.
Ich blicke zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. In der Ferne lugt die Memminger Hütte um die Ecke. Ich denke daran, wie froh und glücklich ich gestern Abend noch war, in einer trockenen und warmen Bleibe für die Nacht angekommen zu sein. Heute Morgen hätte ich mir gewünscht, dass auch meine Wandersocken und meine Schuhe trocken und warm gewesen wären. Bewirtschaftete Berghütten haben häufig auch einen beheizten und belüfteten Trockenraum, in dem man über Nacht Schuhe und nasse Kleidung trocknen lassen kann. Erfahrungsgemäß sind manche Trockenräume äußerst effektiv, andere hingegen nicht ganz so sehr. Der Trockenraum der Memminger Hütte hat zumindest in der letzten Nacht bei meiner Kleidung keinen erkennbaren Erfolg erzielt. Vielleicht waren die Menge der Kleidungsstücke und die viele Feuchtigkeit aufgrund des starken Gewitters einfach zu viel für das Gebläse. Vielleicht war es auch nicht hilfreich, dass irgendein besonders schlauer Wanderer ein Fenster nach draußen offen gelassen hatte. Woran auch immer es gelegen haben mag: Morgens in nasse Socken und nasse Schuhe zu schlüpfen, wirkt nicht sonderlich stimmungserhellend. Immerhin ist heute der Regen bislang ausgeblieben. Ich gebe mich optimistisch und nutze unsere kurze Verschnaufpause, um meine Regenjacke auszuziehen und in ein Staufach auf der Rucksackfront zu stopfen.
Als ich wieder aufsehe, wende ich den Blick den Berg hinauf auf das Teilstück, das unmittelbar vor uns liegt. Wie auf eine Perlenschnur gereiht klettern eine ganze Reihe Bergsteiger im Gänsemarsch den Berg hinauf. Auch weiter entfernt sind sie gut erkennbar als kleine farbige Punkte. Ihre Rucksack-Regenhüllen leuchten in den unterschiedlichsten Farben. Die einen sind blau, andere rot, manche orange und wieder andere grün. Eigentlich ist es ganz hübsch anzuschauen, aber der Grund dafür, dass sie sich hintereinander stauen, gefällt mir überhaupt nicht. "Okey-dokey!", rufe ich David zu, schultere meinen Rucksack, nehme einen Schluck Wasser und wende mich wieder bergauf.
Bevor ich mich an die Alpenüberquerung über den Europäischen Fernwanderweg E5 herangewagt habe, habe ich intensiv im Internet recherchiert. Durchschnittlich geübt und körperlich fit sollte man sein, war die einhellige Meinung. Konditionell sei die 6-Tages-Tour nicht zu unterschätzen und auch die Auswirkungen auf Muskulatur und Gelenke seien enorm. Doch vor den Anforderungen an meine Ausdauer war ich nicht bange. Hier fühlte ich mich gut gerüstet. Etwas anderes machte mir Sorgen: Ich bin nicht schwindelfrei. Ich hüpfe nicht schreiend vom Berg, sobald es etwas kniffliger wird, und rufe auch nicht panisch nach dem Hubschrauber, aber an besonders ausgesetzten Stellen muss ich mich konzentrieren und sollte besser nicht nach unten blicken. Im Vorfeld habe ich den E5 ausgiebig auf solche Stellen hin abgeklopft. Manche E5-Wanderer sehen in der Seescharte eine Schlüsselstelle, die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt voraussetzt. Die Seescharte ist ein Sattel auf 2.599 Metern Höhe, für den man die letzten Höhenmeter steil über Geröll und Schrofen klettern muss und der teilweise mit Stahlseilen gesichert wurde. Hier sollte man sicherheitshalber beide Hände benutzen. Wie am berühmten Hillary Step kommt es deshalb auch hier manchmal zu Staus. Einen solchen sehe ich vor mir, denn die Seescharte ist nur wenige Meter von mir entfernt.
Doch anders als an der berühmten Steilstufe am Gipfelgrat des Mount Everests muss ich hier keine Stunden in klirrender Kälte ausharren. Schon nach kürzester Zeit bin ich an der Reihe, reiche David, der schon voran geklettert ist, meine Stöcke, vermeide den Blick nach unten, setze sorgsam einen Fuß vor den anderen und bin auf dem Sattel, noch bevor die Kletterei richtig begonnen hat. Ich bin fast schon ein wenig enttäuscht, dass sich dieses Teilstück als harmloser Spaziergang mit kurzfristigem Handeinsatz geoutet hat. Dem Wanderer vor mir, der auf der anderen Seite der Seescharte schon wieder herunterklettert, attestiere ich in meiner Erleichterung vielleicht ein bisschen zu überschwänglich, einen verdammt geilen Rucksack auf dem Rücken zu tragen. Der reagiert verständlicherweise etwas irritiert, ist jedoch seinerseits so sehr mit dem Abstieg beschäftigt, dass er sich nicht allzu sehr von mir verwirren lässt. Wir trugen natürlich exakt dasselbe Fabrikat. Vielleicht ist die Seescharte nicht der beste Ort, um neue Bekanntschaften zu schließen oder Rucksackfachgespräche zu führen.
Mein Abstieg vom Sattel verläuft ebenso unspektakulär und harmlos wie mein Aufstieg. Zu Hilfe kommt mir dabei der Nebel, der keine schwindelerregende Sicht nach unten zulässt. David und mich erwartet nun mit knapp 2.000 Höhenmetern ein schier endloser Abstieg durchs Lochbachtal und das Zammer Loch bis hinab ins Inntal. Es ist verrückt: Sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern mühsam nach oben gekämpft haben, wandern wir nun wieder hinab. Als wir gut gelaunt gegen 12 Uhr die wunderschön gelegene Unterlochalm auf 1.580 Metern Höhe erreichen, haben wir die Hälfte schon geschafft. Da unser heutiger Wandertag insgesamt lediglich 6 Stunden lang sein wird, haben wir es nicht eilig und ich schlage David eine kurze Rast vor. Ich habe nämlich Durst. Außerdem gibt es da etwas, das ich unbedingt mit David besprechen muss. Unsere Wanderstrecke wartet nämlich noch mit einer weiteren Schlüsselstelle auf. Und mit der gibt es ein kleines Problem. Eins, das uns noch große Schwierigkeiten bereiten kann.
Ich blicke zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. In der Ferne lugt die Memminger Hütte um die Ecke. Ich denke daran, wie froh und glücklich ich gestern Abend noch war, in einer trockenen und warmen Bleibe für die Nacht angekommen zu sein. Heute Morgen hätte ich mir gewünscht, dass auch meine Wandersocken und meine Schuhe trocken und warm gewesen wären. Bewirtschaftete Berghütten haben häufig auch einen beheizten und belüfteten Trockenraum, in dem man über Nacht Schuhe und nasse Kleidung trocknen lassen kann. Erfahrungsgemäß sind manche Trockenräume äußerst effektiv, andere hingegen nicht ganz so sehr. Der Trockenraum der Memminger Hütte hat zumindest in der letzten Nacht bei meiner Kleidung keinen erkennbaren Erfolg erzielt. Vielleicht waren die Menge der Kleidungsstücke und die viele Feuchtigkeit aufgrund des starken Gewitters einfach zu viel für das Gebläse. Vielleicht war es auch nicht hilfreich, dass irgendein besonders schlauer Wanderer ein Fenster nach draußen offen gelassen hatte. Woran auch immer es gelegen haben mag: Morgens in nasse Socken und nasse Schuhe zu schlüpfen, wirkt nicht sonderlich stimmungserhellend. Immerhin ist heute der Regen bislang ausgeblieben. Ich gebe mich optimistisch und nutze unsere kurze Verschnaufpause, um meine Regenjacke auszuziehen und in ein Staufach auf der Rucksackfront zu stopfen.
Als ich wieder aufsehe, wende ich den Blick den Berg hinauf auf das Teilstück, das unmittelbar vor uns liegt. Wie auf eine Perlenschnur gereiht klettern eine ganze Reihe Bergsteiger im Gänsemarsch den Berg hinauf. Auch weiter entfernt sind sie gut erkennbar als kleine farbige Punkte. Ihre Rucksack-Regenhüllen leuchten in den unterschiedlichsten Farben. Die einen sind blau, andere rot, manche orange und wieder andere grün. Eigentlich ist es ganz hübsch anzuschauen, aber der Grund dafür, dass sie sich hintereinander stauen, gefällt mir überhaupt nicht. "Okey-dokey!", rufe ich David zu, schultere meinen Rucksack, nehme einen Schluck Wasser und wende mich wieder bergauf.
Bevor ich mich an die Alpenüberquerung über den Europäischen Fernwanderweg E5 herangewagt habe, habe ich intensiv im Internet recherchiert. Durchschnittlich geübt und körperlich fit sollte man sein, war die einhellige Meinung. Konditionell sei die 6-Tages-Tour nicht zu unterschätzen und auch die Auswirkungen auf Muskulatur und Gelenke seien enorm. Doch vor den Anforderungen an meine Ausdauer war ich nicht bange. Hier fühlte ich mich gut gerüstet. Etwas anderes machte mir Sorgen: Ich bin nicht schwindelfrei. Ich hüpfe nicht schreiend vom Berg, sobald es etwas kniffliger wird, und rufe auch nicht panisch nach dem Hubschrauber, aber an besonders ausgesetzten Stellen muss ich mich konzentrieren und sollte besser nicht nach unten blicken. Im Vorfeld habe ich den E5 ausgiebig auf solche Stellen hin abgeklopft. Manche E5-Wanderer sehen in der Seescharte eine Schlüsselstelle, die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt voraussetzt. Die Seescharte ist ein Sattel auf 2.599 Metern Höhe, für den man die letzten Höhenmeter steil über Geröll und Schrofen klettern muss und der teilweise mit Stahlseilen gesichert wurde. Hier sollte man sicherheitshalber beide Hände benutzen. Wie am berühmten Hillary Step kommt es deshalb auch hier manchmal zu Staus. Einen solchen sehe ich vor mir, denn die Seescharte ist nur wenige Meter von mir entfernt.
Doch anders als an der berühmten Steilstufe am Gipfelgrat des Mount Everests muss ich hier keine Stunden in klirrender Kälte ausharren. Schon nach kürzester Zeit bin ich an der Reihe, reiche David, der schon voran geklettert ist, meine Stöcke, vermeide den Blick nach unten, setze sorgsam einen Fuß vor den anderen und bin auf dem Sattel, noch bevor die Kletterei richtig begonnen hat. Ich bin fast schon ein wenig enttäuscht, dass sich dieses Teilstück als harmloser Spaziergang mit kurzfristigem Handeinsatz geoutet hat. Dem Wanderer vor mir, der auf der anderen Seite der Seescharte schon wieder herunterklettert, attestiere ich in meiner Erleichterung vielleicht ein bisschen zu überschwänglich, einen verdammt geilen Rucksack auf dem Rücken zu tragen. Der reagiert verständlicherweise etwas irritiert, ist jedoch seinerseits so sehr mit dem Abstieg beschäftigt, dass er sich nicht allzu sehr von mir verwirren lässt. Wir trugen natürlich exakt dasselbe Fabrikat. Vielleicht ist die Seescharte nicht der beste Ort, um neue Bekanntschaften zu schließen oder Rucksackfachgespräche zu führen.
Mein Abstieg vom Sattel verläuft ebenso unspektakulär und harmlos wie mein Aufstieg. Zu Hilfe kommt mir dabei der Nebel, der keine schwindelerregende Sicht nach unten zulässt. David und mich erwartet nun mit knapp 2.000 Höhenmetern ein schier endloser Abstieg durchs Lochbachtal und das Zammer Loch bis hinab ins Inntal. Es ist verrückt: Sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern mühsam nach oben gekämpft haben, wandern wir nun wieder hinab. Als wir gut gelaunt gegen 12 Uhr die wunderschön gelegene Unterlochalm auf 1.580 Metern Höhe erreichen, haben wir die Hälfte schon geschafft. Da unser heutiger Wandertag insgesamt lediglich 6 Stunden lang sein wird, haben wir es nicht eilig und ich schlage David eine kurze Rast vor. Ich habe nämlich Durst. Außerdem gibt es da etwas, das ich unbedingt mit David besprechen muss. Unsere Wanderstrecke wartet nämlich noch mit einer weiteren Schlüsselstelle auf. Und mit der gibt es ein kleines Problem. Eins, das uns noch große Schwierigkeiten bereiten kann.
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