Mittwoch, 30. September 2015

Tag 2: Kampf mit dem Endgegner

Um 14:51 Uhr am Nachmittag des zweiten Wandertages schalte ich auf Kampf-Modus. Unweigerlich fühle ich mich an alte Computerspiel-Zeiten erinnert: Wenn ich glaubte, dass es nicht schlimmer kommen konnte, wenn alle Nazis besiegt, alle Raumschiffe vom Himmel geholt und alle Zombies niedergemetzelt waren, dann kam er in der Regel um die Ecke. Die Hintergrundmusik verstummte, alles andere wurde unwichtig und es ging nur noch um ihn: den Endgegner. Er war stets riesengroß, überaus kräftig, hundsgemein und in der Regel verdammt wütend. Und er wollte nur eins: mich besiegen, bevor ich ihm zu großen Schaden zufügen konnte. Ihn zu überwinden, war höllisch schwer. Es war die letzte Herausforderung, die ultimative Battle, der krönende Abschluss des Levels. An ihm musste man vorbei, um das nächste Level freizuschalten. Meistens hatte er nur eine winzig kleine Schwachstelle. Die musste man finden, wenn man überhaupt nur den Hauch einer Chance haben wollte.

Das Gewitter, das David und mich gerade mit großer Wucht heimsucht, ist meine persönliche letzte Battle des Tages. Doch anders als in den Computerspielen meiner milchgesichtigen Vergangenheit hat mein heutiger Endgegner keine Schwachstelle. Wer in den Bergen in ein Gewitter gerät, wird demütig. Man wird sich darüber im Klaren, wie klein und verletzlich man ist. Dass wir schon nach wenigen Minuten völlig durchnässt sind, ist unangenehm - aber das kennen wir schon. Auch wenn ich selten erlebt habe, dass Regen mit einer derartigen Wucht vom Himmel kommt. Aber bei Blitz und Donner ungeschützt auf einem Berg herumzuklettern - das ist schon eine ganz andere Nummer. Es fühlt sich so an als sei das Gewitter exakt über uns. Immer wieder erhellen Blitze die Berge um uns herum und der Donner grollt mit großer Kraft, verstärkt durch sein eigenes Echo. Es ist ja nicht so als hätte ich alle bisherigen Gegner des heutigen Tages komplett abgeschüttelt. Ein Rest Erkältung hält sich hartnäckig, noch immer schmerzen vom ersten Wandertag Muskeln an Stellen, an denen ich nie welche vermutet hätte, und heute haben wir uns ja nun auch schon 7 Stunden lang Berge hinauf- und hinuntergekämpft. Und nun laufen wir mitten durch einen Regenguss und ein Unwetter, das sich über unseren Köpfen festgesetzt hat. Ich bin inzwischen nass bis auf die Unterhose und heilfroh, dass mein kompletter Rucksackinhalt noch einmal separat in wasserdichten Packsäcken verstaut ist. Zumindest werde ich heute Abend in der Hütte in trockene Klamotten schlüpfen können. Sofern wir überhaupt irgendwann dort ankommen sollten.

Da es rein gar nichts gibt, was uns Schutz bieten könnte, stapfen David und ich im strömenden Regen den Berg hinauf. Bei jedem Blitz zucke ich ein wenig zusammen. Ohrenbetäubender Donner folgt kurz später. Kann es sein, dass er noch lauter geworden ist? Wir stapfen weiter, immer weiter - und es dauert nicht lange, bis wir nicht mehr stapfen, sondern waten. Der kleine Pfad, auf dem wir den Berg hinaufgehen, hat sich in einen Bach verwandelt. Genau dort, wo wir hinauf wollen, kommen uns stetig wachsende Wassermassen entgegen und fließen in entgegengesetzter Richtung den Berg hinab. Wenn man kein Glück hat, kommt häufig auch noch Pech dazu. Ich stoße einen nicht zitierfähigen Fluch aus und wate David hinterher, der schon außer Sichtweite gelaufen ist. Außer Sichtweite geschwommen ist, korrigiere ich mich in Gedanken selbst, aber nicht mal mehr über meine eigenen Witze kann ich lachen. Die Lage ist ernst.


Seit wir mit unserer Alpenüberquerung begonnen haben, gleichen David und ich die Zeitangaben im Wanderführer mit unserem eigenen Tempo ab. Wir haben uns inzwischen gut kalibriert und gehen davon aus, dass wir für die 800 Höhenmeter von der Materialseilbahn bis zur Hütte ziemlich genau zwei Stunden brauchen werden. Als Langstreckenläufer habe ich ein ganz gutes Zeitgefühl und so kann ich für das Protokoll festhalten, dass nach 25 Minuten Gewitter und Dauerregen mein Wanderschuh dem Wasser, das inzwischen von allen Seiten kommt, nichts mehr entgegensetzen kann. Auch das vor der Tour eigens noch verwendete Imprägnierspray ist trotz unzähliger Ausrufezeichen ganz offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Ich bekomme nasse Füße. Und wer in den Bergen nasse Füße hat, hat bald auch kalte Füße. Und läuft sich Blasen. Die Aussichten sind also großartig. Ich suche nach irgendjemandem, dem ich die Verantwortung für diese beschissene Situation in die nassen Schuhe schieben kann, finde niemanden außer mir selbst und wate missmutig und ziemlich angefressen weiter den Berg hinauf.

Eine weitere Viertelstunde später hellt sich der Himmel und damit auch meine Stimmung ein bisschen auf: Das Gewitter scheint sich so langsam zu verziehen. Dennoch ist es nicht leicht, für den restlichen Aufstieg die nötige Motivation aufzubringen. Erst recht nicht, als das abziehende Gewitter als letzten Abschiedsgruß noch einen kleinen Hagelschauer über uns niedergehen lässt. Ich bin völlig bedient, dazu ziemlich müde, nass bis auf die Haut und will einfach nur ins Warme und in trockene Klamotten schlüpfen.

Wir sehen die Hütte erst als wir fast da sind, denn auch wenn es inzwischen keinen Niederschlag mehr gibt, umhüllt uns weiterhin ein hartnäckiger Mix aus Nebel und Wolken. Nach etwas mehr als den angenommenen zwei Stunden haben wir endlich unser Tagesziel erreicht und betreten tropfend und ein bisschen verfroren die Memminger Hütte. Wir sind einfach nur froh und glücklich, die heutige Etappe mit 27,6 km Strecke, 920 Höhenmetern bergab und 1.320 Höhenmetern bergauf in gut 9 Stunden erfolgreich gemeistert zu haben. Die Auskunft des gut gelaunten Hüttenwirts, dass es noch heißes Wasser zum Duschen gäbe, euphorisiert uns derart, dass wir klaglos akzeptieren, dass für jeden nur 3 Minuten zur Verfügung stehen. Gleichermaßen genügsam nehmen wir es hin, dass wir Tür an Tür mit der lautstarken 30-köpfigen Schulklasse übernachten, mit der wir schon auf der Kemptner Hütte Bekanntschaft gemacht haben. Auch dass wir relativ beengt im Lager liegen müssen, bekümmert uns nicht. Wenn man in den Bergen unterwegs ist, lernt man die einfachen Dinge des Lebens zu schätzen. Ein Gewitter unbeschadet überstanden zu haben, zum Beispiel. Einfach nur im Trockenen und Warmen sitzen zu können. Und Essen und Trinken sowie eine Matratze für die Nacht zur Verfügung zu haben. Von all diesen wunderbaren und ganz und gar nicht selbstverständlichen Dingen machen wir ausgiebig Gebrauch. Kurz nach 20 Uhr krieche ich in meinen Schlafsack und bin eingeschlafen, noch bevor mein Kopf das Kissen berührt hat.

Montag, 21. September 2015

Tag 2: Es geht abwärts

Man sagt, im menschlichen Körper gebe es über 650 Muskeln. Als ich am Morgen unseres zweiten Wandertages in den Alpen um 6 Uhr in der Früh erwache, habe ich das Gefühl, jeder einzelne von ihnen protestiert. Ich unterdrücke ein Leidensgeräusch, frage mich, wie ich es überhaupt aus dem Bett schaffen soll und runzle irritiert die Stirn. Wie sich alsbald herausstellt, ist das keine gute Idee, denn allein für das Stirnrunzeln muss man über 40 Muskeln bewegen. Trotz allem muss ich grinsen - was gut ist, denn hierfür werden viel weniger Muskeln beansprucht. Ich quäle mich mit unter großer Kraftanstrengung aus dem Bett und kontrolliere, ob es David ähnlich geht. Der lacht mich freudestrahlend und energiegeladen an und teilt mir voller Stolz mit, dass er von den über 10 Stunden, die wir im Bett gelegen haben, jede einzelne Minute schlafend verbracht hat. Kein Wort darüber, dass ihm irgendetwas weh tun könnte. Das nötigt mir Respekt ab: Mein Neffe schläft so effizient wie er wandert.

Wir kleiden uns an, organisieren uns ein schnelles Frühstück, stabilisieren unser Koffein-Level mit einer Tasse Kaffee, schütten - nur um ganz sicher zu gehen - direkt noch eine zweite hinterher, packen unsere sieben Sachen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie sich über Nacht in siebzig verwandelt haben, und verlassen gegen 7:20 Uhr die Kemptner Hütte. Wir wollen frühzeitig los, denn heute haben wir eine lange Etappe vor uns. In Fleece und Regenjacke gepackt, steuern wir von der Hütte aus auf das 130 Meter höher gelegene Mädelejoch zu, das wir eine knappe halbe Stunde später erreichen. Hier passieren die Grenze nach Österreich, die sinnigerweise durch einen Grenzstein mit den Buchstaben "B" und "T" markiert wird. Ich frage mich, wie viele Wanderer hier schon gerätselt haben, wofür diese beiden Buchstaben wohl stehen mögen. Wenn man es einmal weiß, ist es einleuchtend: "B" steht für "Bayern und "T" für Tirol.

Nahezu sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern im Schweiße des Angesichts hochgekämpft haben, steigen wir nun wieder hinab: Vom Mädelejoch auf 1.974 HM wieder hinunter ins Lechtal bis auf 1.066 HM. Sobald wir in Österreich sind, geht es bergab - ich hoffe mal, das ist kein schlechtes Omen. Unsere Regenjacken ziehen wir schon bald wieder aus, denn das Wetter scheint zu halten - für den Moment zumindest. Es ist zwar etwas frisch und sehr nebelig, aber David und ich sind guter Dinge. Mein Muskelapparat hat sich nach den anfänglichen Startschwierigkeiten inzwischen dazu bereit erklärt, wieder ordnungsgemäß seinen Dienst zu tun. Ein bisschen schmerzt es hier und da, aber im Großen und Ganzen komme ich wieder ganz gut in Schwung. Gerade jetzt, wo wir lange bergab gehen, bin ich froh über die Wanderstöcke, die ich kurz vor der Abreise noch meinem Bruder abgeluchst habe und mit denen ich meine Knie nun deutlich entlasten kann. Schließlich müssen meine Fuß- und Kniegelenke nicht nur mein Körpergewicht abfedern, sondern auch noch das Gewicht meines Rucksacks. Der wiegt rund 7 kg zuzüglich Wasser. Da wir eben erst aufgebrochen sind, ist die 3 Liter-Trinkblase noch fast komplett voll. Welche Herausforderung 10 kg auf dem Rücken für den Gleichgewichtssinn beim Bergabgehen sein können, merke ich, als ich zwei Mal einen kompletten Abflug mache. Vom endlosen Regen tags zuvor ist der Fels sehr glitschig und zwei Mal rutsche ich so ungünstig aus, dass ich trotz Stöcken einen Sturz nicht mehr verhindern kann. David, der beide Stürze mitbekommt, erkläre ich, dass ich kurzzeitig so müde war, dass ich mich kurz hinlegen musste. Überraschenderweise fliegt der Schwindel auf. Dem Kerl kann man nichts vormachen.


Nach etwa 3 Stunden haben wir fast die Talsohle erreicht, machen einen Abstecher über Österreichs längste Seilhängebrücke, die David mit großer Begeisterung und ich mit großer Konzentration überwinde und erreichen die kleine Gemeinde Holzgau, in der wir eine kurze Rast einlegen. Viele E5-Wanderer nehmen ab hier einen Bus oder ein Taxi bis zur Materialseilbahn der Memminger Hütte, unserem Etappenziel. Auf diese Weise lässt sich die heutige lange Wanderetappe erheblich verkürzen. Wer das 19 km lange Teilstück mit dem Auto zurücklegt, spart sicher dreieinhalb Stunden. Bei einem Wandertag, der neuneinviertel Stunden reine Wanderzeit vorsieht, ist diese Verlockung für viele groß, zumal das Wetter wieder schlechter zu werden scheint. Doch für David und mich ist ein Taxi keine Option. Bei ein bisschen Nieselregen durchlaufen wir das Tal und pausieren erst wieder als wir gut 6 Stunden nach unserem Aufbruch heute Morgen die winzige Bergsiedlung Madau auf 1.310 HM erreichen. Im 18. Jahrhundert zählte Madau noch ca. 60 Einwohner, heute ist allein der Wirt als einziger Einwohner gemeldet. Eben diesen Wirt suchen wir für unsere Mittagspause auf, die nicht nur meinem Magen sehr gelegen kommt, sondern auch meinen 650 Muskeln. Die protestieren inzwischen nämlich wieder vehement. David scheint das alles viel weniger auszumachen. Der Teufelskerl läuft und läuft und läuft wie der VW Käfer im Werbespot aus den 60er Jahren.

Wir gönnen uns ein ordentliches Mittagessen, halten die Mittagspause jedoch trotzdem so kurz wie möglich, denn im weiteren Tagesverlauf soll möglicherweise noch ein Gewitter kommen. Und ein Gewitter in den Bergen wollen wir nun wirklich nicht erleben. Wer im Gebirge von Blitz und Donner überrascht wird, lebt verdammt gefährlich. Nach einer dreiviertel Stunde brechen wir wieder auf und erreichen eine knappe Stunde später eben jene Materialseilbahn, bei der viele Wanderer sich mit Bus oder Taxi absetzen lassen, um den letzten Anstieg zur Memminger Hütte in Angriff zu nehmen. Gerade als wir dort ankommen, spuckt in der Tat ein Transporter einen ganzen Haufen johlender E5-Wanderer aus, die ihre Rucksäcke dann auch noch ganz entspannt in die Materialseilbahn laden. Für ein geringes Entgelt kann man sich seine Sachen von hier direkt zur Hütte transportieren lassen. Wir lassen die fuß- und rückenfaulen Wanderkollegen schnell hinter uns, denn es ziehen ein paar dunkle Wolken auf und etwa 800 Höhenmeter müssen wir noch hinauf. Das sind etwa 2 Stunden Arbeit - zu einem Zeitpunkt, wohlgemerkt, zu dem wir schon über 7 Stunden gelaufen sind.

David und ich eilen den Berg hinauf. Zu allem Überfluss fängt es jetzt wieder an zu regnen. Zunächst sind es nur ein paar Tropfen, doch dann fängt es richtig an zu schütten. Ein heftiger Starkregen bricht über uns hernieder und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zu ein paar Bäumen, die uns ein wenig Schutz bieten. Doch lange bleiben können wir hier nicht - der Regen macht nicht den Eindruck als würde er bald wieder aufhören und wir wollen auch nicht zu spät auf der Hütte sein. Also ziehen wir Regenjacke und Regenhose über und stapfen weiter den Berg hinauf. Der Regen prasselt auf uns herab und macht auf meiner Kapuze einen Höllenlärm. Zunächst glaube ich noch an Einbildung, doch dann bin ich mir ziemlich sicher: Da war gerade ein Donner. Das Gewitter hat uns erreicht.

Freitag, 18. September 2015

Tag 1: Regenzeit

Als David und ich gegen halb zwölf am Bahnhof in Oberstdorf unsere Alpenüberquerung starten, hoffen wir darauf, dass der Regen bald nachlässt. Zwei Stunden später hoffen wir das immer noch. Oberstdorf liegt inzwischen hinter uns, die Nebelhornbahn haben wir passiert, eine ganze Weile sind wir an der Trettach entlang gelaufen und haben das Trettachtal bis ganz zum Ende durchquert - alles im Dauerregen. Wie zum Hohn beschreibt unser Wanderführer in allen schmerzhaften Einzelheiten "schöne Alleen aus alten Ahornbäumen", die "an heißen Tagen Schatten spenden", zählt die "wildromantische Berge" beim klangvollen Namen auf, die sich "rechts und links des Weges in den Himmel recken", verspricht "tolle Ausblicke", die unbedingt einen kleinen Abstecher wert seien und weiß überhaupt an diesem Wandertag von einer ganz besonders "wildschönen Landschaft" zu berichten. Wir sehen von alledem: nichts. Am anscheinend "wunderschönen Christlessee" habe man einen "faszinierenden Blick auf den Trettach-Gipfel", informiert uns unser Wanderführer. Wir sind froh, dass wir zumindest grob einen See ausmachen können und nicht einfach blind in ihn hineinstapfen. Wobei es fraglich ist, ob das noch einen Unterschied machen würde. Wir sind inzwischen nämlich vor allem eins: nass. Und zwar langsam aber sicher rundherum. So viel Regen hält die stärkste Faser nicht aus. Und wo die Feuchtigkeit von außen nicht hinkommt, schwitzt man sich von innen nass. Manchmal macht der Regen den Anschein nachzulassen, nur um dann noch stärker und noch nasser wiederzukommen. Es ist frustrierend. Der ewige Regen geht mir mächtig auf den Zeiger, an Fotografieren ist nicht zu denken und mit der Kapuze auf dem Kopf sind Sichtfeld und Hörvermögen derart eingeschränkt, dass man wie in einer Blase läuft. Schön ist das wirklich nicht. Und frustrierend ist die Aussicht, dass es noch ein paar Tage lang so weitergehen könnte.


In Spielmannsau - am Ende des "malerischen Trettachtals" angekommen - haben wir erstmal genug und beschließen, eine zünftige Brotzeit einzuschieben. Das erste Restaurant am Platz hat heute Ruhetag, aber ein Wandersmann, der uns entgegen kommt, weiß von einer Alphütte, die heute geöffnet sein soll. Wir finden sie tatsächlich geöffnet vor, wenngleich wir es ein wenig vermessen finden, sie so vollmundig und vorschnell "Hütte" zu nennen. Im Grunde genommen ist es nicht viel mehr als eine umgebaute Scheune. Eine zur Hälfte umgebaute Scheune. Immerhin haben wir ein schützendes Dach über dem Kopf und die Aussicht auf etwas zu essen und zu trinken - also beschweren wir uns nicht. Den Gastraum teilen wir uns mit einem missgestimmten Baby und etwa zehn anderen Personen, womit er meiner Meinung nach getrost das Prädikat "besonders voll" verdient hätte. Viel Platz ist hier wirklich nicht. Während David und ich hungrig über eine leckere Brotplatte herfallen, hören wir zu, was um uns herum geredet wird. "Du, welche Sprache spricht der Mann?", flüstert mir David nach einer Weile zu. Er meint den Alten am Nachbartisch. Ich muss zugeben: Ich weiß es nicht. Auch ich hatte mich schon gewundert. "Vermutlich eine selbst erfundene", wispere ich zurück. Nach Deutsch klang das nämlich nicht. Am Tisch hinter uns sitzt eine muntere Runde mit hessischen Touristen, die ebenfalls einigermaßen lautstark reichlich unverständliche Dinge babbeln. Ich spiele für eine Weile mit dem Gedanken, mir die Kapuze wieder über die Ohren zu ziehen.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde brechen wir auf und eine weitere Viertelstunde später lässt er endlich nach, der Regen. Wir hatten es kaum mehr für möglich gehalten. Doch meine anfängliche Hoffnung, nun ein wenig trockener durch die Allgäuer Bergwelt zu wandern, löst sich schnell in literweise Schweiß auf. Die Feuchtigkeit, die jetzt nicht mehr von oben kommt, produzieren wir alsbald selbst. Gibt es eigentlich irgendeine anatomische, biologische oder physikalische Grenze, wie viel man schwitzen kann? Selbst wenn: Mein Körper scheint keinen Regeln mehr zu gehorchen und schwitzt als ob es kein Morgen gäbe. Unfassbar! Der Schweiß rinnt mir nur so von der Stirn, läuft mir fortlaufend den Rücken hinab und tropft mir beständig von Nase und Kinn. Es liegt nicht an der Sonne - denn die scheint nicht - oder an hohen Temperaturen - denn die gibt es nicht. Die hohe Luftfeuchtigkeit durch den stundenlangen Regen ist daran schuld. Und ganz bestimmt tut auch die Anstrengung ihr übriges, denn inzwischen geht es steil bergauf. Um unser Tagesziel, die Kemptner Hütte, zu erreichen, müssen wir 800 Höhenmeter überwinden. Zwei Stunden lang quälen wir uns den Berg hinauf und schwitzen dabei wir die Wahnsinnigen. Zu fotografieren gibt es wenig, denn uns umgibt eine feuchte Nebelsuppe, in der man bisweilen kaum mehr als 20 Meter weit sehen kann. Zu allem Überfluss merke ich, dass mir die gerade erst überstandene Grippe immer noch in den Knochen steckt. Zwei Mal bitte ich David, der deutlich mehr Energie hat als ich, um eine kurze Rast. Mehr als 3-4 Minuten kann man allerdings nicht pausieren, denn sobald man stehen bleibt, kriecht einem der kalte Nebel durch die schweißnassen Klamotten in die Knochen und man fängt bald an zu frösteln.

Etwa zwei Minuten, bevor wir sie erreichen, taucht plötzlich die Silhouette der Kemptner Hütte aus dem Nebel auf. Etwas mehr als die vom Wanderführer veranschlagten viereinhalb Stunden haben wir gebraucht. David und ich sind glücklich und zufrieden, die warme und wohnliche Hütte erreicht zu haben und freuen uns darauf, endlich aus den klatschnassen Sachen herauszukommen. Nachdem der Hüttenwirt uns freundlich begrüßt und unsere Reservierung bestätigt hat, stelle ich die Frage, die mich gerade am meisten beschäftigt: "Habt ihr eine Dusche?" Was banal klingt, ist nicht selbstverständlich. Ich habe schon auf Hütten übernachtet, die nicht über einen derartigen Luxus verfügten. "Ja-aa", entgegnet der Hüttenwirt und dämpft mit einem typischen "Ja, aber"-Gesicht meine erste Freude ein wenig. "Es ist so", erklärt er umständlich: "Warmwasser bekommen wir über unsere Sonnenkollektoren." Ich habe genug gehört, um zu verstehen: Wir werden kalt duschen müssen. "Wie viel Grad hat das Wasser in etwa?" Der Hüttenwirt macht ein unglückliches Gesicht: "6-8 Grad vielleicht?"

Ich führe keine Statistik, aber meine Dusche in der Kemptner Hütte am ersten Wandertag unserer Alpenüberquerung war mit Sicherheit die kürzeste meines Lebens. Und trotz allem fühlen wir uns besser: frisch geduscht und in trockenen sowie sauberen Klamotten. Furchtbar lange können wir uns allerdings nicht an unserem Wohlgefühl erfreuen, denn während wir auf unser Abendessen warten, fallen uns in der Stube vor Müdigkeit fast die Augen zu. Ich will mir gar nicht ausmalen wie das am nächsten Tag werden wird. An Wandertag Nummer 2 stehen statt der heutigen viereinhalb Stunden wandern nämlich schlappe neuneinviertel Stunden reine Wanderzeit auf dem Plan. Ich bin nicht mal sicher, ob ich mich morgen überhaupt irgendwie bewegen kann. Doch heute ist heute und morgen praktischerweise erst morgen. Um halb acht fallen wir todmüde ins Bett und sind schneller eingeschlafen als wir "Akku leer" sagen können.

Montag, 14. September 2015

Tag 1: Zügig

"Verdammt!" Laut fluchend renne ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung meines Bruders. Schon wieder ist die Zeit knapp. Ich bin zwar zeitig aufgestanden, habe mich dann aber doch mit meinem Bruder verquatscht. Warum musste der mir auch tausend Löcher über unsere anstehende Tour in den Bauch fragen? Die Verlockung ist groß, die Verspätung auf meinen wie immer sehr wissbegierigen Bruder schieben, doch natürlich bin ich es selbst, der Verantwortung an meiner augenblicklichen Zeitmisere trägt. Während ich mit meinem Bruder ausführlich verschiedenen Varianten diskutiert habe, wie er David und mich an einem Tag der Tour begleiten kann, habe ich schlicht und ergreifend die Uhr aus dem Blick verloren. Und nun stehe ich da: Der Bruder hat soeben das Haus verlassen und allerspätestens in einer halben Stunde sollten David und ich zu Fuß in Richtung Hauptbahnhof aufbrechen. Von dort verlässt nämlich um 9:19 Uhr ein Zug die Stadt mit Fahrtziel Oberstdorf. Und in diesem Zug sollten wir sitzen, denn in Oberstdorf beginnt heute unsere Wandertour.

In Windeseile stopfe ich meinen Kram unsortiert in den Rucksack, rufe David "Nur einen kleinen Moment noch!" zu, hetze in die Küche, um dort schnell einen Becher Kaffee hinunterzustürzen und hetze wieder hinaus, um eilends noch meine Schuhe zu imprägnieren. Hierfür hatte ich tags zuvor extra noch ein entsprechendes Spray gekauft. Sicher ist sicher. Derzeitig ist es zwar noch trocken, aber die Wettervorhersage verheißt nichts Gutes. "Nur im Freien oder bei ausreichender Belüftung verwenden!", spricht die Anwendungsbeschreibung auf der Spraydose eine klare Warnung aus. Um die Angelegenheit für jeden deutlich zu machen, steht dahinter: "Gesundheitsschäden durch Einatmen möglich!" und "Für Personen mit Atemwegserkrankungen: besondere Vorsicht beim Umgang!" Dass jeder dieser Sätze - und auch nahezu jeder weitere Satz auf der Spraydose - mit einem Ausrufezeichen endet, beeindruckt mich nachhaltig und ich eile vor die Tür. Vorsichtig entferne ich den Deckel und sprühe das Imprägnierspray ohne Punkt und Komma in hohem Bogen und mit viel Schwung zunächst über meinen linken Wanderschuh, dann über meinen rechten. "Nach dem Sprühen ausreichend trocknen lassen!", empfiehlt die Warnung auf der Dose im gewohnten Interpunktions-Stakkato. "Verdammt!", rufe ich ein zweites Mal, denn ich sehe mich nun vor die nächste große Herausforderung gestellt: Wohin jetzt mit meinen Schuhen?

Natürlich könnte ich sie vor der Haustür stehen lassen, dann zurück in die Wohnung und meine Sachen fertig packen. Doch was, wenn mein Bruder nun Schuhdiebe in der Nachbarschaft wohnen hat? Die Sache ist mir ehrlich gesagt nicht ganz geheuer. Sich zum jetzigen Zeitpunkt Schuhe stehlen zu lassen, wäre dann doch arg ungünstig. Selbst, wenn nur einer fehlte, wäre die Tour zu Ende, noch bevor sie überhaupt begonnen hätte. In den Hausflur möchte ich sie aber auch nicht stellen, denn es war ja ausdrücklich von "nur im Freien!" und "ausreichende Belüftung!" die Rede. Hektisch blicke ich durch die Gegend und suche händeringend nach einer Lösung. Mein Blick bleibt hängen an den Betonboxen für Mülltonnen neben dem Hauseingang. Inständig hoffe ich, dass die Müllabfuhr bei meinem Bruder nicht Mittwochsmorgens um halb neun kommt, stopfe meine Schuhe in die linke Box, die von einer etwas nervös blickenden Spinne bewohnt wird und eile zurück in die Wohnung. "Fast fertig!", rufe ich David zu, wasche mir die Hände, ziehe mir meine Wanderkleidung an, setze den Rucksack auf, angel mir die Wanderstöcke und binde mir die Kameratasche um. Fertig. "Na, großartig!", denke ich mir. Die Wandertour hat noch nicht begonnen und ich stehe jetzt schon unter Wasser. David und ich stellen sicher, dass wir nichts vergessen haben, und wir verlassen die Wohnung. Ich hole unter den verdutzen Augen meines Neffen meine Wanderschuhe aus der Box, schüttel die Spinne aus meinem rechten Schuh, wir eilen in Richtung Hauptbahnhof, ziehen schnell noch den erforderlichen Fahrschein am Automaten und sinken kurz später erleichtert in die Sitze unseres Zuges.

Während ich meine unachtsam in den Rucksack gestopften Habseligkeiten in Ruhe wieder ausräume und neu sortiere, lauschen David und ich gebannt den Namen der Haltestellen, die wir passieren. Sie riechen nach Allgäu, nach Alpen und nach Abenteuer. Einer der Haltepunkte ist Memmingen. Das amüsiert David und mich, denn morgen Abend übernachten wir in der Memminger Hütte. Zwanzig Minuten später passieren wir Kempten. Auch in der Kemptener Hütte verbringen wir im Laufe unserer Tour eine Nacht. Neugierig gehen wir im Geiste die übrigen Hütten unserer Tour durch und gleichen sie mit dem Fahrplan ab. "In Zams kommen wir wohl kaum vorbei", spielt David auf unsere Unterbringung in der Skihütte Zams an. "In 'Martin-Busch' sicher auch nicht", denke ich an unsere letzte Hütten-Unterkunft in der Martin-Busch-Hütte. "Welche bleibt da noch?", überlege ich laut. "Die Braunschweiger Hütte", weiß David. Wir grinsen uns an. Braunschweig sollte wohl besser kein Halt auf unserer Fahrt sein, wenn wir heute noch unseren Zielort erreichen wollen.

Als wir nach zwei Stunden kurzweiliger Bahnfahrt in Oberstdorf ankommen, entfährt mir das dritte "Verdammt!" an diesem Morgen: Es regnet. Und zwar in Strömen. Während uns David im Bahnhofsgebäude zwei Kaffee organisiert, packe ich meine Kamera in den Rucksack, überziehe ihn mit dem Regenschutz, schlüpfe in meine Regenhose und ziehe Regenjacke samt Kapuze auf. Vielleicht hört der Regen ja später noch auf. So oder so: Unser Wander-Abenteuer beginnt.

Samstag, 12. September 2015

Prolog: A5 statt E5

"Und? Freust du dich?" Es ist Dienstagmorgen, 1. September, und ich stehe bei David auf der Türschwelle. Heute startet endlich unser lange erwartetes Alpenabenteuer. Seine Frage kann ich nur bejahen: Ich freue mich wie Hulle. David auch - er strahlt über das ganze Gesicht. Eigentlich wollten wir um 9 Uhr los, aber als ich bei ihm aufschlage, ist es bereits viertel vor zehn. Irgendwie habe ich heute Morgen nicht ganz die Kurve bekommen. Einer der Gründe mag sein, dass ich gesundheitlich nicht völlig auf der Höhe bin. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich mich überhaupt einigermaßen in der Vertikalen halten kann. In den vergangenen beiden Tagen sah das noch ganz anders aus: Da lag ich nämlich mit Fieber im Bett. Was für ein Timing! Kurz vor der anstehenden Alpenüberquerung per pedes lasse ich mich von einem hinterhältigen Grippevirus niederstrecken und werde erst einmal richtig krank. Die zwei Tage habe ich komplett im Bett verbracht, außerstande irgendetwas Sinnvolles zu tun wie einkaufen, vorbereiten, packen oder auch nur aufstehen. Sicher nicht die beste Voraussetzung, um eine mehrtägige Bergtour erfolgreich über die Bühne zu bringen. Aber was habe ich für eine Wahl? Alles ist gebucht, der Urlaub eingereicht und genehmigt und verlegen lässt sich jetzt nichts mehr. Ich putze mir ausgiebig die Nase, erkundige mich bei David, ob er alles beisammen hat und wir beladen mein Auto mit Abenteurerbedarf. Ich suche Trost in dem Gedanken, dass es heute noch nicht um den E5, sondern erstmal nur um die A5 geht. Zunächst einmal steht nämlich die Fahrt in unser Basislager an: zu meinem Bruder nach Ulm. Dort wollen wir noch ein paar Kleinigkeiten besorgen und erst am nächsten Morgen mit der ersten Wanderetappe starten. Einen Tag Regeneration bleibt mir also noch. Hoffentlich reicht das.

Mein kleiner Corsa B hat 45 PS. Bei Geschwindigkeiten von über 130 km/h fängt er an zu husten und zu prusten wie der Wolf in der Geschichte von den drei kleinen Schweinchen. Auch wenn man das Gaspedal mit ganzer Kraft durchtritt, lässt sich die Tachonadel nicht viel weiter bewegen. Heute brauche ich mir hierüber allerdings keinerlei Gedanken zu machen, denn von 130 km/h können wir derzeit nur träumen. Mit maximal 100 km/h, manchmal auch nur 80 km/h, schleichen wir über die Autobahn Richtung Süden. Der Scheibenwischer läuft auf Hochtouren, denn es schüttet wie aus Eimern. Auch das ist nicht ideal für unsere Wanderung, aber David und ich steuern unbeirrt auf unser erstes Ziel zu. Inständig hoffen wir, dass der Regen wieder aufhört. Den Gefallen tut er uns allerdings nicht und wir fahren Stunde um Stunde durch eine ungemütliche Regen- und Nebelsuppe. Noch haben wir ein schützendes Auto um uns herum. Aber wie mag das werden, wenn es auch beim Wandern derart regnet? "Besser nicht darüber nachgrübeln", denken wir uns und versuchen, uns mit der Gewissheit zu trösten, dass alles, was heute regnet, morgen nun definitiv nicht mehr vom Himmel fallen kann.

Rund fünf Stunden brauchen wir bis Ulm - und das entspricht in etwa der Länge der morgigen Wanderdistanz. Die erste Etappe gehört nämlich zu den kürzeren. Aber wenn man fünf Stunden lang nur durch Regen laufen muss, kann einem auch diese Zeit sehr lang werden. Noch vor einer Woche schien ganztägig die Sonne bei absolut sommerlichen Temperaturen. Das Glück scheint nicht auf unserer Seite zu sein. Wir hoffen, dass sich das Blatt noch wendet, besorgen in Ulm noch ein paar letzte Dinge - dazu gehören Imprägnierspray, Schokolade, Basteldraht und Gipfelschnaps - und informieren meinen Bruder detailliert über unsere anstehenden Wanderpläne. Der Bruder zeigt sich beeindruckt und ein wenig neidisch, checkt sicherheitshalber die Wettervorhersage, zieht es aber vor, uns das Ergebnis seiner Recherche vorzuenthalten. "Nicht gut", denke ich mir, organisiere mir vier weitere Päckchen Taschentücher von meinem Bruder und widme mich hingebungsvoll meiner Erkältung.


Abends gehen David und ich ein letztes Mal unsere Materialliste durch. Wir entscheiden, welche Dinge wir bei meinem Bruder deponieren und was in den Wanderrucksack gehört. Im Vorfeld hatten wir intensiv darüber gesprochen, was für unsere Wanderung notwendig und was überflüssig ist. David scheint meine Ratschläge noch genauer umgesetzt zu haben als ich selbst, denn wie es aussieht hat er zwar alles Nötige, aber nur halb so viele Sachen dabei wie ich. Vielleicht liegt es auch an seiner bei der Bundeswehr perfektionierten Technik, Hemden zu falten und seine Kleidungsstücke nehmen einfach weniger Raum ein. Bestimmt machen auch die vier zusätzlichen Päckchen Taschentücher einen Unterschied. Aber, hey! Immerhin habe ich mich dazu durchgerungen, die Konservendose mit der Hühnersuppe bei meinem Bruder zu lassen. Grundsätzlich fühlen wir uns allerings beide gut gerüstet. Noch einmal schlafen und das Abenteuer beginnt.