Zwei Schritte noch und ich habe den kleinen Absatz erreicht, der mir gerade eben genug Platz bietet, um kurz zur Seite zu treten und meinen Rucksack abzusetzen. "Zwei Minuten Pause", rufe ich David zu, der ein paar Meter vor mir geht und nun ebenfalls kurz anhält. Ich seufze einmal schwer, hebe umständlich mein Wandergepäck vom Rücken und massiere meine schmerzende linke Schulter. Es ist der dritte Wandertag, seit gut einer Stunde sind wir nun unterwegs und obwohl ich sehr gut geschlafen habe, bin ich immer noch ein wenig müde. Wie die Ölsardinien zusammengepfercht haben wir mit rund einem Dutzend Wanderern in unserem Lager die Nacht verbracht. Sehr zeitig wollten David und ich heute Morgen aufstehen, doch als der Wecker klingelte, fühlte ich mich so kaputt, dass ich zwei Mal hintereinander auf die Schlummertaste gedrückt habe. Aufstehen, Anziehen, Frühstücken - alles lief heute früh etwas schwerfällig.
Ich blicke zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. In der Ferne lugt die Memminger Hütte um die Ecke. Ich denke daran, wie froh und glücklich ich gestern Abend noch war, in einer trockenen und warmen Bleibe für die Nacht angekommen zu sein. Heute Morgen hätte ich mir gewünscht, dass auch meine Wandersocken und meine Schuhe trocken und warm gewesen wären. Bewirtschaftete Berghütten haben häufig auch einen beheizten und belüfteten Trockenraum, in dem man über Nacht Schuhe und nasse Kleidung trocknen lassen kann. Erfahrungsgemäß sind manche Trockenräume äußerst effektiv, andere hingegen nicht ganz so sehr. Der Trockenraum der Memminger Hütte hat zumindest in der letzten Nacht bei meiner Kleidung keinen erkennbaren Erfolg erzielt. Vielleicht waren die Menge der Kleidungsstücke und die viele Feuchtigkeit aufgrund des starken Gewitters einfach zu viel für das Gebläse. Vielleicht war es auch nicht hilfreich, dass irgendein besonders schlauer Wanderer ein Fenster nach draußen offen gelassen hatte. Woran auch immer es gelegen haben mag: Morgens in nasse Socken und nasse Schuhe zu schlüpfen, wirkt nicht sonderlich stimmungserhellend. Immerhin ist heute der Regen bislang ausgeblieben. Ich gebe mich optimistisch und nutze unsere kurze Verschnaufpause, um meine Regenjacke auszuziehen und in ein Staufach auf der Rucksackfront zu stopfen.
Als ich wieder aufsehe, wende ich den Blick den Berg hinauf auf das Teilstück, das unmittelbar vor uns liegt. Wie auf eine Perlenschnur gereiht klettern eine ganze Reihe Bergsteiger im Gänsemarsch den Berg hinauf. Auch weiter entfernt sind sie gut erkennbar als kleine farbige Punkte. Ihre Rucksack-Regenhüllen leuchten in den unterschiedlichsten Farben. Die einen sind blau, andere rot, manche orange und wieder andere grün. Eigentlich ist es ganz hübsch anzuschauen, aber der Grund dafür, dass sie sich hintereinander stauen, gefällt mir überhaupt nicht. "Okey-dokey!", rufe ich David zu, schultere meinen Rucksack, nehme einen Schluck Wasser und wende mich wieder bergauf.
Bevor ich mich an die Alpenüberquerung über den Europäischen Fernwanderweg E5 herangewagt habe, habe ich intensiv im Internet recherchiert. Durchschnittlich geübt und körperlich fit sollte man sein, war die einhellige Meinung. Konditionell sei die 6-Tages-Tour nicht zu unterschätzen und auch die Auswirkungen auf Muskulatur und Gelenke seien enorm. Doch vor den Anforderungen an meine Ausdauer war ich nicht bange. Hier fühlte ich mich gut gerüstet. Etwas anderes machte mir Sorgen: Ich bin nicht schwindelfrei. Ich hüpfe nicht schreiend vom Berg, sobald es etwas kniffliger wird, und rufe auch nicht panisch nach dem Hubschrauber, aber an besonders ausgesetzten Stellen muss ich mich konzentrieren und sollte besser nicht nach unten blicken. Im Vorfeld habe ich den E5 ausgiebig auf solche Stellen hin abgeklopft. Manche E5-Wanderer sehen in der Seescharte eine Schlüsselstelle, die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt voraussetzt. Die Seescharte ist ein Sattel auf 2.599 Metern Höhe, für den man die letzten Höhenmeter steil über Geröll und Schrofen klettern muss und der teilweise mit Stahlseilen gesichert wurde. Hier sollte man sicherheitshalber beide Hände benutzen. Wie am berühmten Hillary Step kommt es deshalb auch hier manchmal zu Staus. Einen solchen sehe ich vor mir, denn die Seescharte ist nur wenige Meter von mir entfernt.
Doch anders als an der berühmten Steilstufe am Gipfelgrat des Mount Everests muss ich hier keine Stunden in klirrender Kälte ausharren. Schon nach kürzester Zeit bin ich an der Reihe, reiche David, der schon voran geklettert ist, meine Stöcke, vermeide den Blick nach unten, setze sorgsam einen Fuß vor den anderen und bin auf dem Sattel, noch bevor die Kletterei richtig begonnen hat. Ich bin fast schon ein wenig enttäuscht, dass sich dieses Teilstück als harmloser Spaziergang mit kurzfristigem Handeinsatz geoutet hat. Dem Wanderer vor mir, der auf der anderen Seite der Seescharte schon wieder herunterklettert, attestiere ich in meiner Erleichterung vielleicht ein bisschen zu überschwänglich, einen verdammt geilen Rucksack auf dem Rücken zu tragen. Der reagiert verständlicherweise etwas irritiert, ist jedoch seinerseits so sehr mit dem Abstieg beschäftigt, dass er sich nicht allzu sehr von mir verwirren lässt. Wir trugen natürlich exakt dasselbe Fabrikat. Vielleicht ist die Seescharte nicht der beste Ort, um neue Bekanntschaften zu schließen oder Rucksackfachgespräche zu führen.
Mein Abstieg vom Sattel verläuft ebenso unspektakulär und harmlos wie mein Aufstieg. Zu Hilfe kommt mir dabei der Nebel, der keine schwindelerregende Sicht nach unten zulässt. David und mich erwartet nun mit knapp 2.000 Höhenmetern ein schier endloser Abstieg durchs Lochbachtal und das Zammer Loch bis hinab ins Inntal. Es ist verrückt: Sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern mühsam nach oben gekämpft haben, wandern wir nun wieder hinab. Als wir gut gelaunt gegen 12 Uhr die wunderschön gelegene Unterlochalm auf 1.580 Metern Höhe erreichen, haben wir die Hälfte schon geschafft. Da unser heutiger Wandertag insgesamt lediglich 6 Stunden lang sein wird, haben wir es nicht eilig und ich schlage David eine kurze Rast vor. Ich habe nämlich Durst. Außerdem gibt es da etwas, das ich unbedingt mit David besprechen muss. Unsere Wanderstrecke wartet nämlich noch mit einer weiteren Schlüsselstelle auf. Und mit der gibt es ein kleines Problem. Eins, das uns noch große Schwierigkeiten bereiten kann.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen