Mittwoch, 23. Dezember 2015

Tag 6: Tränen und Freude

Zwei Tage bevor David und ich in unser Alpenabenteuer gestartet sind, kam im Fernsehen praktischerweise eine Reportage über den Fernwanderweg E5. Eine Fernsehmoderatorin begleitet darin mit einem Kamerateam eine Gruppe Wanderer auf ihrem Weg über die Alpen. Zwei Familien, zwei Senioren und ein kleiner Hund wählen eine in weiten Teilen identische Route wie David und ich.
Als die Mannschaft nach acht anstrengenden Tagen am Ziel ankommt, herrscht in der Gruppe ein ganz seltsamer Mix aus Freude und Melancholie. Auf der einen Seite sind sie glücklich, die Strapazen endlich überstanden zu haben. Auf der anderen Seite sind sie aber auch sehr traurig, dass die Tour nun zu Ende ist. Sogar die Moderatorin muss am Zielort ein Interview abbrechen, weil sie plötzlich in Tränen ausbricht. An eben diese Szene muss ich denken, als ich auf den Tisenhof zurenne, der für David und mich das Ziel unserer Tour markiert.

Dass man am Ende einer Wandertour über die Alpen Tränen vergießt, fand ich dann doch etwas übertrieben. Bestimmt gut für die Quote, aber vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Auch wenn man am letzten Tag etwas emotional werden mag, ist es letzten Endes dann doch nur eine mehrtätige Bergwanderung. Kein Grund, gleich Rotz und Wasser zu heulen. Dachte ich. Damals. Vor dem Fernseher. Während ich die letzten Meter im Spurt zurücklege, revidiere ich mein Urteil. Auch ich erlebe ein großes Gefühlsdurcheinander: große Erleichterung, unbändigen Stolz, intensive Glücksgefühle und tatsächlich auch ein bisschen Melancholie und Trauer. Ich ertappe mich dabei, wie ich ein wenig feuchte Augen bekomme und wische mir sie mir schnell trocken, bevor David auch am Tisenhof eintrifft. Doch das dauert noch eine ganze Weile, denn inzwischen humpelt er stark und kommt nur noch sehr langsam voran.

Um die Pause zu überbrücken, mache ich das naheliegendste und bestelle in der Hütte erstmal zwei Helle. Vom Tresen aus grinse ich die Hüttenwirtin sowie sämtliche anwesenden Gäste glückstrunken und ein wenig dämlich an. Während einige begeistert zurückgrinsen, starren mich andere nur hochgradig irritiert an. Vermutlich habe ich gerade die schnellste und effektivste Methode entdeckt, E5-Leidensgenossen von gewöhnlichen Wanderern zu unterscheiden. Bevor ich in der Gaststube noch weiter Verwirrung stiften kann, trifft David ein. Wir umarmen uns, klopfen uns auf die Schulter und strahlen uns an. Wir haben es geschafft: In sechs Tagen haben wir drei Länder und sechs Täler durchquert, sind handgestoppte 5.730 Meter hoch und 7.030 Meter wieder runter gewandert und in vielen Wanderstunden bis nach Italien marschiert. Und alles ganz ohne Elefanten. Mächtig stolz gratulieren wir uns gegenseitig zu unserer Leistung und setzen bei Facebook einen entsprechenden Post ab, damit auch die übrige Welt von unserem Heldentum erfährt. Immerhin: 126 Menschen gefällt das.


Wir gönnen uns noch eine kleine Pause und eilen dann zur Bushaltestelle, um gegen Viertel nach fünf den nächsten Bus nach Naturns zu erwischen. Von dort aus wollen wir in die Vinschgerbahn umsteigen, die uns in weniger als einer halben Stunde an unser endgültiges Ziel Meran bringen soll. Leider steigen wir in die falsche Bahn ein und fahren zunächst in die entgegengesetzte Richtung. Diesem kleinen Fauxpas verdanken wir eine Zwangspause in Kastelbell, wo wir schnell von neugierigen Touristen entdeckt und nach unserem Wanderabenteuer gefragt werden. "Wo seid's ihr denn g'wandert heit?", fragt uns der Mutigste aus einer Gruppe Senioren. Ich antworte nicht sofort, sondern überlege zunächst kurz, wie ich das nun am besten erklären kann. "Wir kommen von Oberstdorf", versuche ich behutsam den groben Rahmen zu skizzieren. Leider kann mein Gegenüber meine Antwort noch nicht so richtig einsortieren: "Aus Oberstdorf seid's? Und wo wart's ihr wandern?" Ich seufze. Es wird schwieriger als gedacht. "Wir kommen nicht aus Oberstdorf, wir kommen von Oberstdorf", versuche ich den Sachverhalt nochmals zu präzisieren. Leider ohne Erfolg. Ich unternehme einen dritten Versuch: "Wir sind von Oberstdorf hergewandert!" Diese Aussage kommt an und landet mitten im Ziel. Treffer, versenkt. Ein Raunen geht durch die Senioren. David und ich blicken in staunende und ungläubige Gesichter und grinsen uns an. Wir fühlen uns gut. Wie Abenteurer. Und echte Alpen-Abenteurer können auch schon mal in die falsche Bahn steigen.

Nachdem wir einige Heldengeschichten zum Besten gegeben haben, erwischen wir im zweiten Anlauf die richtige Bahn, erreichen Meran und checken in unser Apartment ein. Die Überraschung ist groß, als eine Tür auf dem Flur aufgeht und Alisa und Marina ihre Gesichter herausstrecken und sich vor Lachen kaum halten können. Nicht nur, dass wir fast jedes Mal in denselben Hütten übernachtet haben und uns auch sonst häufig begegnet sind - wir haben auch unabhängig voneinander in derselben Pension eingecheckt und schlafen auf demselben Flur. Manchmal gibt es schon verrückte Zufälle. Diesen hier machen wir uns direkt zunutze und gehen gemeinsam zu viert essen, mit Prosecco als Aperitif und festlich gedecktem Tisch, denn David hat schießlich immer noch Geburtstag.


Nach einem fürstlichen Mahl suchen David und ich für einen letzten Absacker eine Meraner Kneipe auf. Erfolgreiche Alpenüberquerungen zu zweit, zu Fuß und ohne Elefanten müssen schließlich gefeiert werden - und Geburtstage ohnehin. Wir haben also doppelten Grund für ein paar abschließende alkoholische Getränke aus kurzen und aus langen Gläsern. Ausführlich schwelgen wir in Erinnerungen, denn nun ist unser gemeinsames Bergabenteuer tatsächlich schon Geschichte. Aber was für eine! David meint, von diesem Abenteuer würde er noch seinen Neffen erzählen. Ich lächle und freue mich, denn das brauche ich nicht zu tun. Meiner war schließlich dabei. Und neben der erfolgreichen Überquerung der Alpen war das für mich das zweitschönste an der ganzen Tour.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Tag 6: Die Angsthasen-Route

Um dem mutmaßlich schwindelerregenden Bergkamm aus dem Weg zu gehen, steigen David und ich von der Ötzi-Fundstelle wieder hinab und klettern genau dort herunter, wo wir eben noch hochgekraxelt sind. Dabei kommen uns mehrere bekannte Gesichter entgegen: E5-Wanderer, die heute Morgen noch bei uns am Frühstückstisch saßen und erst nach uns aufgebrochen sind. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die auf dem Weg zur Similaunhütte noch einen Abstecher zum Fundort von Ötzi machen wollten. Dass wir ihnen nun plötzlich entgegen kommen, sorgt für helle Aufregung und eine ganze Menge bohrender Fragen, die ich nur sehr widerstrebend beantworte: "Doch, da oben geht es weiter", "Ob der Kamm vereist ist, weiß ich nicht", "Gut möglich, dass das Teilstück von hier zur Hütte harmlos ist", "Nein, wir haben es nicht ausprobiert".

Ganz schön blöd komme ich mir vor und wie auf dem heißen Stuhl. Aber meine Entscheidung steht fest: Über den Bergkamm gehe ich nicht. Das Problem ist, dass ich genau weiß, dass wir eine andere Möglichkeit haben, zur Similaunhütte zu gelangen. Wir gehen einfach den Weg zurück bis zur Gabelung, an der uns das Teufelchen den Weg nach rechts gewiesen hat und wenden uns dort in die Engelchen-Richtung. Dieser Weg dauert zwar länger, aber auch so kommen wir zur Hütte und müssen dabei keinen Fuß auf den Bergkamm setzen. Gäbe es diese Angsthasen-Variante nicht, hätte ich mich an den Kamm herangewagt und ihn vermutlich auch bewältigt. Aber da ich weiß, dass es möglich ist, den Bergkamm zu vermeiden, kann ich mich mental nicht überwinden, die Herausforderung anzunehmen. Manchmal spielt das Kopf halt nicht mit. Zumindest ein kleines Abenteuer wagen wir als wir ein Stückchen weiter unten den normalen Weg verlassen und uns querfeldein durchs Gelände schlagen. Uns ist klar: Früher oder später müssen wir auf den Weg zur Hütte stoßen.

Das tun wir auch und erreichen die gemütliche Similaunhütte gegen Mittag. Die E5-Wanderer von vorhin sehen wir dort nicht, was mich etwas verwundert. Ob sie schon weitergegangen sind? Eigentlich halte ich das für unwahrscheinlich. Demnach müssten wir die Hütte vor ihnen erreicht haben. Wenn man bedenkt, dass wir über die Angsthasen-Route eine viel längere Strecke zurücklegen mussten, ist das allerdings ebenfalls ein unwahrscheinliches Szenario. Für einen kurzen Moment versuche ich abzuschätzen, welche unwahrscheinliche Variante wahrscheinlich die wahrscheinlichere ist, verliere aber schnell die Lust an diesem Gedankengang. Stattdessen huste ich mir kurz die Seele aus dem Leib, bestelle röchelnd eine Suppe und bewundere die grandiose Aussicht auf den Similaun.


Stolze 3599 Meter reckt sich der Similaun vor uns in die Höhe. An seinen eisbezogenen Flanken kann ich mehrere Seilschaften ausmachen, die todesmutig auf ihm herumklettern. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Tode ich sterben würde, wenn ich Teil einer solchen Seilschaft wäre. Auch diesen gedanklichen Pfad verlasse ich eilig. Am Nebentisch erklärt eine Frau ihrer männlichen Wanderbegleitung, wie unsinnig es sei, auf einer mehrtätigen Wandertour nur zwei Outfits mitzunehmen. Seinen vorsichtigen Hinweis auf die Platz- und Gewichtsersparnis wischt sie energisch vom Tisch. Angenommen, man habe nur ein grünes und ein blaues Hemd eingesteckt, erklärt sie ihm ungeduldig. Woher wolle man wissen, ob man nicht am dritten Wandertag spontan Lust auf ein rotes Hemd habe? Was, wenn man gerade das nun im Gewichtssparwahn zuhause gelassen habe? Sie wolle sich beim Wandern nicht unnötig einschränken, findet sie. Er schweigt und blickt aus dem Fenster. Aus den beiden wird wohl auch keine Seilschaft mehr, denke ich. Es wird Zeit, dass die Suppe kommt.

Gerade als wir fertig gegessen haben, vibriert mein Handy. Wahrscheinlich eine SMS von einem italienischen Mobilfunkanbieter, der mich in Italien willkommen heißen will, vermute ich und blicke auf mein Handy. Tatsächlich heißt man mich willkommen, aber anders als erwartet. Der Text der Nachricht lautet:
"Willkommen an Bord! Bitte beachten Sie: Bei Gesprächen, SMS und Datennutzung in Flugzeugen und auf See entstehen abweichende Kosten zu Ihrem aktuellen Roaming-Tarif."
Mir wird dieser Ort langsam unheimlich. David und ich beschließen, die Anker zu lichten und einen Abflug zu machen. Beim Hinausgehen treffen wir unsere E5-Kollegen, die den Weg über den Bergkamm genommen haben und erst eine gute Stunde nach uns an der Hütte eintreffen. Ich huste ihnen zum Abschied noch einmal freundlich zu und dann nehmen David und ich das finale Teilstück des Europäischen Fernwanderwegs E5 von Oberstdorf nach Meran in Angriff.


Der Abstieg ins südtiroler Schnalstal zieht sich. Unser Ziel, der Vernagt-Stausee, den wir in der Ferne schon sehen können, liegt gut 1300 Meter tiefer als die Similaunhütte. Doch der Weg dorthin ist wunderschön. Bei herrlichem Sonnenschein wird die Umgebung um uns herum immer grüner und lieblicher, je tiefer wir kommen. Zweieinhalb Stunden lang wandern wir bergab und ich genieße jeden Schritt. David hingegen tut sich schwer. Schon seit ein paar Tagen hat er Schwierigkeiten mit seinem rechten Knie, das sich nicht mehr richtig beugen lässt. Während ihn das bergauf nicht beeinträchtigt, hat er bergab große Probleme. Bei seiner Bundeswehrmontur war ich anfangs in Sorge, dass die Italiener Alarm auslösen, wenn sie mitbekommen, dass das deutsche Militär über die Berge einmarschiert. Aber inzwischen wird ihnen sicher schon aufgefallen sein, dass es lediglich ein einziger (Ex-)Soldat ist, der darüber hinaus auch noch humpelt. Wie viel Schaden kann der schon anrichten? Das unangenehmste wäre sicherlich, wenn David auf die Idee käme, seine Wanderschuhe auszuziehen und sie der italienischen Welt hinzuhalten. Doch David und ich haben vereinbart, dass wir nur im äußersten Notfall zu solch radikalen Mitteln greifen werden.

Es ist kurz nach drei am Montagnachmittag, den 7. September 2015 als ich um eine letzte Ecke biege und den Tisenhof vor mir sehe. Der alte südtiroler Bauernhof liegt ein Stück oberhalb des Vernagt-Stausees und ist so etwas wie das inoffizielle Ende des Wanderwegs von Oberstdorf nach Meran. Schon viele Wanderer vor uns sind hier zum letzten Mal eingekehrt und haben auf ihre erfolgreiche Alpenüberquerung angestoßen. Mein Herz klopft schneller, ein Lächeln zieht durch mein Gesicht und Endorphine durchströmen meinen Körper. Ich kann nicht mehr an mich halten. Die letzten Meter lege ich laufend zurück.