Montag, 26. Oktober 2015

Tag 5: L’Alpe d’Huez

Als ich die Augen öffne, benötige ich einen Moment, um mich zu orientieren. Ich kann mich nicht erinnern, in welchem Traum ich mich bis eben noch befunden habe, aber es muss ein sehr intensiver gewesen sein. Allmählich lichtet sich der Nebel in meinem Kopf und mein Bewusstsein kommt aus ganz weiter Ferne langsam in das Hier und Jetzt der Realität zurück: Ich bin mit meinem Neffen David in den Bergen unterwegs. Wir befinden uns auf der Braunschweiger Hütte. Es muss früh am Morgen sein und ich liege im Bett. Es ist der fünfte Wandertag und heute wartet die Königsetappe auf uns. Von einer Sekunde auf die andere bin ich schlagartig hellwach und in Weltjahresbestzeit lege ich die Strecke vom Bett zum Fenster zurück. Ich blicke nach draußen. Draußen ist alles weiß.


Im Radsport ist die Königsetappe die schwierigste Etappe bei einer Rundfahrt, die so gut wie immer im Hochgebirge verläuft und oftmals für die Entscheidung im Gesamtklassement sorgt. David und ich haben bekanntlich in einem Anflug von Hochmut und Arroganz nicht nur auf überaus nützliche Elefanten, sondern auch noch auf durchaus praktische Fahrräder verzichtet und sind zu Fuß in den Bergen unterwegs. Davon abgesehen trifft es der Vergleich mit dem Radsport eigentlich ganz gut. Heute haben wir unser ganz persönliches L’Alpe d’Huez vor der Brust: Die schwierigste Etappe der gesamten Tour. Wenngleich heute auch keine Entscheidung hinsichtlich eines Gesamtklassements fallen wird - wir befinden uns ja schließlich nicht im Wettkampf - so ist es dennoch die entscheidende Etappe unserer Bergtour. Bis auf 2.758 Meter sind wir gekommen und nun stehen wir kurz vor der anspruchsvollen Überquerung eines Bergkamms, der ganz knapp unterhalb der 3.000 Meter-Marke liegt. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, diesen Bergkamm zu überqueren: Entweder man nimmt einen schweren Bergweg, der einen über das Pitztaler Jöchl auf 2.996 Meter führt oder man entscheidet sich für die Variante über das Rettenbachjoch, das südlich davon nur wenig tiefer auf 2.990 Meter liegt. Auch diese Strecke wird als "schwerer Bergweg" eingestuft und ist allenfalls im Abstieg auf der anderen Seite ein bisschen leichter. Technisch anspruchsvoll sind sie beide und vor den ausgesetzten und mit Stahlketten gesicherten Stellen, die beide Wege über den Kamm bereithalten, habe ich einen Heidenrespekt. Die Überquerung des Bergkamms über das eine wie das andere Joch soll laut Wanderführer "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff genommen werden, doch gut kann man das derzeitige Wetter nicht nennen, von "wirklich gut" ganz zu schweigen. Über Nacht ist nochmal ordentlich Schnee gefallen. Und während ich noch mit grüblerischen Gedanken durch das Fenster auf den ganzen Schnee blicke und wehmütig überlege, wie wunderschön die verschneite Berglandschaft doch wäre, wenn man sie denn genießen könnte, klingelt unser Wecker. Es ist 6 Uhr: Frühstückszeit.

Beim Verlassen des Frühstückstischs frage ich den Hüttenwirt nach seiner Einschätzung. Von anderen Wanderern habe ich gehört, dass sie lieber abwarten möchten und noch eine weitere Nacht auf der Braunschweiger Hütte verbringen wollen. "Nun ja", meint der Hüttenwirt und mustert uns kurz. "Das Stück über das Joch wird anspruchsvoll, aber ihr seid jung und sportlich, ihr schafft das. Aber geht nicht über das Pitztaler Jöchl - nehmt das Rettenbachjoch!" Ich quittiere den guten Rat mit einem kurzen Kopfnicken und folge David in unser Zimmer. Dort packen wir uns so warm ein wie es geht - inklusive Thermounterwäsche, langer Unterhose, Halstuch, Mütze, Handschuhe, Fleece und Isolationsjacke. An Wandertag Nummer 5 verlassen wir um Punkt 7:40 Uhr die Braunschweiger Hütte. Herausforderungen sind schließlich dafür da, um sie anzunehmen.

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