Als David und ich gegen halb zwölf am Bahnhof in Oberstdorf unsere Alpenüberquerung starten, hoffen wir darauf, dass der Regen bald nachlässt. Zwei Stunden später hoffen wir das immer noch. Oberstdorf liegt inzwischen hinter uns, die Nebelhornbahn haben wir passiert, eine ganze Weile sind wir an der Trettach entlang gelaufen und haben das Trettachtal bis ganz zum Ende durchquert - alles im Dauerregen. Wie zum Hohn beschreibt unser Wanderführer in allen schmerzhaften Einzelheiten "schöne Alleen aus alten Ahornbäumen", die "an heißen Tagen Schatten spenden", zählt die "wildromantische Berge" beim klangvollen Namen auf, die sich "rechts und links des Weges in den Himmel recken", verspricht "tolle Ausblicke", die unbedingt einen kleinen Abstecher wert seien und weiß überhaupt an diesem Wandertag von einer ganz besonders "wildschönen Landschaft" zu berichten. Wir sehen von alledem: nichts. Am anscheinend "wunderschönen Christlessee" habe man einen "faszinierenden Blick auf den Trettach-Gipfel", informiert uns unser Wanderführer. Wir sind froh, dass wir zumindest grob einen See ausmachen können und nicht einfach blind in ihn hineinstapfen. Wobei es fraglich ist, ob das noch einen Unterschied machen würde. Wir sind inzwischen nämlich vor allem eins: nass. Und zwar langsam aber sicher rundherum. So viel Regen hält die stärkste Faser nicht aus. Und wo die Feuchtigkeit von außen nicht hinkommt, schwitzt man sich von innen nass. Manchmal macht der Regen den Anschein nachzulassen, nur um dann noch stärker und noch nasser wiederzukommen. Es ist frustrierend. Der ewige Regen geht mir mächtig auf den Zeiger, an Fotografieren ist nicht zu denken und mit der Kapuze auf dem Kopf sind Sichtfeld und Hörvermögen derart eingeschränkt, dass man wie in einer Blase läuft. Schön ist das wirklich nicht. Und frustrierend ist die Aussicht, dass es noch ein paar Tage lang so weitergehen könnte.
In Spielmannsau - am Ende des "malerischen Trettachtals" angekommen - haben wir erstmal genug und beschließen, eine zünftige Brotzeit einzuschieben. Das erste Restaurant am Platz hat heute Ruhetag, aber ein Wandersmann, der uns entgegen kommt, weiß von einer Alphütte, die heute geöffnet sein soll. Wir finden sie tatsächlich geöffnet vor, wenngleich wir es ein wenig vermessen finden, sie so vollmundig und vorschnell "Hütte" zu nennen. Im Grunde genommen ist es nicht viel mehr als eine umgebaute Scheune. Eine zur Hälfte umgebaute Scheune. Immerhin haben wir ein schützendes Dach über dem Kopf und die Aussicht auf etwas zu essen und zu trinken - also beschweren wir uns nicht. Den Gastraum teilen wir uns mit einem missgestimmten Baby und etwa zehn anderen Personen, womit er meiner Meinung nach getrost das Prädikat "besonders voll" verdient hätte. Viel Platz ist hier wirklich nicht. Während David und ich hungrig über eine leckere Brotplatte herfallen, hören wir zu, was um uns herum geredet wird. "Du, welche Sprache spricht der Mann?", flüstert mir David nach einer Weile zu. Er meint den Alten am Nachbartisch. Ich muss zugeben: Ich weiß es nicht. Auch ich hatte mich schon gewundert. "Vermutlich eine selbst erfundene", wispere ich zurück. Nach Deutsch klang das nämlich nicht. Am Tisch hinter uns sitzt eine muntere Runde mit hessischen Touristen, die ebenfalls einigermaßen lautstark reichlich unverständliche Dinge babbeln. Ich spiele für eine Weile mit dem Gedanken, mir die Kapuze wieder über die Ohren zu ziehen.
Nach einer knappen Dreiviertelstunde brechen wir auf und eine weitere Viertelstunde später lässt er endlich nach, der Regen. Wir hatten es kaum mehr für möglich gehalten. Doch meine anfängliche Hoffnung, nun ein wenig trockener durch die Allgäuer Bergwelt zu wandern, löst sich schnell in literweise Schweiß auf. Die Feuchtigkeit, die jetzt nicht mehr von oben kommt, produzieren wir alsbald selbst. Gibt es eigentlich irgendeine anatomische, biologische oder physikalische Grenze, wie viel man schwitzen kann? Selbst wenn: Mein Körper scheint keinen Regeln mehr zu gehorchen und schwitzt als ob es kein Morgen gäbe. Unfassbar! Der Schweiß rinnt mir nur so von der Stirn, läuft mir fortlaufend den Rücken hinab und tropft mir beständig von Nase und Kinn. Es liegt nicht an der Sonne - denn die scheint nicht - oder an hohen Temperaturen - denn die gibt es nicht. Die hohe Luftfeuchtigkeit durch den stundenlangen Regen ist daran schuld. Und ganz bestimmt tut auch die Anstrengung ihr übriges, denn inzwischen geht es steil bergauf. Um unser Tagesziel, die Kemptner Hütte, zu erreichen, müssen wir 800 Höhenmeter überwinden. Zwei Stunden lang quälen wir uns den Berg hinauf und schwitzen dabei wir die Wahnsinnigen. Zu fotografieren gibt es wenig, denn uns umgibt eine feuchte Nebelsuppe, in der man bisweilen kaum mehr als 20 Meter weit sehen kann. Zu allem Überfluss merke ich, dass mir die gerade erst überstandene Grippe immer noch in den Knochen steckt. Zwei Mal bitte ich David, der deutlich mehr Energie hat als ich, um eine kurze Rast. Mehr als 3-4 Minuten kann man allerdings nicht pausieren, denn sobald man stehen bleibt, kriecht einem der kalte Nebel durch die schweißnassen Klamotten in die Knochen und man fängt bald an zu frösteln.
Etwa zwei Minuten, bevor wir sie erreichen, taucht plötzlich die Silhouette der Kemptner Hütte aus dem Nebel auf. Etwas mehr als die vom Wanderführer veranschlagten viereinhalb Stunden haben wir gebraucht. David und ich sind glücklich und zufrieden, die warme und wohnliche Hütte erreicht zu haben und freuen uns darauf, endlich aus den klatschnassen Sachen herauszukommen. Nachdem der Hüttenwirt uns freundlich begrüßt und unsere Reservierung bestätigt hat, stelle ich die Frage, die mich gerade am meisten beschäftigt: "Habt ihr eine Dusche?" Was banal klingt, ist nicht selbstverständlich. Ich habe schon auf Hütten übernachtet, die nicht über einen derartigen Luxus verfügten. "Ja-aa", entgegnet der Hüttenwirt und dämpft mit einem typischen "Ja, aber"-Gesicht meine erste Freude ein wenig. "Es ist so", erklärt er umständlich: "Warmwasser bekommen wir über unsere Sonnenkollektoren." Ich habe genug gehört, um zu verstehen: Wir werden kalt duschen müssen. "Wie viel Grad hat das Wasser in etwa?" Der Hüttenwirt macht ein unglückliches Gesicht: "6-8 Grad vielleicht?"
Ich führe keine Statistik, aber meine Dusche in der Kemptner Hütte am ersten Wandertag unserer Alpenüberquerung war mit Sicherheit die kürzeste meines Lebens. Und trotz allem fühlen wir uns besser: frisch geduscht und in trockenen sowie sauberen Klamotten. Furchtbar lange können wir uns allerdings nicht an unserem Wohlgefühl erfreuen, denn während wir auf unser Abendessen warten, fallen uns in der Stube vor Müdigkeit fast die Augen zu. Ich will mir gar nicht ausmalen wie das am nächsten Tag werden wird. An Wandertag Nummer 2 stehen statt der heutigen viereinhalb Stunden wandern nämlich schlappe neuneinviertel Stunden reine Wanderzeit auf dem Plan. Ich bin nicht mal sicher, ob ich mich morgen überhaupt irgendwie bewegen kann. Doch heute ist heute und morgen praktischerweise erst morgen. Um halb acht fallen wir todmüde ins Bett und sind schneller eingeschlafen als wir "Akku leer" sagen können.

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