Samstag, 17. Oktober 2015

Tag 4: Tag der Entscheidung

Üblicherweise ist das Wetter ein sehr beliebtes Small Talk-Thema, wenn man sonst nicht weiß, worüber man sich unterhalten soll. Ein wunderbarer Lückenfüller, mit dem man kaum etwas falsch machen kann: Wetter ist immer, alle können mitreden und wenn man möchte, kann man sich herrlich darüber aufregen, obwohl - oder gerade weil - es so viel Wichtigeres im Leben gibt. Auch am Morgen unseres vierten Wandertages ist das Wetter Thema Nummer eins am Frühstückstisch. Nicht nur an unserem übrigens: Etwa 30 weitere Wanderer haben sich wie David und ich gegen 7 Uhr im Berg-Restaurant zum Frühstück eingefunden und alle diskutieren sie nichts anderes als ihre Pläne für den heutigen und den morgigen Tag. Befreundete Wanderer stecken ihre Köpfe zusammen und tischübergreifend tauscht man sich auch mit fremden Wanderern über die Einschätzung der Lage aus. Das Thema "Wetter" bringt die Menschen eben zusammen. Doch diesmal geht um weit mehr als nur Small Talk: Aufgrund der schlechten Wetterlage muss sich heute Morgen jeder E5-Wanderer ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob es nicht vielleicht klüger und vor allem sicherer wäre, vom eigentlichen Wanderplan abzuweichen. Es geht dabei nicht um Bequemlichkeit oder den Wohlfühlfaktor. Man muss sich ehrlich fragen, ob es wirklich so sinnvoll ist, heute noch auf knapp 2.800 Meter aufzusteigen und morgen bei schlechtem Wetter eine der anspruchsvollsten Etappen des kompletten E5 zu absolvieren.

Auch David und ich gehen sorgsam unsere Optionen durch. Viele sind es nicht. Ehrlich gesagt, sind es genau zwei: Entweder wir steigen auf oder wir steigen aus. Beides hätte Konsequenzen für den Rest unserer Wandertour. Es fällt uns nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen - so viel hängt davon ab! Ich denke an meine Fernsehabende mit "Wer wird Millionär?", entscheide mich für den Publikumsjoker und gehe zum Nachbartisch, um dort ein Stimmungsbild einzuholen. "Steigt ihr heute noch zur Braunschweiger Hütte auf?", frage ich in die Runde und blicke in ernste und konzentriert blickende Gesichter. Viele sind noch unentschlossen, aber die meisten tendieren dazu in Wenns - einer kleinen Gemeinde im Pitztal, die man auf der heutigen Etappe passiert - die Wanderung für heute zu beenden und den Aufstieg zur Braunschweiger Hütte aufgrund der Wetterverhältnisse abzublasen. David und ich grübeln weiter, diskutieren, wägen ab und einigen uns schließlich auf einen Kompromiss: Wir treffen jetzt noch keine endgültige Entscheidung und laufen erst einmal bis Wenns. Dort bemühen wir noch einen zweiten Joker - den Telefonjoker nämlich - melden uns bei der Touristeninformation, holen uns von dort eine ganz aktuelle Wettervorhersage und erbitten einen Tipp von den dortigen Fachleuten, ob wir den Aufstieg heute noch wagen sollen. Fürs Erste beruhigt und mit einem klaren Plan vor Augen verlassen wir noch vor allen anderen gegen 7:40 Uhr die Venet Gipfelhütte.

Keine 10 Minuten sind wir unterwegs als uns an einer Wegegabelung ein Schild mit der Aufschrift "Panoramaweg" die richtige Richtung weist. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll und entscheide mich für ein verächtliches Schnauben. Von einem Panorama ist weit und breit nichts zu sehen. Es schneit zwar nicht, aber dafür regnet es mal wieder in Strömen. Das verheißt für den Tagesverlauf nichts Gutes. Mit Wehmut denke ich an den letzten Nachmittag zurück und sehne mich ins Trockene. Was habe ich mich gefreut als ich heute Morgen festgestellt habe, dass sämtliche Sachen über Nacht in unserem warmen Zimmer getrocknet waren! Nun werden sie alle wieder nass. Griesgrämig marschiere ich über den Panoramaweg, der für Wanderer sicher wunderschöne Ausblicke bereithält. Doch David und ich sehen heute nichts von alledem. Mehrere bewirtschaftete Almen passieren wir auf unserem Weg und jede lädt verführerisch ein zu einem heißen Getränk, einer warmen Mahlzeit oder gleich direkt einem kuscheligen Bett. Es ist ein Tag zum Bettdecke über den Kopf ziehen. Doch wir wandern weiter und halten nicht an. Wenn wir uns die Option offen halten wollen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen, dann sollten wir es nicht zu spät werden lassen. Die heutige Etappe besteht aus mehr als 8 Stunden reiner Wanderzeit, unterbrochen von einer knapp einstündigen Busfahrt von Wenns bis nach Mittelberg. Wenn wir dorthin wollen, sollten wir den Bus um 13:11 Uhr erwischen. Der nächste kommt dann nämlich erst zwei Stunden später. Und so verschärfen wir das Tempo, lassen alle Almen hinter uns, gehen bergauf und bergab und teilen uns einmal mehr den Weg mit großen Wassermassen, die sich auf unseren Wanderpfaden ihren Weg nach unten bahnen.


Als wir in Wenns ankommen, krame ich mein Handy aus der Tasche, checke die Uhrzeit und staune nicht schlecht: Es ist gerade mal kurz vor elf. In 10 Minuten fährt ein Bus nach Mittelberg, lesen wir auf der Anzeigetafel der Bushaltestelle. Heute ist Samstag und da fährt der Postbus alle zwei Stunden durch das Pitztal. Ich habe keine Ahnung wie wir die Wanderstrecke so schnell geschafft haben und auch David ist mächtig baff. Unser Wanderführer hatte für dieses Stück eine Wanderzeit von 4:20 Stunden angesetzt. Wir haben eine ganze Stunde weniger benötigt. Es wäre verführerisch, sich nun direkt in den Bus nach Mittelberg zu setzen und schon zwei Stunden früher dort zu sein. Doch wir wissen ja noch gar nicht, ob wir bei dem Wetter überhaupt dorthin fahren sollten und ziehen nun wie geplant Joker Nummer 2: den Telefonjoker. Es gibt vermutlich nur wenige, die die Berge, das Wetter, die Wege und die Bedingungen so gut kennen wie die Beschäftigten in den Touristeninformationen vor Ort. Da die Touristeninfo von Wenns praktischerweise 20 Meter die Straße herunter liegt, müssen wir nicht mal anrufen, sondern gehen gleich persönlich vorbei.

"Sie suchen bestimmt ein Zimmer oder eine Transfermöglichkeit ins Nachbartal!", versucht sich die Mitarbeiterin der Touristeninformation gut gelaunt im Gedanken lesen als wir tropfnass ihr Büro betreten. "Ehrlicherweise interessiert uns das genaue Gegenteil", erkläre ich ihr und ziehe mir umständlich die nasse Kapuze vom Kopf. "Wir überlegen, ob wir nicht trotzdem zur Braunschweiger Hütte aufsteigen. Würden Sie das empfehlen?" Unser Gegenüber blickt uns überrascht an, denkt einen kurzen Moment nach und antwortet mit einem entschiedenen "Joa, keine Ahnung". Nun ist es an uns, überrascht zu gucken. So hatten wir uns nicht vorgestellt. Das klingt jetzt nicht nach der großen Entscheidungshilfe, auf die wir gehofft hatten. "Der Aufstieg heute kann schon sehr schwierig werden. Und vielleicht ist das Wetter morgen zu schlecht für die Joch-Überquerung. Es kann aber auch gut gehen", schiebt die Mitarbeiterin in der Touristeninformation hinterher und lächelt ein wenig verlegen.

Ich bin total enttäuscht. Ganz ehrlich: Wir sind jetzt genau so schlau wie vorher. Auch der zweite Joker ist verspielt und wir sind einer Antwort auf unsere Frage noch keinen Schritt näher gekommen: "Was tun?" David schlägt vor, nochmal zurück zur Bushaltestelle zu gehen und unser Glück mit dem früheren Bus zu versuchen. Vielleicht finden wir in Mittelberg eine Antwort. Ein vernünftiger Vorschlag, finde ich. Strammen Schrittes eilen wir zurück und haben tatsächlich Glück. "2 Minuten" lesen wir auf der Anzeigetafel und kurz später fährt der Postbus tatsächlich ein. Wir kennen keinen der Leute, die außer uns noch zusteigen oder bereits im Bus sitzen - wir scheinen tatsächlich die ersten zu sein. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt bis Mittelberg und von dort wandern wir noch einmal eine halbe Stunde weiter, um an der Gletscherhütte Station zu machen. Hier wollen wir unseren dritten und letzten Joker spielen und den Wirt um Rat fragen. Die Hüttenwirte in den Bergen sind wirklich die besten Wetter- und Wanderexperten. Auf die Einschätzung von einem Hüttenwirt kann man sich blind verlassen. Zur Not kann man in der Gletscherhütte auch übernachten.

"Würden Sie empfehlen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen?", frage ich, nachdem wir unsere nassen Sachen aufgehängt und zwei heiße Schokoladen bestellt haben. Ich blicke den Wirt gespannt an. Showdown: Das ist der alles entscheidende Moment. Wie wird er die Situation sehen? Doch wieder werden wir enttäuscht. "Vom Wandern habe ich leider überhaupt keine Ahnung", gesteht uns der Wirt und zuckt nur mit den Schultern. "Mit Sahne oder ohne?"

Ich bin fassungslos. Ein Hüttenwirt, der vom Wandern keine Ahnung hat? So einer ist mir wirklich noch nie begegnet. Ich kann das gar nicht glauben. Statt einer heißen Schokolade hätte ich besser einen Schnaps bestellt. Und nun stehen wir da: Sämtliche Joker haben wir verspielt und noch immer sind wir einer Antwort auf die alles entscheidende Frage keinen Schritt näher gekommen. Ich blicke frustriert durch das Hüttenfester nach draußen. Es regnet. Ich blicke in Davids Gesicht. Der schaut mich an. Wir müssen nun eine Entscheidung treffen.

Und auf einmal geht es ganz schnell: Ich sage nur einen Satz. David nickt. Damit ist es besiegelt. Ich hoffe inständig es war richtige Entschluss.

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