Mittwoch, 23. Dezember 2015

Tag 6: Tränen und Freude

Zwei Tage bevor David und ich in unser Alpenabenteuer gestartet sind, kam im Fernsehen praktischerweise eine Reportage über den Fernwanderweg E5. Eine Fernsehmoderatorin begleitet darin mit einem Kamerateam eine Gruppe Wanderer auf ihrem Weg über die Alpen. Zwei Familien, zwei Senioren und ein kleiner Hund wählen eine in weiten Teilen identische Route wie David und ich.
Als die Mannschaft nach acht anstrengenden Tagen am Ziel ankommt, herrscht in der Gruppe ein ganz seltsamer Mix aus Freude und Melancholie. Auf der einen Seite sind sie glücklich, die Strapazen endlich überstanden zu haben. Auf der anderen Seite sind sie aber auch sehr traurig, dass die Tour nun zu Ende ist. Sogar die Moderatorin muss am Zielort ein Interview abbrechen, weil sie plötzlich in Tränen ausbricht. An eben diese Szene muss ich denken, als ich auf den Tisenhof zurenne, der für David und mich das Ziel unserer Tour markiert.

Dass man am Ende einer Wandertour über die Alpen Tränen vergießt, fand ich dann doch etwas übertrieben. Bestimmt gut für die Quote, aber vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Auch wenn man am letzten Tag etwas emotional werden mag, ist es letzten Endes dann doch nur eine mehrtätige Bergwanderung. Kein Grund, gleich Rotz und Wasser zu heulen. Dachte ich. Damals. Vor dem Fernseher. Während ich die letzten Meter im Spurt zurücklege, revidiere ich mein Urteil. Auch ich erlebe ein großes Gefühlsdurcheinander: große Erleichterung, unbändigen Stolz, intensive Glücksgefühle und tatsächlich auch ein bisschen Melancholie und Trauer. Ich ertappe mich dabei, wie ich ein wenig feuchte Augen bekomme und wische mir sie mir schnell trocken, bevor David auch am Tisenhof eintrifft. Doch das dauert noch eine ganze Weile, denn inzwischen humpelt er stark und kommt nur noch sehr langsam voran.

Um die Pause zu überbrücken, mache ich das naheliegendste und bestelle in der Hütte erstmal zwei Helle. Vom Tresen aus grinse ich die Hüttenwirtin sowie sämtliche anwesenden Gäste glückstrunken und ein wenig dämlich an. Während einige begeistert zurückgrinsen, starren mich andere nur hochgradig irritiert an. Vermutlich habe ich gerade die schnellste und effektivste Methode entdeckt, E5-Leidensgenossen von gewöhnlichen Wanderern zu unterscheiden. Bevor ich in der Gaststube noch weiter Verwirrung stiften kann, trifft David ein. Wir umarmen uns, klopfen uns auf die Schulter und strahlen uns an. Wir haben es geschafft: In sechs Tagen haben wir drei Länder und sechs Täler durchquert, sind handgestoppte 5.730 Meter hoch und 7.030 Meter wieder runter gewandert und in vielen Wanderstunden bis nach Italien marschiert. Und alles ganz ohne Elefanten. Mächtig stolz gratulieren wir uns gegenseitig zu unserer Leistung und setzen bei Facebook einen entsprechenden Post ab, damit auch die übrige Welt von unserem Heldentum erfährt. Immerhin: 126 Menschen gefällt das.


Wir gönnen uns noch eine kleine Pause und eilen dann zur Bushaltestelle, um gegen Viertel nach fünf den nächsten Bus nach Naturns zu erwischen. Von dort aus wollen wir in die Vinschgerbahn umsteigen, die uns in weniger als einer halben Stunde an unser endgültiges Ziel Meran bringen soll. Leider steigen wir in die falsche Bahn ein und fahren zunächst in die entgegengesetzte Richtung. Diesem kleinen Fauxpas verdanken wir eine Zwangspause in Kastelbell, wo wir schnell von neugierigen Touristen entdeckt und nach unserem Wanderabenteuer gefragt werden. "Wo seid's ihr denn g'wandert heit?", fragt uns der Mutigste aus einer Gruppe Senioren. Ich antworte nicht sofort, sondern überlege zunächst kurz, wie ich das nun am besten erklären kann. "Wir kommen von Oberstdorf", versuche ich behutsam den groben Rahmen zu skizzieren. Leider kann mein Gegenüber meine Antwort noch nicht so richtig einsortieren: "Aus Oberstdorf seid's? Und wo wart's ihr wandern?" Ich seufze. Es wird schwieriger als gedacht. "Wir kommen nicht aus Oberstdorf, wir kommen von Oberstdorf", versuche ich den Sachverhalt nochmals zu präzisieren. Leider ohne Erfolg. Ich unternehme einen dritten Versuch: "Wir sind von Oberstdorf hergewandert!" Diese Aussage kommt an und landet mitten im Ziel. Treffer, versenkt. Ein Raunen geht durch die Senioren. David und ich blicken in staunende und ungläubige Gesichter und grinsen uns an. Wir fühlen uns gut. Wie Abenteurer. Und echte Alpen-Abenteurer können auch schon mal in die falsche Bahn steigen.

Nachdem wir einige Heldengeschichten zum Besten gegeben haben, erwischen wir im zweiten Anlauf die richtige Bahn, erreichen Meran und checken in unser Apartment ein. Die Überraschung ist groß, als eine Tür auf dem Flur aufgeht und Alisa und Marina ihre Gesichter herausstrecken und sich vor Lachen kaum halten können. Nicht nur, dass wir fast jedes Mal in denselben Hütten übernachtet haben und uns auch sonst häufig begegnet sind - wir haben auch unabhängig voneinander in derselben Pension eingecheckt und schlafen auf demselben Flur. Manchmal gibt es schon verrückte Zufälle. Diesen hier machen wir uns direkt zunutze und gehen gemeinsam zu viert essen, mit Prosecco als Aperitif und festlich gedecktem Tisch, denn David hat schießlich immer noch Geburtstag.


Nach einem fürstlichen Mahl suchen David und ich für einen letzten Absacker eine Meraner Kneipe auf. Erfolgreiche Alpenüberquerungen zu zweit, zu Fuß und ohne Elefanten müssen schließlich gefeiert werden - und Geburtstage ohnehin. Wir haben also doppelten Grund für ein paar abschließende alkoholische Getränke aus kurzen und aus langen Gläsern. Ausführlich schwelgen wir in Erinnerungen, denn nun ist unser gemeinsames Bergabenteuer tatsächlich schon Geschichte. Aber was für eine! David meint, von diesem Abenteuer würde er noch seinen Neffen erzählen. Ich lächle und freue mich, denn das brauche ich nicht zu tun. Meiner war schließlich dabei. Und neben der erfolgreichen Überquerung der Alpen war das für mich das zweitschönste an der ganzen Tour.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Tag 6: Die Angsthasen-Route

Um dem mutmaßlich schwindelerregenden Bergkamm aus dem Weg zu gehen, steigen David und ich von der Ötzi-Fundstelle wieder hinab und klettern genau dort herunter, wo wir eben noch hochgekraxelt sind. Dabei kommen uns mehrere bekannte Gesichter entgegen: E5-Wanderer, die heute Morgen noch bei uns am Frühstückstisch saßen und erst nach uns aufgebrochen sind. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die auf dem Weg zur Similaunhütte noch einen Abstecher zum Fundort von Ötzi machen wollten. Dass wir ihnen nun plötzlich entgegen kommen, sorgt für helle Aufregung und eine ganze Menge bohrender Fragen, die ich nur sehr widerstrebend beantworte: "Doch, da oben geht es weiter", "Ob der Kamm vereist ist, weiß ich nicht", "Gut möglich, dass das Teilstück von hier zur Hütte harmlos ist", "Nein, wir haben es nicht ausprobiert".

Ganz schön blöd komme ich mir vor und wie auf dem heißen Stuhl. Aber meine Entscheidung steht fest: Über den Bergkamm gehe ich nicht. Das Problem ist, dass ich genau weiß, dass wir eine andere Möglichkeit haben, zur Similaunhütte zu gelangen. Wir gehen einfach den Weg zurück bis zur Gabelung, an der uns das Teufelchen den Weg nach rechts gewiesen hat und wenden uns dort in die Engelchen-Richtung. Dieser Weg dauert zwar länger, aber auch so kommen wir zur Hütte und müssen dabei keinen Fuß auf den Bergkamm setzen. Gäbe es diese Angsthasen-Variante nicht, hätte ich mich an den Kamm herangewagt und ihn vermutlich auch bewältigt. Aber da ich weiß, dass es möglich ist, den Bergkamm zu vermeiden, kann ich mich mental nicht überwinden, die Herausforderung anzunehmen. Manchmal spielt das Kopf halt nicht mit. Zumindest ein kleines Abenteuer wagen wir als wir ein Stückchen weiter unten den normalen Weg verlassen und uns querfeldein durchs Gelände schlagen. Uns ist klar: Früher oder später müssen wir auf den Weg zur Hütte stoßen.

Das tun wir auch und erreichen die gemütliche Similaunhütte gegen Mittag. Die E5-Wanderer von vorhin sehen wir dort nicht, was mich etwas verwundert. Ob sie schon weitergegangen sind? Eigentlich halte ich das für unwahrscheinlich. Demnach müssten wir die Hütte vor ihnen erreicht haben. Wenn man bedenkt, dass wir über die Angsthasen-Route eine viel längere Strecke zurücklegen mussten, ist das allerdings ebenfalls ein unwahrscheinliches Szenario. Für einen kurzen Moment versuche ich abzuschätzen, welche unwahrscheinliche Variante wahrscheinlich die wahrscheinlichere ist, verliere aber schnell die Lust an diesem Gedankengang. Stattdessen huste ich mir kurz die Seele aus dem Leib, bestelle röchelnd eine Suppe und bewundere die grandiose Aussicht auf den Similaun.


Stolze 3599 Meter reckt sich der Similaun vor uns in die Höhe. An seinen eisbezogenen Flanken kann ich mehrere Seilschaften ausmachen, die todesmutig auf ihm herumklettern. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Tode ich sterben würde, wenn ich Teil einer solchen Seilschaft wäre. Auch diesen gedanklichen Pfad verlasse ich eilig. Am Nebentisch erklärt eine Frau ihrer männlichen Wanderbegleitung, wie unsinnig es sei, auf einer mehrtätigen Wandertour nur zwei Outfits mitzunehmen. Seinen vorsichtigen Hinweis auf die Platz- und Gewichtsersparnis wischt sie energisch vom Tisch. Angenommen, man habe nur ein grünes und ein blaues Hemd eingesteckt, erklärt sie ihm ungeduldig. Woher wolle man wissen, ob man nicht am dritten Wandertag spontan Lust auf ein rotes Hemd habe? Was, wenn man gerade das nun im Gewichtssparwahn zuhause gelassen habe? Sie wolle sich beim Wandern nicht unnötig einschränken, findet sie. Er schweigt und blickt aus dem Fenster. Aus den beiden wird wohl auch keine Seilschaft mehr, denke ich. Es wird Zeit, dass die Suppe kommt.

Gerade als wir fertig gegessen haben, vibriert mein Handy. Wahrscheinlich eine SMS von einem italienischen Mobilfunkanbieter, der mich in Italien willkommen heißen will, vermute ich und blicke auf mein Handy. Tatsächlich heißt man mich willkommen, aber anders als erwartet. Der Text der Nachricht lautet:
"Willkommen an Bord! Bitte beachten Sie: Bei Gesprächen, SMS und Datennutzung in Flugzeugen und auf See entstehen abweichende Kosten zu Ihrem aktuellen Roaming-Tarif."
Mir wird dieser Ort langsam unheimlich. David und ich beschließen, die Anker zu lichten und einen Abflug zu machen. Beim Hinausgehen treffen wir unsere E5-Kollegen, die den Weg über den Bergkamm genommen haben und erst eine gute Stunde nach uns an der Hütte eintreffen. Ich huste ihnen zum Abschied noch einmal freundlich zu und dann nehmen David und ich das finale Teilstück des Europäischen Fernwanderwegs E5 von Oberstdorf nach Meran in Angriff.


Der Abstieg ins südtiroler Schnalstal zieht sich. Unser Ziel, der Vernagt-Stausee, den wir in der Ferne schon sehen können, liegt gut 1300 Meter tiefer als die Similaunhütte. Doch der Weg dorthin ist wunderschön. Bei herrlichem Sonnenschein wird die Umgebung um uns herum immer grüner und lieblicher, je tiefer wir kommen. Zweieinhalb Stunden lang wandern wir bergab und ich genieße jeden Schritt. David hingegen tut sich schwer. Schon seit ein paar Tagen hat er Schwierigkeiten mit seinem rechten Knie, das sich nicht mehr richtig beugen lässt. Während ihn das bergauf nicht beeinträchtigt, hat er bergab große Probleme. Bei seiner Bundeswehrmontur war ich anfangs in Sorge, dass die Italiener Alarm auslösen, wenn sie mitbekommen, dass das deutsche Militär über die Berge einmarschiert. Aber inzwischen wird ihnen sicher schon aufgefallen sein, dass es lediglich ein einziger (Ex-)Soldat ist, der darüber hinaus auch noch humpelt. Wie viel Schaden kann der schon anrichten? Das unangenehmste wäre sicherlich, wenn David auf die Idee käme, seine Wanderschuhe auszuziehen und sie der italienischen Welt hinzuhalten. Doch David und ich haben vereinbart, dass wir nur im äußersten Notfall zu solch radikalen Mitteln greifen werden.

Es ist kurz nach drei am Montagnachmittag, den 7. September 2015 als ich um eine letzte Ecke biege und den Tisenhof vor mir sehe. Der alte südtiroler Bauernhof liegt ein Stück oberhalb des Vernagt-Stausees und ist so etwas wie das inoffizielle Ende des Wanderwegs von Oberstdorf nach Meran. Schon viele Wanderer vor uns sind hier zum letzten Mal eingekehrt und haben auf ihre erfolgreiche Alpenüberquerung angestoßen. Mein Herz klopft schneller, ein Lächeln zieht durch mein Gesicht und Endorphine durchströmen meinen Körper. Ich kann nicht mehr an mich halten. Die letzten Meter lege ich laufend zurück.

Sonntag, 29. November 2015

Tag 6: Prost, Ötzi!

Am letzten Wandertag unserer Alpentour machen wir uns an die letzte große Steigung. Durch meine wieder erstarkte Erkältung bin ich ein wenig geschwächt. Ich muss ich öfters pausieren und bin langsamer unterwegs als in den letzten Tagen. Doch stetig kämpfe ich mich hinauf zum höchsten Punkt unserer Tour.

"Ob das dort oben die Steinpyramide ist?", fragt mich David eine Viertelstunde später und deutet auf einen kleinen Fleck weiter oben im Berg. Ich kneife meine Augen zusammen und blicke angestrengt in die Richtung, in die David zeigt. Tatsächlich sehe ich etwas, das aussieht wie ein großer Steinhaufen. Ist das schon die beschriebene Stelle, an der damals die Gletschermumie gefunden wurde? Mein Zeitgefühl sagt mir, dass wir diesen Punkt eigentlich noch nicht erreicht haben können. Der Wegweiser, an dem uns das Teufelchen den Weg nach rechts gewiesen hat, lag etwa auf 2.800 Meter. Ötzi wurde auf 3.208 Metern Höhe gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir seit der Weggabelung schon 400 Höhenmeter geschafft haben. "Wir gucken einfach mal", antworte ich - und genau das tun wir. Als wir den Steinhaufen erreichen, müssen wir beide herzlich lachen. In den Bergen ist es nicht einfach, Größe und Höhe aus der Ferne korrekt einzuschätzen. Vier Meter soll die Steinpyramide an der Fundstelle von Ötzi hoch sein. Dieser Haufen hier ist nicht mal halb so groß. Entweder handelt es sich um eine Wegmarkierung oder vorbeilaufende Wanderer haben einfach nur so ein paar Steine aufeinandergeschichtet. Eine Eismumie hat hier ganz sicher niemand gefunden. David und ich rasten kurz und steigen dann weiter den Berg hinauf.

Bald erreichen wir die ersten Schneefelder. Sorgsam geben wir darauf Acht, genau in die Fußstapfen zu treten, die die Wanderer vor uns freundlicherweise hinterlassen haben. Wenn man in den Schnee daneben tritt, sinkt man schnell bis zur Wade ein. Und wozu das führt, habe ich vom Vortag noch in bester schlechter Erinnerung. Es sind Ausläufer eines Gletschers, auf die David und ich hier stoßen und in die wir immer tiefer hineinsteigen. In der Höhe, in der wir uns inzwischen befinden, ist es schon ziemlich kalt und mit jedem Meter wird es frischer. Glücklicherweise ist heute ein Tag wie aus dem Bilderbuch: Die Sonne lacht und der Himmel ist wolkenlos. Das sorgt bei uns nicht nur für gute Stimmung und einen schönen Anblick der Landschaft um uns herum, sondern auch für ein paar wärmende Sonnenstrahlen, die David und mir sehr gelegen kommen.


Als nächstes kommt eine kleine Kletterpassage, für die wir beide Hände benötigen. David und ich sind inzwischen schon ein eingespieltes Team. Er klettert voran, ich reiche ihm meine Stöcke und klettere dann hinterher. Etwa eine halbe Stunde Schweißarbeit später stehen wir dann tatsächlich dort, wo vor 24 Jahren der Sensationsfund glückte. Die angekündigte Steinpyramide beherbergt ein Gipfelbuch, in dem David einen kurzen Gruß von uns hinterlässt. "Prost, Ötzi!", schreibt er hinein und wir lassen den Worten gerne Taten folgen und trinken einen Schnaps auf Ötzi. Einen zweiten trinken wir gleich hinterher - diesmal auf David, denn der hat schließlich heute Geburtstag. Den letzten Tag und höchsten Punkt der Tour mit dem eigenen Geburtstag zur krönen ist geniales Timing wie ich finde. Jeder von uns hängt ein wenig seinen eigenen Gedanken nach und wir bewundern die wunderschöne Aussicht ins südtiroler Schnalstal.


So richtig genießen kann ich die Umgebung allerdings nicht. Der fantastische Rundumblick wird überschattet von einer Erkenntnis, die mich jäh erfasst hat und die mir viele Bauchschmerzen bereitet. In den letzten Minuten auf dem Weg zur Steinpyramide wurde mir immer klarer, dass es nur einen einzigen direkten Weg geben kann, der von hier aus zu unserem nächsten Ziel, der Similaunhütte, führt. Und dieser Weg führt geradewegs über jenen Bergkamm, den ich eigentlich vermeiden wollte. Voller Zuversicht hatte ich mich für diese Variante entschieden, weil ich davon ausging, den Kamm auf einer Alternativroute umgehen zu können. Doch das war ganz offensichtlich eine Fehlannahme. Die Markierung auf dem Schild an der Weggabelung war schlichtweg falsch. Es gibt keine Alternativroute. Der direkte Weg von hier zur Hütte führt über den Bergkamm. Eine Wegstrecke, von der unser Wanderführer sagt, dass sie "zum Teil an exponierten Stellen mit Seilen versichert" ist. Diese Formulierung beunruhigt mich sehr. Was heißt hier "zum Teil"? Gibt es zum Teil exponierte Stellen, die samt und sonders mit Seilen gesichert sind oder gibt es viele exponierte Stellen, die eben nur zum Teil über eine Seilsicherung verfügen? Ehrlich gesagt will ich die Antwort gar nicht mehr wissen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken an exponierte Stellen ohne Seile oder Ketten. Ich möchte das Wagnis nicht eingehen. Obwohl David versucht, mich von der Harmlosigkeit des Weges zu überzeugen, habe ich mich entschieden und meine Wahl steht fest. Mein Kopf spielt heute nicht mit. Den Weg über den Bergkamm gehe ich nicht. Da wir uns nicht trennen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als gemeinsam den Rückweg anzutreten.

Mittwoch, 25. November 2015

Tag 6: Engelchen und Teufelchen

Am sechsten und letzten Wandertag unserer Tour werde ich noch vor dem Weckerklingeln von einem lauten Husten wach. Ich bin es selber, der wie wild hustet und dabei vermutlich auch alle anderen Zimmergenossen aus ihrem Schlaf reißt. Schon zu Beginn der Tour hatte ich mit einer Erkältung zu kämpfen, die ich kurz vorher erst überstanden hatte. Nun habe ich das Gefühl, ich werde eher wieder kränker als gesünder. Verwunderlich ist das nicht, denn anstatt mich zu schonen und auszukurieren, habe ich jeden Tag von meinem Körper Höchstleistung gefordert und bin Stunde um Stunde durch den Regen gelaufen. Das ist sicher nicht das optimale Therapieprogramm für einen grippalen Infekt. Nun bekomme ich dafür die Quittung. Ich nehme ein Hustenmittel und eine Schmerztablette. So kurz vor dem Ende muss ich mich nochmal am Riemen reißen. Heute wartet der Höhepunkt der Tour auf uns - im wahren Wortsinn.

Das große Finale der Alpenüberquerung entlang des E5 auf der Route, die David und ich gewählt haben, ist die Überquerung des Niederjochs. Mit 3019 Metern erreicht man hier den höchsten Punkt der Tour, der gleichzeitig den Übergang ins Südtiroler Schnalstal markiert. Wenn man auf der anderen Seite des Niederjochs wieder hinabsteigt, befindet man sich bereits auf italienischem Boden. Von dort aus ist das große Ziel der E5-Wanderer - Meran - nur noch einen Katzensprung entfernt. Mit weniger als fünf Wanderstunden sind die konditionellen Anforderungen dieser Etappe überschaubar. Doch mit einer angeschlagenen gesundheitlichen Verfassung können einem auch fünf Stunden lang werden. Hinzu kommt, dass David am liebsten von der Normalroute abzuweichen würde. Anstatt vom Niederjoch aus direkt wieder hinab ins Tal zu wandern, würde er gerne dem Bergkamm in westlicher Richtung anderthalb Stunden bis zum Tisenjoch folgen. Dort, auf 3208 Metern Höhe, wurde im Jahr 1991 von zwei deutschen Wanderern eine über 5000 Jahre alte mumifizierte Leiche gefunden, die später unter dem Namen "Ötzi" zu Weltruhm gelangte. Der Fundort der Mumie ist durch eine vier Meter hohe Steinpyramide gekennzeichnet. David würde Ötzis Fundstelle nur allzu gerne einen Besuch abstatten.

Einerseits fände ich es ziemlich cool, Ötzis Fundstelle und die Steinpyramide mal in Augenschein zu nehmen. Andererseits verspüre ich relativ wenig Lust darauf, auf einem Bergkamm herumzuspazieren. Auch wenn der Weg technisch nicht schwer und leicht zu gehen sein soll, handelt es sich laut Wanderführer um einen ausgesetzten Grad. So etwas liegt mir überhaupt nicht. Wenn es zu einer Seite des Weges steil hinab geht, fühle ich mich herausgefordert, kann aber in der Regel irgendwie damit umgehen. Dann habe ich immer noch die Möglichkeit, mich zur anderen Seite des Weges und zum Berghang zu orientieren. Doch wenn es - wie auf einem Grad - zu beiden Seiten steil bergab geht, habe ich es schwer. Nur an einem guten Tag und mit viel Mühe und Konzentration kann ich diese Herausforderung meistern. David und ich einigen uns darauf, dass wir erst einmal bis zur Similaunhütte hinaufwandern, die genau auf dem Niederjoch liegt. Dort können wir dann den Grad in Augenschein nehmen und ich kann besser abschätzen, wie herausfordernd die ausgesetzten Stellen für mich sind. Gegen 07:30 Uhr brechen wir auf, begleitet von strahlendem Sonnenschein und einem neuerlichen Hustenanfall meinerseits.


Keine zwei Stunden später gelangen David und ich an eine Weggabelung, an der wir erstmals ins Grübeln kommen. Links sollen wir uns hier halten, hatte uns der bislang stets absolut verlässliche Wanderführer geraten, hoch zur Similaunhütte und von dort entweder direkt ins Tal oder anderthalb Stunden über den Bergkamm zur Ötzifundstelle und anderthalb Stunden wieder zurück. Das Schild, vor dem wir nun stehen, empfiehlt uns hingegen, dass wir uns nach rechts wenden. Dort entlang gehe es auf direktem Weg zur Ötzifundstelle und dann weiter zur Similaunhütte. Diese Strecke wird hier rot markiert und nicht schwarz, was auf einen mittleren Schwierigkeitsgrad hindeutet. Damit kann das Stück zwischen Fundstelle und Hütte eigentlich nicht über den Grad führen, denn der weist aufgrund der Ausgesetztheit einen hohen Schwierigkeitsgrad auf und müsste demnach schwarz markiert sein. Ich bin verwirrt. Eigentlich ist das die perfekte Variante: Wir gehen direkt zur Fundstelle, sparen anderthalb Stunden Zeit und müssen nicht über den Grad. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Was mich nachhaltig verunsichert ist die Tatsache, dass unser Wanderführer diese Tour nicht als Alternative aufführt. Das ist äußerst seltsam. "Irgendetwas stimmt hier nicht", murmel ich vor mich hin. Bislang war unser Wanderführer stets absolut akkurat und hat an keiner Stelle wesentliche Informationen missen lassen. Wenn es Varianten zur Normalroute gab, so waren die stets aufgeführt. Doch diese Variante erwähnt er mit keiner Silbe. Warum nicht?

Und während ich noch darüber nachdenke, welche Entscheidung jetzt die richtige ist, wird mir klar, dass Engelchen und Teufelchen nicht nur auf Schultern, sondern auch auf Wegweisern sitzen können. Wie üblich sitzt auch hier der Engel links und der Teufel rechts und jeder will mich auf seine Seite ziehen. Ich denke an die Zuverlässigkeit des Wanderführers einerseits und an einen schwarz markierten Grad, dem ich aus dem Weg gehen kann andererseits. Dann denke ich an den Zeitgewinn der neuen Variante und an meine wieder schlimmer werdende Erkältung, die einmal mehr meine Kondition und Ausdauerfähigkeit einschränken. Ich brauche nicht lange für meine Entscheidung. Die Verlockung ist zu groß. David und ich wenden uns nach rechts und gewinnen schnell an Höhe. Nach ein paar Minuten drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück. Mir ist als würde der Teufel immer noch auf dem rechten Wegweiser sitzen und sich vor Lachen schütteln. Bis hierhin kann ich ihn hören.

Mittwoch, 11. November 2015

Tag 5: Guter Rat ist teuer

Ich muss zugeben: Ein wenig mulmig ist mir schon. Wegmarkierungen sind tatsächlich keine mehr zu erblicken. Auf dem Weg vom Rettenbachjoch hinab zum Parkplatz des Rettenbachgletschers haben wir uns offensichtlich verlaufen. Der viele Schnee von letzter Nacht hat die roten Markierungspunkte zugedeckt. Hatte der Wanderführer nicht genau davor gewarnt? Eben noch oben auf, sind wir nun wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Nun ist guter Rat teuer.

So wie ich das sehe haben wir vier Möglichkeiten. Die erste: Wir klettern zurück nach oben und fahren mit der Gondel das Stück zum Parkplatz hinab. Ehrlich gesagt würde ich das nur sehr ungern tun. Zurück bergauf durch den tiefen Schnee zu kraxeln wäre eine anstrengende und auch gefährliche Sache. Und dann die Schmach, am Ende doch die Gondel genommen zu haben! Das geht gar nicht. Es muss eine andere Möglichkeit geben. Die zweite zum Beispiel: Wir ergreifen die Flucht nach vorn - respektive unten - und klettern schnurstracks weiter geradeaus. Dummerweise führt dieser Weg über unwegsames Gelände mit unterschiedlich großen Felsblöcken. Schon das letzte Stück mussten wir uns über derartiges Terrain kämpfen und dieses Gelände ist bei Schnee alles andere als empfehlenswert. Gehen ist hier extrem schwierig. Immer mal wieder wackelt nämlich ein Block gefährlich oder rutscht bei Belastung sogar weg. Der glatte Schneebelag tut sein Übriges. Vielfach mussten David und ich zuletzt schon die Hände zu Hilfe nehmen. Meine Stöcke sind mir hier leider überhaupt keine Hilfe, sondern behindern mich eher. Mehr als einmal sind sie schon zwischen den Steinen steckengeblieben oder mir sogar aus der Hand gerutscht. Auch auf diesem Gelände wäre ich ungern länger unterwegs. Dann gibt es noch Möglichkeit Nummer drei: Wir queren nach rechts und steigen von dort aus hinab. Felsen und wackelige Steine gibt es rechts von uns nicht, doch wartet dort ein anderes Problem auf uns: Dort führt kein Weg, sondern eine Skipiste den Berg hinab. Eine ziemlich steile Skipiste sogar. Von hier kann ich nicht sehen, ob es überhaupt möglich ist, sich dort einen Weg nach unten zu bahnen. Sollte das gehen, wäre es sicher nicht einfach - und einmal gestolpert und das Gleichgewicht verloren, würden wir wohl sofort einen Abflug machen und gnadenlos mit mächtig Speed den Berghang hinabrutschen bis ganz nach unten. Auch das ist keine ungefährliche Variante. Bleibt noch die letzte Möglichkeit. Die ungefährlichste von allen, aber möglicherweise auch nicht ganz billig: der Helikopter. Aber den wollen wir nun wirklich nicht rufen. Also was ist zu tun?

David und ich entscheiden uns für die Pistenvariante, klettern vorsichtig aus dem Geröllfeld, queren den Hang und tasten uns auf dem abschüssigen Gelände langsam den Berg hinab. Genau über uns surren die Gondeln ins Tal. Unsere E5-Freunde haben im Parkplatz-Restaurant vermutlich schon längst ihre heiße Schokolade ausgetrunken und sich gestärkt wieder auf den Weg gemacht. Auch das Restprogramm ist nicht ohne: Vom Parkplatz aus sind es noch weitere sechs Wanderstunden bis zum heutigen Etappenziel, der Martin-Busch-Hütte.

David traut sich als erstes. Anstatt sich weiter langsam und vorsichtig seitwärts nach unten zu tasten, marschiert er einfach mit dem Rücken zum Berg mit großen Schritten hinab. Er geht nicht mehr, sondern läuft schon fast und tritt bei jedem Schritt kräftig in den hohen, weichen Schnee. Auf diese Weise kommt er nicht nur äußerst schnell, sondern auch noch ohne zu stürzen in weniger abschüssiges Gelände, ab wo das Gehen keine Schwierigkeit mehr darstellt. Ganz so elegant und furchtlos wie David komme ich nicht den Berg hinab, aber halb gehend und halb rutschend schlage auch ich mich ohne Sturz bis nach unten durch. Nach etwa einer Stunde erreichen David und ich unversehrt den Parkplatz vom Rettenbachgletscher. Die Gondelfahrer haben für diese Passage keine fünf Minuten gebraucht. Trotzdem freuen wir uns über den gelungenen Abstecher, wenngleich mich das Stück den Berg hinab mächtig geschlaucht hat.

Nach einer kurzen Pause im Parkplatz-Restaurant kommen wir am Ende doch nicht umhin, ein motorisiertes Verkehrsmittel zu besteigen. Um dem E5 weiter folgen zu können, müssen wir den Rosi-Mittermeier-Tunnel durchqueren, Europas höchstgelegenen Autotunnel, der für Fußgänger leider gesperrt ist. Wir organisieren uns für die 10-minütige Autofahrt ein Kleinbus-Taxi und biegen ein auf den wunderschönen Venter Panoramaweg, der uns in dreieinhalb Stunden am nordwestlichen Hang des Venter Tales entlang bis nach Vent hinunterführt. Immer wieder kommt zeitweise die Sonne raus und wir freuen uns einen Ast.


Gerade passend zu Mittagszeit erreichen wir Vent. Wenn man in einer deutschsprachigen Kleinstadt ein Hotel sucht, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man im Hotel "Zur Post" landet. Das ist nämlich bei weitem der am häufigsten verwendete Hotelname. Fast jede deutsche Stadt hat eins, was so heißt. Und so verwundert es nicht, dass auch David und ich uns im Restaurant vom "Hotel Post" wiederfinden und dankbar ein Wiener Schnitzel bestellen. Nach der kalorienreichen Pause entledigen wir uns auf der Toilette unserer langen Thermounterhose und nehmen die letzten zwei Wanderstunden in Angriff.

Die Martin-Busch-Hütte, die wir gegen 16:30 Uhr abgekämpft erreichen, ist für David und mich eine große Enttäuschung. Wir wissen das Dach über dem Kopf sehr zu schätzen, den Schlafplatz im Lager und auch die drei Minuten heißes Wasser unter der Dusche. Aber die Gaststube der Hütte hat keine Atmosphäre und kein Flair. An großen Tischen mit Plastiktischdecken fühlen wir uns ein bisschen wie in der Bahnhofskneipe. Zu allem Überfluss merke ich, wie meine überwunden geglaubte Erkältung zurückkehrt. Ich werde wieder kränker, fange stark an zu husten und fühle mich insgesamt ganz furchtbar schlapp. "Na, großartig!", fluche ich frustriert. Viel kränker werden darf ich jetzt nicht, denn ein letzter schwerer Wandertag liegt immer noch vor uns. Anstatt mit David sowie Alisa und Marina, die uns auch hier wieder angenehme Gesellschaft leisten, noch ein paar Runden Kniffel zu spielen, gehe ich lieber früh ins Bett, um meinem Körper noch ein wenig Ruhe und Erholung zu gönnen. Morgen muss ich fit sein. Mit 3.210 Metern Höhe wartet der höchste Punkt der gesamten Strecke auf uns.

Mittwoch, 4. November 2015

Tag 5: Über das Rettenbachjoch

Nach einem Selfie auf der Terrasse der Braunschweiger Hütte geht es los: David und ich machen uns auf den Weg, um das Rettenbachjoch in Angriff zu nehmen. Ich habe gemischte Gefühle bei der Sache. Auf der einen Seite machen mir die bergsteigerischen Herausforderungen in Verbindung mit den aktuellen Wetterbedingungen ein wenig Kummer. Auf der anderen Seite bin ich das Taktieren und Abwägen inzwischen leid und will endlich los. Schwungvoll setze ich mich in Bewegung, überquere zügig die Terrasse - und halte nach wenigen Metern abrupt inne als wäre ich gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Der Mund klappt mir vor Staunen auf und ich erstarre zu einer Salzsäule. Die Hütte, in der wir übernachtet haben, liegt von Gletschern umgeben mitten in einem Hochkessel. Inzwischen hat sich die Sonne weiter hervorgekämpft und bescheint genau vor mir eine Bergwelt wie sie grandioser nicht aussehen könnte. Das fantastische Panorama, das ich vor mir ausgebreitet sehe, erscheint wie gemalt. Weiß bemützt glänzen die Berge um mich herum und strahlen eine majestätische Ruhe aus. Ich erlebe einen wahrhaft magischen Moment inmitten einer faszinierenden Winterwelt. Zuvor hatte ich noch geglaubt, vor lauter Anspannung die Landschaft gar nicht genießen zu können. Doch das Bergpanorama, das uns hier oben umgibt, offenbart in diesem Moment einen Zauber, dem man sich nicht verschließen kann. Ich genieße den Augenblick, die Ruhe und die Schönheit der Natur und fülle mein Herz bis zum Rand mit Glück.


Der Weg zum Joch führt uns über felsigen Untergrund und fällt zunächst leicht ab. Vor uns sind keine Fußspuren zu erkennen. Wir sind offensichtlich heute Morgen die ersten, die den Weg nach oben wagen. Üblicherweise ist jede Wegstrecke des E5 gut präpariert und alle paar Meter mit einem farbigen roten Punkt markiert. Verlaufen kann man sich kaum - es sei denn, Neuschnee bedeckt die Felsen und damit auch einen Großteil der roten Punkte. David und ich müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht vom Weg abkommen. Immer wieder müssen wir anhalten und zunächst nach der nächsten Markierung zu suchen. Ich denke an die mahnenden Worte in unserem Wanderführer: "Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Diese Warnung war kein bisschen übertrieben, aber bislang finden wir unseren Weg. Im Vorbeigehen wischen wir an den entsprechenden Stellen den Schnee von den Felsen, damit die roten Punkte für die Wanderer hinter uns besser zu sehen sind. Doch bis jetzt ist auch hinter uns niemand zu erblicken. Wir sind völlig allein im Berg unterwegs.

Es dauert nicht lange und der Weg wir schmaler und steiler, schraubt sich immer mehr den Berg hinauf und schon bald kommen die ersten ausgesetzten Stellen. Die sind zwar gut mit Ketten gesichert, aber trotzdem bleibt der Weg durchaus anspruchsvoll und erfordert höchste Konzentration. Der Schnee macht den Fels rutschig und jeder Schritt will gut gesetzt sein. In den Verschnaufpausen, die ich immer wieder einlegen muss, bewundere ich die verschneite und vergletscherte Bergwelt um mich herum. Immer wieder weicht der Nebel zurück und gibt den Blick frei auf eine unglaublich traumhafte Kulisse.

Stück für Stück kämpfen wir uns voran und David ist mir bei schwierigen Passagen eine große Hilfe. Er geht vor mir, spurt den Weg, achtet auf die Wegmarkierungen und bietet meinen Augen den erforderlichen Fixpunkt, damit ich nicht nach unten blicken muss. Je weiter wir nach oben kommen, desto schmaler wird der Weg und desto gähnender der Abgrund. Ich muss mich zwingen, auf keinen Fall hinabzusehen. An einer besonders exponierten Stelle tritt David ohne den Hauch einer Angst bis an den Rand des Weges heran und schaut neugierig nach unten. Ein Schritt weiter und er würde fast 200 Meter tief fallen. Den Sturz würde er nicht überleben. Doch David denkt gar nicht daran hinabzustürzen, sondern bittet mich gut gelaunt um ein Foto für sein Facebook-Profilbild. Den Gefallen tue ich ihm gerne, doch als David mir anbietet, dass wir gerne die Positionen tauschen können, damit er umgekehrt ein Foto von mir am Abgrund machen kann, lehne ich dankend ab. Bislang komme ich mit der Höhe ganz gut klar, aber nur, weil ich den Blick in die Tiefe vermeide. Dabei möchte ich es auch belassen. Ich will meine Nerven nicht überstrapazieren.


Nach etwa anderthalb Stunden Kampf mit dem Berg, dem rutschigen Fels und furchterregenden Abgründen, über die ich tapfer hinwegsehe, erreichen wir das rettende Rettenbachjoch auf 2.990 Metern Höhe. Hinter uns im Nebel tauchen schemenhaft weitere Wanderer auf, die unseren Spuren gefolgt sind und wenige Minuten später ebenfalls eintreffen. "Bergsteigen ist ja kein Wettkampf", sagt David mit ernster Miene. Ich frage mich, worauf er wohl hinaus will. Ein schelmisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht als er ergänzt: "Aber wir waren die ersten!" Wir müssen beide lachen. Und warum auch nicht? David hat völlig Recht. Wir können stolz auf unsere Leistung sein und belohnen uns mit einem Schluck Gipfelschnaps aus dem Flachmann, den ich schon seit Beginn der Alpentour in einer Seitentasche des Rucksacks mit mir herumschleppe.

Die übrigen E5-Wanderer entscheiden sich allesamt dafür, mit einer Gondel auf der anderen Bergseite abzufahren. In fünf Minuten ist man so am Parkplatz vom Rettenbachgletscher auf 2.684 Meter und setzt die Wanderung von dort fort. David und ich wollen es uns nicht so leicht machen und entscheiden uns nach kurzer Diskussion und schneller Einigkeit für den Wanderweg nach unten. Laut Wanderführer sollte man hierfür etwa 45 Minuten einplanen. Wie wir schnell feststellen müssen, führt der Weg sehr steil hinab und ist im Schnee kaum zu sehen. Immer tiefer sinken wir ein und schon bald verschwindet bei jedem Schritt mein ganzer Wanderschuh mitsamt dem halben Bein im Schnee. Doch umkehren können wir jetzt nicht mehr. Da müssen wir durch. "Vielleicht war das doch keine so gute Idee!", rufe ich David zu, der mal wieder vor mir läuft. Meine Füße werden langsam kalt, da bei jedem Schritt Schnee oben in den Schaft meines Wanderschuhs fällt. Viele warme Wintersachen habe ich eingepackt, doch an Gamaschen habe ich überhaupt nicht gedacht. Meine Vergesslichkeit muss ich nun mit nassen und immer kälter werdenden Füßen bezahlen.

Ich bin beim Gehen so sehr darauf konzentriert, die Schneemenge in meinem Wanderschuh so gering wie möglich zu halten, dass ich gar nicht mitbekomme, dass David längst stehen geblieben ist. "Was ist los?", frage ich ihn irritiert als ich auf ihn auflaufe und ihn dabei fast umstoße. "Wir haben ein Problem", sagt David und macht erneut ein ernstes Gesicht. Doch diesmal folgt kein schelmisches Grinsen. "Seit ein paar Minuten schon gibt es keine roten Punkte mehr."

Montag, 26. Oktober 2015

Tag 5: L’Alpe d’Huez

Als ich die Augen öffne, benötige ich einen Moment, um mich zu orientieren. Ich kann mich nicht erinnern, in welchem Traum ich mich bis eben noch befunden habe, aber es muss ein sehr intensiver gewesen sein. Allmählich lichtet sich der Nebel in meinem Kopf und mein Bewusstsein kommt aus ganz weiter Ferne langsam in das Hier und Jetzt der Realität zurück: Ich bin mit meinem Neffen David in den Bergen unterwegs. Wir befinden uns auf der Braunschweiger Hütte. Es muss früh am Morgen sein und ich liege im Bett. Es ist der fünfte Wandertag und heute wartet die Königsetappe auf uns. Von einer Sekunde auf die andere bin ich schlagartig hellwach und in Weltjahresbestzeit lege ich die Strecke vom Bett zum Fenster zurück. Ich blicke nach draußen. Draußen ist alles weiß.


Im Radsport ist die Königsetappe die schwierigste Etappe bei einer Rundfahrt, die so gut wie immer im Hochgebirge verläuft und oftmals für die Entscheidung im Gesamtklassement sorgt. David und ich haben bekanntlich in einem Anflug von Hochmut und Arroganz nicht nur auf überaus nützliche Elefanten, sondern auch noch auf durchaus praktische Fahrräder verzichtet und sind zu Fuß in den Bergen unterwegs. Davon abgesehen trifft es der Vergleich mit dem Radsport eigentlich ganz gut. Heute haben wir unser ganz persönliches L’Alpe d’Huez vor der Brust: Die schwierigste Etappe der gesamten Tour. Wenngleich heute auch keine Entscheidung hinsichtlich eines Gesamtklassements fallen wird - wir befinden uns ja schließlich nicht im Wettkampf - so ist es dennoch die entscheidende Etappe unserer Bergtour. Bis auf 2.758 Meter sind wir gekommen und nun stehen wir kurz vor der anspruchsvollen Überquerung eines Bergkamms, der ganz knapp unterhalb der 3.000 Meter-Marke liegt. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, diesen Bergkamm zu überqueren: Entweder man nimmt einen schweren Bergweg, der einen über das Pitztaler Jöchl auf 2.996 Meter führt oder man entscheidet sich für die Variante über das Rettenbachjoch, das südlich davon nur wenig tiefer auf 2.990 Meter liegt. Auch diese Strecke wird als "schwerer Bergweg" eingestuft und ist allenfalls im Abstieg auf der anderen Seite ein bisschen leichter. Technisch anspruchsvoll sind sie beide und vor den ausgesetzten und mit Stahlketten gesicherten Stellen, die beide Wege über den Kamm bereithalten, habe ich einen Heidenrespekt. Die Überquerung des Bergkamms über das eine wie das andere Joch soll laut Wanderführer "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff genommen werden, doch gut kann man das derzeitige Wetter nicht nennen, von "wirklich gut" ganz zu schweigen. Über Nacht ist nochmal ordentlich Schnee gefallen. Und während ich noch mit grüblerischen Gedanken durch das Fenster auf den ganzen Schnee blicke und wehmütig überlege, wie wunderschön die verschneite Berglandschaft doch wäre, wenn man sie denn genießen könnte, klingelt unser Wecker. Es ist 6 Uhr: Frühstückszeit.

Beim Verlassen des Frühstückstischs frage ich den Hüttenwirt nach seiner Einschätzung. Von anderen Wanderern habe ich gehört, dass sie lieber abwarten möchten und noch eine weitere Nacht auf der Braunschweiger Hütte verbringen wollen. "Nun ja", meint der Hüttenwirt und mustert uns kurz. "Das Stück über das Joch wird anspruchsvoll, aber ihr seid jung und sportlich, ihr schafft das. Aber geht nicht über das Pitztaler Jöchl - nehmt das Rettenbachjoch!" Ich quittiere den guten Rat mit einem kurzen Kopfnicken und folge David in unser Zimmer. Dort packen wir uns so warm ein wie es geht - inklusive Thermounterwäsche, langer Unterhose, Halstuch, Mütze, Handschuhe, Fleece und Isolationsjacke. An Wandertag Nummer 5 verlassen wir um Punkt 7:40 Uhr die Braunschweiger Hütte. Herausforderungen sind schließlich dafür da, um sie anzunehmen.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Tag 4: Schnee bis auf 1.800 Meter

Als ich abmarschbereit die Eingangstür der Gletscherstube öffne, bläst mir ein kalter Wind entgegen. Mich schaudert. Unsere einstündige Pause in der Hütte hat nicht ausgereicht, um unsere Kleidung zu trocknen. Obwohl ich sie direkt neben dem Ofen aufgehängt habe, sind meine Sachen immer noch nass und klamm. Mir ist kalt. Und doch weiß ich, dass dies nur eine Ausrede ist. Es gibt noch einen ganz anderen Grund dafür, dass es mir hier und jetzt eiskalt den Rücken hinunter läuft: Ich weiß, was wir jetzt tun werden. Sobald wir die Gletscherstube verlassen haben, werden wir nicht rechts abbiegen in Richtung Mittelberg. Wir werden uns nach links wenden. Bergauf. In Richtung Braunschweiger Hütte.

Ich seufze einmal schwer und blicke auf den Weg vor uns. Von 1.915 müssen David und ich nun auf 2.759 Meter Höhe hinauf. Rund 2,5 Stunden würden wir unter normalen Umständen dafür benötigen. Aber bei dem Regenwetter ist der Stein möglicherweise glitschig. Wir werden vorsichtig gehen müssen und kommen vielleicht nicht ganz so schnell voran. Doch ankommen kann nur, wer sich irgendwann auf den Weg macht. David und ich beginnen unseren Aufstieg.

Unser Weg schlängelt sich durch die Felswand den Berg hinauf. Technisch gesehen ist es ein mittelschwerer Bergweg: Es gibt durchaus schwierige Passagen und ausgesetzte Stellen, aber die sind mit Ketten und Seilen gut gesichert. Ab und zu muss ich die Hände zu Hilfe nehmen, aber grundsätzlich ist der Weg durchaus machbar. Was ihn für David und mich so herausfordernd macht, ist die Tatsache, dass wir schon 5 Wanderstunden in den Knochen haben und nun noch einmal über 800 Höhenmeter überwinden müssen. Unser Wanderführer hatte uns vorgewarnt: "Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte darf nach der Venetberg-Überschreitung auch konditionell nicht unterschätzt werden." Doch David und ich sind entschlossen und arbeiten uns den Berg hinauf. Da der Regen den Fels tatsächlich sehr rutschig gemacht hat, müssen wir uns beim Gehen ganz besonders konzentrieren. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber ich habe das Gefühl als wäre es noch ein wenig kälter geworden. Dass ich mit dieser Einschätzung nicht falsch liege, wird deutlich, als der Regen nach etwa einer halben Stunde in Schnee übergeht. Das können wir absolut überhaupt nicht gebrauchen - aber was hilft es? Jetzt sind wir einmal auf dem Weg und für uns gibt es nun nur noch ein Ziel: Den Berg hinauf bis zur Braunschweiger Hütte.

Ich hätte nicht gedacht, dass 2,5 Stunden so lang sein können. Der Weg zieht sich wie Kaugummi, der Schnee wird immer dichter und ich werde immer kälter. Meine Kraft, Ausdauer und Konzentration lassen spürbar nach. Zudem habe ich das Gefühl, dass mein Rucksack mit jedem Schritt schwerer wird. Zum ersten Mal bereue ich, dass wir uns ohne Elefanten auf den Weg über die Alpen gemacht haben. Wo ist dieser verdammte Last-Elefant, wenn man ihn mal braucht?

David und ich beißen uns hoch. Nach einer etwas kniffligen Kletterstelle laufen wir nun über ein endloses Feld mit großen Gesteinsbrocken, über die man bei schönem Wetter vermutlich einfach so spazieren kann. Wir aber müssen jeden Fuß einzeln und vorsichtig setzen, um auf dem Schnee nicht auszurutschen, der inzwischen alles bedeckt. Mühsam kämpfen wir uns Meter um Meter voran. Immer wieder muss ich pausieren, aber nie halte ich es länger als 1-2 Minuten aus. Die Kälte kriecht einem sofort durch die Kleidung unter die Haut.

"Wie lange wird es wohl noch dauern?", fragt mich David bei der nächsten kurzen Pause. Der Schneefall wird immer stärker und das Gehen immer anstrengender. Vor längerer Zeit schon haben wir ein Schild passiert, auf dem die restliche Gehzeit bis zur Hütte mit einer Stunde angegeben war. "Eigentlich müssten wir bald da sein", schnaufe ich. Doch inzwischen bin ich mir sicher: Mit dieser Zeitangabe kann etwas nicht stimmen. Die angegebene Zeit ist nach meinem Gefühl inklusive akademischer Viertelstunde schon längst vergangen und eigentlich habe ich ein sehr gutes Zeitgefühl. Eigentlich. Andererseits vergeht die gefühlte Zeit gerade möglicherweise auch unglaublich langsam. Ich ärgere mich, dass ich am Schild nicht auf die Uhrzeit geachtet habe. Dafür hätte ich allerdings meine Handschuhe ausziehen und mein Handy aus der Jackentasche fummeln müssen. Das war mir zu mühselig gewesen. Nun könnte ich mich ohrfeigen deswegen. Doch da ich mit meinen Kräften haushalten muss, sehe ich davon ab. Ändern würde es ohnehin nichts. Wie zuverlässig auch immer die Zeitangabe auf dem Schild gewesen sein mag und wann auch immer wir es passiert haben: Wir müssen einfach weiter hinauf, bis wir die Hütte erreicht haben. Ich hoffe sehr, das dauert nicht mehr lang. So langsam gehen meine Reserven zur Neige.

Eine gefühlte Viertelstunde später frage ich mich ernsthaft, ob man so eine Hütte auch verpassen kann. David klettert ein kleines Stück vor mir. Durch den dichten Schnee kann ich ihn so gerade noch erkennen. Er ist mein Blick in die Zukunft, zumindest in die unmittelbare. Wenn wir die Hütte erreichen, wird er sie als erster sehen. Im Umkehrschluss heißt das: Solange er noch keinen Freudenschrei ausstößt, sind wir auch noch nicht da. Kann es nicht sein, dass wir an der Hütte vorbeigestiegen sind? Wenn ich so an meine Erfahrungen in den Alpen denke, ist es extrem unwahrscheinlich, dass man eine Hütte unbemerkt passiert und einfach vorbeiläuft. Auf der anderen Seite hätten wir schon längst da sein müssen. Wie viele Stunden kann eine Stunde dauern? Ich bleibe stehen und blinzle den Berg hinauf. Doch das Wetter ist inzwischen so schlecht, dass man kaum etwas sieht. Von einer Hütte ist jedenfalls weit und breit keine Spur.

Während ich darüber nachdenke, wie hilfreich Höhenmesser in solchen Situationen sind und zum zweiten Mal in Erwägung ziehe, mich selber zu ohrfeigen, dass ich auch daran nicht gedacht habe, spricht David endlich die erlösenden Worte: "Wir sind da!" Ich blick nach oben und sehe: nichts. Erst ein paar Schritte weiter kann ich die Braunschweiger Hütte vor uns ausmachen. Das Wetter ist so schlecht, dass man fast direkt davor stehen muss, um sie zu sehen. Die Außenterrasse ist völlig verschneit. Mit den tollen Sonnenschein-Fotos, die in unserem Wanderführer abgebildet sind, hat dies überhaupt nichts gemein. Doch selten war ich so froh, eine Hütte erreicht zu haben. Ich eile hinein und stehe zunächst einmal einfach nur da wie ein begossener Pudel und wärme mich auf.


Auch hier hat die Reservierung funktioniert. Ganz feudal werden wir statt im Lager in einem 4er-Zimmer untergebracht, dass wir überdies ganz für uns alleine haben. Über 180 Personen finden in der wunderschönen Braunschweiger Hütte Platz und nicht selten ist die Hütte komplett ausgebucht. Doch heute finden wir nur wenige Wanderer hier vor. Bei diesen schwierigen Wetterbedingungen haben wohl nicht viele den Aufstieg gewagt. Von unseren E5-Leidensgenossen, die wir bislang zuverlässig auf jeder Hütte wiedergesehen haben, entdecken wir keinen einzigen. Nachdem wir heiß geduscht haben, in trockene Klamotten geschlüpft sind und uns wieder mehr wie lebendige Menschen fühlen, trudeln dann doch noch ein paar von ihnen ein. Unter ihnen sind auch zwei Mädels - Alisa und Marina - die zeitgleich mit uns die Alpenüberquerung begonnen haben. Dass sie ebenso taff sind wie wir, haben sie bereits bewiesen. Heute Abend wollen wir testen, wer von uns mehr Glück beim Würfelspiel hat.

Die Ablenkung durch die gesellige Runde kommt mir sehr entgegen. Über die morgige Etappe, die unser Wanderführer als "eine der schwierigsten des gesamten E5" bezeichnet, mag ich gerade nicht nachdenken - und noch viel weniger über die Empfehlung, sie "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff zu nehmen. Während ich mich gedanklich mit kleinen und großen Straßen, Full House und diversen Päschen beschäftige, höre ich, wie der Hüttenwirt am Nachbartisch folgende Einschätzung abgibt: "Momentan sieht es wettermäßig nicht gut aus. Es schneit in einem fort. Das macht den Weg über die Jöcher sehr gefährlich. Wir müssen erst mal abwarten und morgen früh nochmal die Lage sondieren. Dann wissen wir mehr." Es sieht so aus als sollten Alisa, Marina, David und ich heute Abend besser nicht all unser Glück beim Kniffel aufbrauchen. Morgen werden wir noch jede Menge davon benötigen.

Samstag, 17. Oktober 2015

Tag 4: Tag der Entscheidung

Üblicherweise ist das Wetter ein sehr beliebtes Small Talk-Thema, wenn man sonst nicht weiß, worüber man sich unterhalten soll. Ein wunderbarer Lückenfüller, mit dem man kaum etwas falsch machen kann: Wetter ist immer, alle können mitreden und wenn man möchte, kann man sich herrlich darüber aufregen, obwohl - oder gerade weil - es so viel Wichtigeres im Leben gibt. Auch am Morgen unseres vierten Wandertages ist das Wetter Thema Nummer eins am Frühstückstisch. Nicht nur an unserem übrigens: Etwa 30 weitere Wanderer haben sich wie David und ich gegen 7 Uhr im Berg-Restaurant zum Frühstück eingefunden und alle diskutieren sie nichts anderes als ihre Pläne für den heutigen und den morgigen Tag. Befreundete Wanderer stecken ihre Köpfe zusammen und tischübergreifend tauscht man sich auch mit fremden Wanderern über die Einschätzung der Lage aus. Das Thema "Wetter" bringt die Menschen eben zusammen. Doch diesmal geht um weit mehr als nur Small Talk: Aufgrund der schlechten Wetterlage muss sich heute Morgen jeder E5-Wanderer ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob es nicht vielleicht klüger und vor allem sicherer wäre, vom eigentlichen Wanderplan abzuweichen. Es geht dabei nicht um Bequemlichkeit oder den Wohlfühlfaktor. Man muss sich ehrlich fragen, ob es wirklich so sinnvoll ist, heute noch auf knapp 2.800 Meter aufzusteigen und morgen bei schlechtem Wetter eine der anspruchsvollsten Etappen des kompletten E5 zu absolvieren.

Auch David und ich gehen sorgsam unsere Optionen durch. Viele sind es nicht. Ehrlich gesagt, sind es genau zwei: Entweder wir steigen auf oder wir steigen aus. Beides hätte Konsequenzen für den Rest unserer Wandertour. Es fällt uns nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen - so viel hängt davon ab! Ich denke an meine Fernsehabende mit "Wer wird Millionär?", entscheide mich für den Publikumsjoker und gehe zum Nachbartisch, um dort ein Stimmungsbild einzuholen. "Steigt ihr heute noch zur Braunschweiger Hütte auf?", frage ich in die Runde und blicke in ernste und konzentriert blickende Gesichter. Viele sind noch unentschlossen, aber die meisten tendieren dazu in Wenns - einer kleinen Gemeinde im Pitztal, die man auf der heutigen Etappe passiert - die Wanderung für heute zu beenden und den Aufstieg zur Braunschweiger Hütte aufgrund der Wetterverhältnisse abzublasen. David und ich grübeln weiter, diskutieren, wägen ab und einigen uns schließlich auf einen Kompromiss: Wir treffen jetzt noch keine endgültige Entscheidung und laufen erst einmal bis Wenns. Dort bemühen wir noch einen zweiten Joker - den Telefonjoker nämlich - melden uns bei der Touristeninformation, holen uns von dort eine ganz aktuelle Wettervorhersage und erbitten einen Tipp von den dortigen Fachleuten, ob wir den Aufstieg heute noch wagen sollen. Fürs Erste beruhigt und mit einem klaren Plan vor Augen verlassen wir noch vor allen anderen gegen 7:40 Uhr die Venet Gipfelhütte.

Keine 10 Minuten sind wir unterwegs als uns an einer Wegegabelung ein Schild mit der Aufschrift "Panoramaweg" die richtige Richtung weist. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll und entscheide mich für ein verächtliches Schnauben. Von einem Panorama ist weit und breit nichts zu sehen. Es schneit zwar nicht, aber dafür regnet es mal wieder in Strömen. Das verheißt für den Tagesverlauf nichts Gutes. Mit Wehmut denke ich an den letzten Nachmittag zurück und sehne mich ins Trockene. Was habe ich mich gefreut als ich heute Morgen festgestellt habe, dass sämtliche Sachen über Nacht in unserem warmen Zimmer getrocknet waren! Nun werden sie alle wieder nass. Griesgrämig marschiere ich über den Panoramaweg, der für Wanderer sicher wunderschöne Ausblicke bereithält. Doch David und ich sehen heute nichts von alledem. Mehrere bewirtschaftete Almen passieren wir auf unserem Weg und jede lädt verführerisch ein zu einem heißen Getränk, einer warmen Mahlzeit oder gleich direkt einem kuscheligen Bett. Es ist ein Tag zum Bettdecke über den Kopf ziehen. Doch wir wandern weiter und halten nicht an. Wenn wir uns die Option offen halten wollen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen, dann sollten wir es nicht zu spät werden lassen. Die heutige Etappe besteht aus mehr als 8 Stunden reiner Wanderzeit, unterbrochen von einer knapp einstündigen Busfahrt von Wenns bis nach Mittelberg. Wenn wir dorthin wollen, sollten wir den Bus um 13:11 Uhr erwischen. Der nächste kommt dann nämlich erst zwei Stunden später. Und so verschärfen wir das Tempo, lassen alle Almen hinter uns, gehen bergauf und bergab und teilen uns einmal mehr den Weg mit großen Wassermassen, die sich auf unseren Wanderpfaden ihren Weg nach unten bahnen.


Als wir in Wenns ankommen, krame ich mein Handy aus der Tasche, checke die Uhrzeit und staune nicht schlecht: Es ist gerade mal kurz vor elf. In 10 Minuten fährt ein Bus nach Mittelberg, lesen wir auf der Anzeigetafel der Bushaltestelle. Heute ist Samstag und da fährt der Postbus alle zwei Stunden durch das Pitztal. Ich habe keine Ahnung wie wir die Wanderstrecke so schnell geschafft haben und auch David ist mächtig baff. Unser Wanderführer hatte für dieses Stück eine Wanderzeit von 4:20 Stunden angesetzt. Wir haben eine ganze Stunde weniger benötigt. Es wäre verführerisch, sich nun direkt in den Bus nach Mittelberg zu setzen und schon zwei Stunden früher dort zu sein. Doch wir wissen ja noch gar nicht, ob wir bei dem Wetter überhaupt dorthin fahren sollten und ziehen nun wie geplant Joker Nummer 2: den Telefonjoker. Es gibt vermutlich nur wenige, die die Berge, das Wetter, die Wege und die Bedingungen so gut kennen wie die Beschäftigten in den Touristeninformationen vor Ort. Da die Touristeninfo von Wenns praktischerweise 20 Meter die Straße herunter liegt, müssen wir nicht mal anrufen, sondern gehen gleich persönlich vorbei.

"Sie suchen bestimmt ein Zimmer oder eine Transfermöglichkeit ins Nachbartal!", versucht sich die Mitarbeiterin der Touristeninformation gut gelaunt im Gedanken lesen als wir tropfnass ihr Büro betreten. "Ehrlicherweise interessiert uns das genaue Gegenteil", erkläre ich ihr und ziehe mir umständlich die nasse Kapuze vom Kopf. "Wir überlegen, ob wir nicht trotzdem zur Braunschweiger Hütte aufsteigen. Würden Sie das empfehlen?" Unser Gegenüber blickt uns überrascht an, denkt einen kurzen Moment nach und antwortet mit einem entschiedenen "Joa, keine Ahnung". Nun ist es an uns, überrascht zu gucken. So hatten wir uns nicht vorgestellt. Das klingt jetzt nicht nach der großen Entscheidungshilfe, auf die wir gehofft hatten. "Der Aufstieg heute kann schon sehr schwierig werden. Und vielleicht ist das Wetter morgen zu schlecht für die Joch-Überquerung. Es kann aber auch gut gehen", schiebt die Mitarbeiterin in der Touristeninformation hinterher und lächelt ein wenig verlegen.

Ich bin total enttäuscht. Ganz ehrlich: Wir sind jetzt genau so schlau wie vorher. Auch der zweite Joker ist verspielt und wir sind einer Antwort auf unsere Frage noch keinen Schritt näher gekommen: "Was tun?" David schlägt vor, nochmal zurück zur Bushaltestelle zu gehen und unser Glück mit dem früheren Bus zu versuchen. Vielleicht finden wir in Mittelberg eine Antwort. Ein vernünftiger Vorschlag, finde ich. Strammen Schrittes eilen wir zurück und haben tatsächlich Glück. "2 Minuten" lesen wir auf der Anzeigetafel und kurz später fährt der Postbus tatsächlich ein. Wir kennen keinen der Leute, die außer uns noch zusteigen oder bereits im Bus sitzen - wir scheinen tatsächlich die ersten zu sein. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt bis Mittelberg und von dort wandern wir noch einmal eine halbe Stunde weiter, um an der Gletscherhütte Station zu machen. Hier wollen wir unseren dritten und letzten Joker spielen und den Wirt um Rat fragen. Die Hüttenwirte in den Bergen sind wirklich die besten Wetter- und Wanderexperten. Auf die Einschätzung von einem Hüttenwirt kann man sich blind verlassen. Zur Not kann man in der Gletscherhütte auch übernachten.

"Würden Sie empfehlen, heute noch zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen?", frage ich, nachdem wir unsere nassen Sachen aufgehängt und zwei heiße Schokoladen bestellt haben. Ich blicke den Wirt gespannt an. Showdown: Das ist der alles entscheidende Moment. Wie wird er die Situation sehen? Doch wieder werden wir enttäuscht. "Vom Wandern habe ich leider überhaupt keine Ahnung", gesteht uns der Wirt und zuckt nur mit den Schultern. "Mit Sahne oder ohne?"

Ich bin fassungslos. Ein Hüttenwirt, der vom Wandern keine Ahnung hat? So einer ist mir wirklich noch nie begegnet. Ich kann das gar nicht glauben. Statt einer heißen Schokolade hätte ich besser einen Schnaps bestellt. Und nun stehen wir da: Sämtliche Joker haben wir verspielt und noch immer sind wir einer Antwort auf die alles entscheidende Frage keinen Schritt näher gekommen. Ich blicke frustriert durch das Hüttenfester nach draußen. Es regnet. Ich blicke in Davids Gesicht. Der schaut mich an. Wir müssen nun eine Entscheidung treffen.

Und auf einmal geht es ganz schnell: Ich sage nur einen Satz. David nickt. Damit ist es besiegelt. Ich hoffe inständig es war richtige Entschluss.

Samstag, 10. Oktober 2015

Tag 3: Neue Pläne

Treuer und unschätzbar wertvoller Begleiter auf unserer Tour über die Alpen ist ein kleines rotes Büchlein. Es misst etwa 16 cm in der Höhe und 11,5 cm in der Breite, passt damit in jede Wanderhosentasche und beschreibt auf 240 Seiten nicht nur jede einzelne Etappe unserer Alpenüberquerung, sondern sogar sämtliche Etappen des E5 zwischen Konstanz am Bodensee und Verona in Norditalien. 31 Tagesetappen werden hier sehr exakt und durchaus kurzweilig beschrieben. Hinweise auf schwierige Passagen fehlen ebenso wenig wie mögliche Umgehungsmöglichkeiten und Schlechtwetter-Varianten. Alle wichtigen Infos zu den Unterkünften sind aufgelistet, dazu gibt es Hinweise auf Einkaufsmöglichkeiten unterwegs, detaillierte Karten und absolut zuverlässige Höhen- und Zeitangaben. Es ist nicht weniger als die Bibel der E5-Wanderer und wird abends in jeder Hütte im Dutzend aus Rucksäcken und Hosentaschen gekramt und intensiv studiert. Witzigerweise ist dieses Buch nicht nur ein roter Wanderführer, sondern auch ein Rother Wanderführer, denn Herausgeber ist der Rother Bergverlag. Es existiert auch ein Konkurrenzprodukt, das David und ich in der Memminger Hütte wie eine seltene Briefmarke bestaunt haben. Der Unterschied, der einem als erstes ins Auge springt, ist die Farbe: Der andere Wanderführer ist nämlich grün. Inkonsequenterweise wird er vom Bruckmann Verlag herausgegeben, was ich wenig einleuchtend finde. Die Besitzer des Bruckmanns Wanderführer schienen auch nicht sonderlich glücklich mit ihrer Wahl zu sein und fanden insbesondere die nötigen Anforderungen für die einzelnen Etappen nicht gut beschrieben. Dem Rother Wanderführer kann man nach meiner Erfahrung absolut vertrauen: Wenn davon die Rede ist, ein Teilstück sei anspruchsvoll und sehr herausfordernd, dann ist es auch genau das.

"Lust auf einen Kaffee?", frage ich David, nachdem ich mich mit einem großen Seufzer auf der Terrasse der Unterlochalm niedergelassen habe. "Viel zu früh für Kaffee!", brummt David, murmelt "Ich geh schon" und bestellt zwei Bier. Mein Neffe denkt praktisch. Ich mag das. Als David wieder zurück ist, spreche ich das an, was mir schon seit Tagesbeginn Sorgen macht: "Das Wetter soll schlechter werden. Vor allem kälter. Die Schneefallgrenze sinkt bis auf 1.800 Meter." Das sind keine guten Nachrichten für uns. Morgen steigen wir zur Braunschweiger Hütte auf. Die liegt am Ende des Pitztals auf 2.758 Meter Höhe. Tags darauf kommt es noch heftiger. "Du weißt, was uns übermorgen erwartet?", frage ich David. Der nickt. Wir müssen rauf bis auf knapp 3.000 Meter. Ich ziehe den Wanderführer aus der Tasche, schlage Seite 106 auf und zitiere die Beschreibung vom fünften Wandertag: "Die heutige Etappe sollte nur bei wirklich gutem Wetter in Angriff genommen werden. Bei Feuchtigkeit werden die Steige rutschig, Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Die Etappe, die uns übermorgen erwartet, nennt unser Wanderführer schnörkellos: "Eine der schwierigsten Etappen dieses Führers". Ich lasse den Wanderführer sinken und blicke David an. "Was machen wir?" David braucht nicht lange zu überlegen. "Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Was hältst du davon, wenn wir heute Nachmittag noch ein kleines Stückchen weiter gehen und oben auf dem Gipfel des Venetberges übernachten? Dann können wir morgen früher los und haben schon mal mehr Zeit für die nächste Etappe. Das macht uns flexibler."

Eigentlich haben wir für heute Abend eine Übernachtung in der Skihütte Zams gebucht. Die Skihütte Zams liegt auf 1.870 Metern Höhe rund 400 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Venetberges. Laut Wanderführer bezwingt man diesen Gipfel am besten mit der Bergbahn. Die Skihütte liegt auf Höhe der Mittelstation. Jeder, der dort übernachtet, muss also am Morgen auf die erste Bahn warten, um seine Tagesetappe zu beginnen. So gesehen bietet Davids Vorschlag einen handfesten Vorteil: Wenn wir heute schon auf den Gipfel des Venetberges fahren und in der dortigen Hütte übernachten, sind wir absolut frei in unserer Entscheidung, wann wir morgens losziehen. Hieraus ergibt sich noch ein weiterer positiver Effekt: Der Plan für den morgigen Tag weist nicht nur 8:15 Stunden reine Wanderzeit auf, sondern beinhaltet auch eine knapp einstündige Fahrt mit dem Postbus. Zugegeben: Es klingt seltsam, dass die Alpenüberquerung zu Fuß auch eine Busfahrt vorsieht. Aber als der Vater des E5 Hans Schmidt vor über 30 Jahren den von ihm gerade gegründeten Fernwanderweg lief, mag der Fußweg durch das Pitztal noch sehr reizvoll gewesen sein. Heutzutage macht sich die Pitztaler Landstraße in dem engen Tal derart breit, dass für E5-Wanderer kaum noch Platz bleibt. Es ist tatsächlich sinnvoller, die 30 Kilometer bis ans Talende mit dem Bus zurücklegen. Dieser Bus fährt nur zu speziellen Zeiten und wenn David und ich uns zeitig auf den Weg machen können, erwischen wir einen früheren Bus und sind deutlich früher in Mittelberg am Ende des Pitztals, wo der letzte Anstieg zur Braunschweiger Hütte auf uns wartet. Ganz in Ruhe können wir dort überlegen, ob wir ihn wagen wollen. Falls uns der Aufstieg zu gefährlich erscheint, können wir immer noch in Mittelberg eine Übernachtung einschieben.

Ich bin beeindruckt von Davids Vorschlag. Das Problem der Schlechtwetterfront wird dadurch nicht gelöst, aber wir haben deutlich mehr Zeit, um in Ruhe die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Ich klopfe David anerkennend auf die Schulter. Wir leeren unser Bier, schultern unsere Rucksäcke und machen uns an unseren finalen Abstieg ins Tal, der noch 2 Stunden dauern soll.


Der Weg nach Zams im Oberinntal führt über einen wunderschönen Bergweg, der noch ein ganzes Stück schöner wird als plötzlich die Sonne rauskommt. Mit dem Verschwinden von dunklen Wolken über uns lösen sich auch ein paar dunkle Wolken in meinem Kopf auf. Vielleicht wird es in den nächsten Tag ja auch nur kalt, bleibt aber trocken? Das würde einige unserer Probleme lösen.

Punkt 14 Uhr erreichen wir die kleine Gemeinde Zams und es scheint als sei das Glück zu uns zurückgekehrt. Die Sonne brennt inzwischen so heiß, dass ich zum Schutz eine Mütze aufziehen muss und im Restaurant, in dem wir uns zum Mittagessen niedergelassen haben, hat die warme Küche zwar gerade geschlossen, aber der Restaurantbesitzer höchstpersönlich erbarmt sich unser und gibt Anweisung, den beiden hungrig dreinschauenden Wandergesellen noch fix ein Wiener Schnitzel zu braten. Und ohne zu übertreiben muss ich gestehen: Ein besseres Schnitzel habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gegessen.

Unsere Glückssträhne hält: Die Skihütte Zams erhebt für die Stornierung der Übernachtung keine Gebühr und die Gipfelhütte auf dem Venetberg empfängt uns mit einem kaum für möglich gehaltenen Luxus: freies WLAN, ein 5er-Zimmer für uns ganz alleine, richtige Betten, eine eigenen Toilette und eine eigene Dusche mit heißem Wasser ohne Limit! Nicht einmal unsere Hüttenschlafsäcke müssen wir auspacken, denn es gibt richtige Bettwäsche. Auch Handtücher sind da! David und ich sind vor derart viel Komfort und Annehmlichkeiten geradezu erschlagen. Ich schmeiße mich aufs Bett und genieße die positive Wende unseres Schicksals. Im Geiste sehe ich uns bei kaltem, aber sonnigen Wetter beschwingt zur Braunschweiger Hütte laufen und die mahnenden Worte vor "einer der schwierigsten Etappen dieses Führers" verlieren ihren Schrecken.

"Markus?" David reist mich aus meinen Tagträumereien. "Das solltest du dir ansehen!" David steht am Fenster und blickt nach draußen. Ehrlich gesagt habe ich gerade keine Lust aufzustehen. Die Matratzen hier sind verdammt bequem. Ich entscheide mich, liegen zu bleiben. "Was denn?", rufe ich zu David hinüber. "Nunja", sagt der, dreht sich um und blickt mich sorgenvoll an: "Es schneit."

Dienstag, 6. Oktober 2015

Tag 3: Die erste Schlüsselstelle

Zwei Schritte noch und ich habe den kleinen Absatz erreicht, der mir gerade eben genug Platz bietet, um kurz zur Seite zu treten und meinen Rucksack abzusetzen. "Zwei Minuten Pause", rufe ich David zu, der ein paar Meter vor mir geht und nun ebenfalls kurz anhält. Ich seufze einmal schwer, hebe umständlich mein Wandergepäck vom Rücken und massiere meine schmerzende linke Schulter. Es ist der dritte Wandertag, seit gut einer Stunde sind wir nun unterwegs und obwohl ich sehr gut geschlafen habe, bin ich immer noch ein wenig müde. Wie die Ölsardinien zusammengepfercht haben wir mit rund einem Dutzend Wanderern in unserem Lager die Nacht verbracht. Sehr zeitig wollten David und ich heute Morgen aufstehen, doch als der Wecker klingelte, fühlte ich mich so kaputt, dass ich zwei Mal hintereinander auf die Schlummertaste gedrückt habe. Aufstehen, Anziehen, Frühstücken - alles lief heute früh etwas schwerfällig.

Ich blicke zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. In der Ferne lugt die Memminger Hütte um die Ecke. Ich denke daran, wie froh und glücklich ich gestern Abend noch war, in einer trockenen und warmen Bleibe für die Nacht angekommen zu sein. Heute Morgen hätte ich mir gewünscht, dass auch meine Wandersocken und meine Schuhe trocken und warm gewesen wären. Bewirtschaftete Berghütten haben häufig auch einen beheizten und belüfteten Trockenraum, in dem man über Nacht Schuhe und nasse Kleidung trocknen lassen kann. Erfahrungsgemäß sind manche Trockenräume äußerst effektiv, andere hingegen nicht ganz so sehr. Der Trockenraum der Memminger Hütte hat zumindest in der letzten Nacht bei meiner Kleidung keinen erkennbaren Erfolg erzielt. Vielleicht waren die Menge der Kleidungsstücke und die viele Feuchtigkeit aufgrund des starken Gewitters einfach zu viel für das Gebläse. Vielleicht war es auch nicht hilfreich, dass irgendein besonders schlauer Wanderer ein Fenster nach draußen offen gelassen hatte. Woran auch immer es gelegen haben mag: Morgens in nasse Socken und nasse Schuhe zu schlüpfen, wirkt nicht sonderlich stimmungserhellend. Immerhin ist heute der Regen bislang ausgeblieben. Ich gebe mich optimistisch und nutze unsere kurze Verschnaufpause, um meine Regenjacke auszuziehen und in ein Staufach auf der Rucksackfront zu stopfen.

Als ich wieder aufsehe, wende ich den Blick den Berg hinauf auf das Teilstück, das unmittelbar vor uns liegt. Wie auf eine Perlenschnur gereiht klettern eine ganze Reihe Bergsteiger im Gänsemarsch den Berg hinauf. Auch weiter entfernt sind sie gut erkennbar als kleine farbige Punkte. Ihre Rucksack-Regenhüllen leuchten in den unterschiedlichsten Farben. Die einen sind blau, andere rot, manche orange und wieder andere grün. Eigentlich ist es ganz hübsch anzuschauen, aber der Grund dafür, dass sie sich hintereinander stauen, gefällt mir überhaupt nicht. "Okey-dokey!", rufe ich David zu, schultere meinen Rucksack, nehme einen Schluck Wasser und wende mich wieder bergauf.


Bevor ich mich an die Alpenüberquerung über den Europäischen Fernwanderweg E5 herangewagt habe, habe ich intensiv im Internet recherchiert. Durchschnittlich geübt und körperlich fit sollte man sein, war die einhellige Meinung. Konditionell sei die 6-Tages-Tour nicht zu unterschätzen und auch die Auswirkungen auf Muskulatur und Gelenke seien enorm. Doch vor den Anforderungen an meine Ausdauer war ich nicht bange. Hier fühlte ich mich gut gerüstet. Etwas anderes machte mir Sorgen: Ich bin nicht schwindelfrei. Ich hüpfe nicht schreiend vom Berg, sobald es etwas kniffliger wird, und rufe auch nicht panisch nach dem Hubschrauber, aber an besonders ausgesetzten Stellen muss ich mich konzentrieren und sollte besser nicht nach unten blicken. Im Vorfeld habe ich den E5 ausgiebig auf solche Stellen hin abgeklopft. Manche E5-Wanderer sehen in der Seescharte eine Schlüsselstelle, die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt voraussetzt. Die Seescharte ist ein Sattel auf 2.599 Metern Höhe, für den man die letzten Höhenmeter steil über Geröll und Schrofen klettern muss und der teilweise mit Stahlseilen gesichert wurde. Hier sollte man sicherheitshalber beide Hände benutzen. Wie am berühmten Hillary Step kommt es deshalb auch hier manchmal zu Staus. Einen solchen sehe ich vor mir, denn die Seescharte ist nur wenige Meter von mir entfernt.

Doch anders als an der berühmten Steilstufe am Gipfelgrat des Mount Everests muss ich hier keine Stunden in klirrender Kälte ausharren. Schon nach kürzester Zeit bin ich an der Reihe, reiche David, der schon voran geklettert ist, meine Stöcke, vermeide den Blick nach unten, setze sorgsam einen Fuß vor den anderen und bin auf dem Sattel, noch bevor die Kletterei richtig begonnen hat. Ich bin fast schon ein wenig enttäuscht, dass sich dieses Teilstück als harmloser Spaziergang mit kurzfristigem Handeinsatz geoutet hat. Dem Wanderer vor mir, der auf der anderen Seite der Seescharte schon wieder herunterklettert, attestiere ich in meiner Erleichterung vielleicht ein bisschen zu überschwänglich, einen verdammt geilen Rucksack auf dem Rücken zu tragen. Der reagiert verständlicherweise etwas irritiert, ist jedoch seinerseits so sehr mit dem Abstieg beschäftigt, dass er sich nicht allzu sehr von mir verwirren lässt. Wir trugen natürlich exakt dasselbe Fabrikat. Vielleicht ist die Seescharte nicht der beste Ort, um neue Bekanntschaften zu schließen oder Rucksackfachgespräche zu führen.

Mein Abstieg vom Sattel verläuft ebenso unspektakulär und harmlos wie mein Aufstieg. Zu Hilfe kommt mir dabei der Nebel, der keine schwindelerregende Sicht nach unten zulässt. David und mich erwartet nun mit knapp 2.000 Höhenmetern ein schier endloser Abstieg durchs Lochbachtal und das Zammer Loch bis hinab ins Inntal. Es ist verrückt: Sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern mühsam nach oben gekämpft haben, wandern wir nun wieder hinab. Als wir gut gelaunt gegen 12 Uhr die wunderschön gelegene Unterlochalm auf 1.580 Metern Höhe erreichen, haben wir die Hälfte schon geschafft. Da unser heutiger Wandertag insgesamt lediglich 6 Stunden lang sein wird, haben wir es nicht eilig und ich schlage David eine kurze Rast vor. Ich habe nämlich Durst. Außerdem gibt es da etwas, das ich unbedingt mit David besprechen muss. Unsere Wanderstrecke wartet nämlich noch mit einer weiteren Schlüsselstelle auf. Und mit der gibt es ein kleines Problem. Eins, das uns noch große Schwierigkeiten bereiten kann.

Mittwoch, 30. September 2015

Tag 2: Kampf mit dem Endgegner

Um 14:51 Uhr am Nachmittag des zweiten Wandertages schalte ich auf Kampf-Modus. Unweigerlich fühle ich mich an alte Computerspiel-Zeiten erinnert: Wenn ich glaubte, dass es nicht schlimmer kommen konnte, wenn alle Nazis besiegt, alle Raumschiffe vom Himmel geholt und alle Zombies niedergemetzelt waren, dann kam er in der Regel um die Ecke. Die Hintergrundmusik verstummte, alles andere wurde unwichtig und es ging nur noch um ihn: den Endgegner. Er war stets riesengroß, überaus kräftig, hundsgemein und in der Regel verdammt wütend. Und er wollte nur eins: mich besiegen, bevor ich ihm zu großen Schaden zufügen konnte. Ihn zu überwinden, war höllisch schwer. Es war die letzte Herausforderung, die ultimative Battle, der krönende Abschluss des Levels. An ihm musste man vorbei, um das nächste Level freizuschalten. Meistens hatte er nur eine winzig kleine Schwachstelle. Die musste man finden, wenn man überhaupt nur den Hauch einer Chance haben wollte.

Das Gewitter, das David und mich gerade mit großer Wucht heimsucht, ist meine persönliche letzte Battle des Tages. Doch anders als in den Computerspielen meiner milchgesichtigen Vergangenheit hat mein heutiger Endgegner keine Schwachstelle. Wer in den Bergen in ein Gewitter gerät, wird demütig. Man wird sich darüber im Klaren, wie klein und verletzlich man ist. Dass wir schon nach wenigen Minuten völlig durchnässt sind, ist unangenehm - aber das kennen wir schon. Auch wenn ich selten erlebt habe, dass Regen mit einer derartigen Wucht vom Himmel kommt. Aber bei Blitz und Donner ungeschützt auf einem Berg herumzuklettern - das ist schon eine ganz andere Nummer. Es fühlt sich so an als sei das Gewitter exakt über uns. Immer wieder erhellen Blitze die Berge um uns herum und der Donner grollt mit großer Kraft, verstärkt durch sein eigenes Echo. Es ist ja nicht so als hätte ich alle bisherigen Gegner des heutigen Tages komplett abgeschüttelt. Ein Rest Erkältung hält sich hartnäckig, noch immer schmerzen vom ersten Wandertag Muskeln an Stellen, an denen ich nie welche vermutet hätte, und heute haben wir uns ja nun auch schon 7 Stunden lang Berge hinauf- und hinuntergekämpft. Und nun laufen wir mitten durch einen Regenguss und ein Unwetter, das sich über unseren Köpfen festgesetzt hat. Ich bin inzwischen nass bis auf die Unterhose und heilfroh, dass mein kompletter Rucksackinhalt noch einmal separat in wasserdichten Packsäcken verstaut ist. Zumindest werde ich heute Abend in der Hütte in trockene Klamotten schlüpfen können. Sofern wir überhaupt irgendwann dort ankommen sollten.

Da es rein gar nichts gibt, was uns Schutz bieten könnte, stapfen David und ich im strömenden Regen den Berg hinauf. Bei jedem Blitz zucke ich ein wenig zusammen. Ohrenbetäubender Donner folgt kurz später. Kann es sein, dass er noch lauter geworden ist? Wir stapfen weiter, immer weiter - und es dauert nicht lange, bis wir nicht mehr stapfen, sondern waten. Der kleine Pfad, auf dem wir den Berg hinaufgehen, hat sich in einen Bach verwandelt. Genau dort, wo wir hinauf wollen, kommen uns stetig wachsende Wassermassen entgegen und fließen in entgegengesetzter Richtung den Berg hinab. Wenn man kein Glück hat, kommt häufig auch noch Pech dazu. Ich stoße einen nicht zitierfähigen Fluch aus und wate David hinterher, der schon außer Sichtweite gelaufen ist. Außer Sichtweite geschwommen ist, korrigiere ich mich in Gedanken selbst, aber nicht mal mehr über meine eigenen Witze kann ich lachen. Die Lage ist ernst.


Seit wir mit unserer Alpenüberquerung begonnen haben, gleichen David und ich die Zeitangaben im Wanderführer mit unserem eigenen Tempo ab. Wir haben uns inzwischen gut kalibriert und gehen davon aus, dass wir für die 800 Höhenmeter von der Materialseilbahn bis zur Hütte ziemlich genau zwei Stunden brauchen werden. Als Langstreckenläufer habe ich ein ganz gutes Zeitgefühl und so kann ich für das Protokoll festhalten, dass nach 25 Minuten Gewitter und Dauerregen mein Wanderschuh dem Wasser, das inzwischen von allen Seiten kommt, nichts mehr entgegensetzen kann. Auch das vor der Tour eigens noch verwendete Imprägnierspray ist trotz unzähliger Ausrufezeichen ganz offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Ich bekomme nasse Füße. Und wer in den Bergen nasse Füße hat, hat bald auch kalte Füße. Und läuft sich Blasen. Die Aussichten sind also großartig. Ich suche nach irgendjemandem, dem ich die Verantwortung für diese beschissene Situation in die nassen Schuhe schieben kann, finde niemanden außer mir selbst und wate missmutig und ziemlich angefressen weiter den Berg hinauf.

Eine weitere Viertelstunde später hellt sich der Himmel und damit auch meine Stimmung ein bisschen auf: Das Gewitter scheint sich so langsam zu verziehen. Dennoch ist es nicht leicht, für den restlichen Aufstieg die nötige Motivation aufzubringen. Erst recht nicht, als das abziehende Gewitter als letzten Abschiedsgruß noch einen kleinen Hagelschauer über uns niedergehen lässt. Ich bin völlig bedient, dazu ziemlich müde, nass bis auf die Haut und will einfach nur ins Warme und in trockene Klamotten schlüpfen.

Wir sehen die Hütte erst als wir fast da sind, denn auch wenn es inzwischen keinen Niederschlag mehr gibt, umhüllt uns weiterhin ein hartnäckiger Mix aus Nebel und Wolken. Nach etwas mehr als den angenommenen zwei Stunden haben wir endlich unser Tagesziel erreicht und betreten tropfend und ein bisschen verfroren die Memminger Hütte. Wir sind einfach nur froh und glücklich, die heutige Etappe mit 27,6 km Strecke, 920 Höhenmetern bergab und 1.320 Höhenmetern bergauf in gut 9 Stunden erfolgreich gemeistert zu haben. Die Auskunft des gut gelaunten Hüttenwirts, dass es noch heißes Wasser zum Duschen gäbe, euphorisiert uns derart, dass wir klaglos akzeptieren, dass für jeden nur 3 Minuten zur Verfügung stehen. Gleichermaßen genügsam nehmen wir es hin, dass wir Tür an Tür mit der lautstarken 30-köpfigen Schulklasse übernachten, mit der wir schon auf der Kemptner Hütte Bekanntschaft gemacht haben. Auch dass wir relativ beengt im Lager liegen müssen, bekümmert uns nicht. Wenn man in den Bergen unterwegs ist, lernt man die einfachen Dinge des Lebens zu schätzen. Ein Gewitter unbeschadet überstanden zu haben, zum Beispiel. Einfach nur im Trockenen und Warmen sitzen zu können. Und Essen und Trinken sowie eine Matratze für die Nacht zur Verfügung zu haben. Von all diesen wunderbaren und ganz und gar nicht selbstverständlichen Dingen machen wir ausgiebig Gebrauch. Kurz nach 20 Uhr krieche ich in meinen Schlafsack und bin eingeschlafen, noch bevor mein Kopf das Kissen berührt hat.

Montag, 21. September 2015

Tag 2: Es geht abwärts

Man sagt, im menschlichen Körper gebe es über 650 Muskeln. Als ich am Morgen unseres zweiten Wandertages in den Alpen um 6 Uhr in der Früh erwache, habe ich das Gefühl, jeder einzelne von ihnen protestiert. Ich unterdrücke ein Leidensgeräusch, frage mich, wie ich es überhaupt aus dem Bett schaffen soll und runzle irritiert die Stirn. Wie sich alsbald herausstellt, ist das keine gute Idee, denn allein für das Stirnrunzeln muss man über 40 Muskeln bewegen. Trotz allem muss ich grinsen - was gut ist, denn hierfür werden viel weniger Muskeln beansprucht. Ich quäle mich mit unter großer Kraftanstrengung aus dem Bett und kontrolliere, ob es David ähnlich geht. Der lacht mich freudestrahlend und energiegeladen an und teilt mir voller Stolz mit, dass er von den über 10 Stunden, die wir im Bett gelegen haben, jede einzelne Minute schlafend verbracht hat. Kein Wort darüber, dass ihm irgendetwas weh tun könnte. Das nötigt mir Respekt ab: Mein Neffe schläft so effizient wie er wandert.

Wir kleiden uns an, organisieren uns ein schnelles Frühstück, stabilisieren unser Koffein-Level mit einer Tasse Kaffee, schütten - nur um ganz sicher zu gehen - direkt noch eine zweite hinterher, packen unsere sieben Sachen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie sich über Nacht in siebzig verwandelt haben, und verlassen gegen 7:20 Uhr die Kemptner Hütte. Wir wollen frühzeitig los, denn heute haben wir eine lange Etappe vor uns. In Fleece und Regenjacke gepackt, steuern wir von der Hütte aus auf das 130 Meter höher gelegene Mädelejoch zu, das wir eine knappe halbe Stunde später erreichen. Hier passieren die Grenze nach Österreich, die sinnigerweise durch einen Grenzstein mit den Buchstaben "B" und "T" markiert wird. Ich frage mich, wie viele Wanderer hier schon gerätselt haben, wofür diese beiden Buchstaben wohl stehen mögen. Wenn man es einmal weiß, ist es einleuchtend: "B" steht für "Bayern und "T" für Tirol.

Nahezu sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern im Schweiße des Angesichts hochgekämpft haben, steigen wir nun wieder hinab: Vom Mädelejoch auf 1.974 HM wieder hinunter ins Lechtal bis auf 1.066 HM. Sobald wir in Österreich sind, geht es bergab - ich hoffe mal, das ist kein schlechtes Omen. Unsere Regenjacken ziehen wir schon bald wieder aus, denn das Wetter scheint zu halten - für den Moment zumindest. Es ist zwar etwas frisch und sehr nebelig, aber David und ich sind guter Dinge. Mein Muskelapparat hat sich nach den anfänglichen Startschwierigkeiten inzwischen dazu bereit erklärt, wieder ordnungsgemäß seinen Dienst zu tun. Ein bisschen schmerzt es hier und da, aber im Großen und Ganzen komme ich wieder ganz gut in Schwung. Gerade jetzt, wo wir lange bergab gehen, bin ich froh über die Wanderstöcke, die ich kurz vor der Abreise noch meinem Bruder abgeluchst habe und mit denen ich meine Knie nun deutlich entlasten kann. Schließlich müssen meine Fuß- und Kniegelenke nicht nur mein Körpergewicht abfedern, sondern auch noch das Gewicht meines Rucksacks. Der wiegt rund 7 kg zuzüglich Wasser. Da wir eben erst aufgebrochen sind, ist die 3 Liter-Trinkblase noch fast komplett voll. Welche Herausforderung 10 kg auf dem Rücken für den Gleichgewichtssinn beim Bergabgehen sein können, merke ich, als ich zwei Mal einen kompletten Abflug mache. Vom endlosen Regen tags zuvor ist der Fels sehr glitschig und zwei Mal rutsche ich so ungünstig aus, dass ich trotz Stöcken einen Sturz nicht mehr verhindern kann. David, der beide Stürze mitbekommt, erkläre ich, dass ich kurzzeitig so müde war, dass ich mich kurz hinlegen musste. Überraschenderweise fliegt der Schwindel auf. Dem Kerl kann man nichts vormachen.


Nach etwa 3 Stunden haben wir fast die Talsohle erreicht, machen einen Abstecher über Österreichs längste Seilhängebrücke, die David mit großer Begeisterung und ich mit großer Konzentration überwinde und erreichen die kleine Gemeinde Holzgau, in der wir eine kurze Rast einlegen. Viele E5-Wanderer nehmen ab hier einen Bus oder ein Taxi bis zur Materialseilbahn der Memminger Hütte, unserem Etappenziel. Auf diese Weise lässt sich die heutige lange Wanderetappe erheblich verkürzen. Wer das 19 km lange Teilstück mit dem Auto zurücklegt, spart sicher dreieinhalb Stunden. Bei einem Wandertag, der neuneinviertel Stunden reine Wanderzeit vorsieht, ist diese Verlockung für viele groß, zumal das Wetter wieder schlechter zu werden scheint. Doch für David und mich ist ein Taxi keine Option. Bei ein bisschen Nieselregen durchlaufen wir das Tal und pausieren erst wieder als wir gut 6 Stunden nach unserem Aufbruch heute Morgen die winzige Bergsiedlung Madau auf 1.310 HM erreichen. Im 18. Jahrhundert zählte Madau noch ca. 60 Einwohner, heute ist allein der Wirt als einziger Einwohner gemeldet. Eben diesen Wirt suchen wir für unsere Mittagspause auf, die nicht nur meinem Magen sehr gelegen kommt, sondern auch meinen 650 Muskeln. Die protestieren inzwischen nämlich wieder vehement. David scheint das alles viel weniger auszumachen. Der Teufelskerl läuft und läuft und läuft wie der VW Käfer im Werbespot aus den 60er Jahren.

Wir gönnen uns ein ordentliches Mittagessen, halten die Mittagspause jedoch trotzdem so kurz wie möglich, denn im weiteren Tagesverlauf soll möglicherweise noch ein Gewitter kommen. Und ein Gewitter in den Bergen wollen wir nun wirklich nicht erleben. Wer im Gebirge von Blitz und Donner überrascht wird, lebt verdammt gefährlich. Nach einer dreiviertel Stunde brechen wir wieder auf und erreichen eine knappe Stunde später eben jene Materialseilbahn, bei der viele Wanderer sich mit Bus oder Taxi absetzen lassen, um den letzten Anstieg zur Memminger Hütte in Angriff zu nehmen. Gerade als wir dort ankommen, spuckt in der Tat ein Transporter einen ganzen Haufen johlender E5-Wanderer aus, die ihre Rucksäcke dann auch noch ganz entspannt in die Materialseilbahn laden. Für ein geringes Entgelt kann man sich seine Sachen von hier direkt zur Hütte transportieren lassen. Wir lassen die fuß- und rückenfaulen Wanderkollegen schnell hinter uns, denn es ziehen ein paar dunkle Wolken auf und etwa 800 Höhenmeter müssen wir noch hinauf. Das sind etwa 2 Stunden Arbeit - zu einem Zeitpunkt, wohlgemerkt, zu dem wir schon über 7 Stunden gelaufen sind.

David und ich eilen den Berg hinauf. Zu allem Überfluss fängt es jetzt wieder an zu regnen. Zunächst sind es nur ein paar Tropfen, doch dann fängt es richtig an zu schütten. Ein heftiger Starkregen bricht über uns hernieder und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zu ein paar Bäumen, die uns ein wenig Schutz bieten. Doch lange bleiben können wir hier nicht - der Regen macht nicht den Eindruck als würde er bald wieder aufhören und wir wollen auch nicht zu spät auf der Hütte sein. Also ziehen wir Regenjacke und Regenhose über und stapfen weiter den Berg hinauf. Der Regen prasselt auf uns herab und macht auf meiner Kapuze einen Höllenlärm. Zunächst glaube ich noch an Einbildung, doch dann bin ich mir ziemlich sicher: Da war gerade ein Donner. Das Gewitter hat uns erreicht.

Freitag, 18. September 2015

Tag 1: Regenzeit

Als David und ich gegen halb zwölf am Bahnhof in Oberstdorf unsere Alpenüberquerung starten, hoffen wir darauf, dass der Regen bald nachlässt. Zwei Stunden später hoffen wir das immer noch. Oberstdorf liegt inzwischen hinter uns, die Nebelhornbahn haben wir passiert, eine ganze Weile sind wir an der Trettach entlang gelaufen und haben das Trettachtal bis ganz zum Ende durchquert - alles im Dauerregen. Wie zum Hohn beschreibt unser Wanderführer in allen schmerzhaften Einzelheiten "schöne Alleen aus alten Ahornbäumen", die "an heißen Tagen Schatten spenden", zählt die "wildromantische Berge" beim klangvollen Namen auf, die sich "rechts und links des Weges in den Himmel recken", verspricht "tolle Ausblicke", die unbedingt einen kleinen Abstecher wert seien und weiß überhaupt an diesem Wandertag von einer ganz besonders "wildschönen Landschaft" zu berichten. Wir sehen von alledem: nichts. Am anscheinend "wunderschönen Christlessee" habe man einen "faszinierenden Blick auf den Trettach-Gipfel", informiert uns unser Wanderführer. Wir sind froh, dass wir zumindest grob einen See ausmachen können und nicht einfach blind in ihn hineinstapfen. Wobei es fraglich ist, ob das noch einen Unterschied machen würde. Wir sind inzwischen nämlich vor allem eins: nass. Und zwar langsam aber sicher rundherum. So viel Regen hält die stärkste Faser nicht aus. Und wo die Feuchtigkeit von außen nicht hinkommt, schwitzt man sich von innen nass. Manchmal macht der Regen den Anschein nachzulassen, nur um dann noch stärker und noch nasser wiederzukommen. Es ist frustrierend. Der ewige Regen geht mir mächtig auf den Zeiger, an Fotografieren ist nicht zu denken und mit der Kapuze auf dem Kopf sind Sichtfeld und Hörvermögen derart eingeschränkt, dass man wie in einer Blase läuft. Schön ist das wirklich nicht. Und frustrierend ist die Aussicht, dass es noch ein paar Tage lang so weitergehen könnte.


In Spielmannsau - am Ende des "malerischen Trettachtals" angekommen - haben wir erstmal genug und beschließen, eine zünftige Brotzeit einzuschieben. Das erste Restaurant am Platz hat heute Ruhetag, aber ein Wandersmann, der uns entgegen kommt, weiß von einer Alphütte, die heute geöffnet sein soll. Wir finden sie tatsächlich geöffnet vor, wenngleich wir es ein wenig vermessen finden, sie so vollmundig und vorschnell "Hütte" zu nennen. Im Grunde genommen ist es nicht viel mehr als eine umgebaute Scheune. Eine zur Hälfte umgebaute Scheune. Immerhin haben wir ein schützendes Dach über dem Kopf und die Aussicht auf etwas zu essen und zu trinken - also beschweren wir uns nicht. Den Gastraum teilen wir uns mit einem missgestimmten Baby und etwa zehn anderen Personen, womit er meiner Meinung nach getrost das Prädikat "besonders voll" verdient hätte. Viel Platz ist hier wirklich nicht. Während David und ich hungrig über eine leckere Brotplatte herfallen, hören wir zu, was um uns herum geredet wird. "Du, welche Sprache spricht der Mann?", flüstert mir David nach einer Weile zu. Er meint den Alten am Nachbartisch. Ich muss zugeben: Ich weiß es nicht. Auch ich hatte mich schon gewundert. "Vermutlich eine selbst erfundene", wispere ich zurück. Nach Deutsch klang das nämlich nicht. Am Tisch hinter uns sitzt eine muntere Runde mit hessischen Touristen, die ebenfalls einigermaßen lautstark reichlich unverständliche Dinge babbeln. Ich spiele für eine Weile mit dem Gedanken, mir die Kapuze wieder über die Ohren zu ziehen.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde brechen wir auf und eine weitere Viertelstunde später lässt er endlich nach, der Regen. Wir hatten es kaum mehr für möglich gehalten. Doch meine anfängliche Hoffnung, nun ein wenig trockener durch die Allgäuer Bergwelt zu wandern, löst sich schnell in literweise Schweiß auf. Die Feuchtigkeit, die jetzt nicht mehr von oben kommt, produzieren wir alsbald selbst. Gibt es eigentlich irgendeine anatomische, biologische oder physikalische Grenze, wie viel man schwitzen kann? Selbst wenn: Mein Körper scheint keinen Regeln mehr zu gehorchen und schwitzt als ob es kein Morgen gäbe. Unfassbar! Der Schweiß rinnt mir nur so von der Stirn, läuft mir fortlaufend den Rücken hinab und tropft mir beständig von Nase und Kinn. Es liegt nicht an der Sonne - denn die scheint nicht - oder an hohen Temperaturen - denn die gibt es nicht. Die hohe Luftfeuchtigkeit durch den stundenlangen Regen ist daran schuld. Und ganz bestimmt tut auch die Anstrengung ihr übriges, denn inzwischen geht es steil bergauf. Um unser Tagesziel, die Kemptner Hütte, zu erreichen, müssen wir 800 Höhenmeter überwinden. Zwei Stunden lang quälen wir uns den Berg hinauf und schwitzen dabei wir die Wahnsinnigen. Zu fotografieren gibt es wenig, denn uns umgibt eine feuchte Nebelsuppe, in der man bisweilen kaum mehr als 20 Meter weit sehen kann. Zu allem Überfluss merke ich, dass mir die gerade erst überstandene Grippe immer noch in den Knochen steckt. Zwei Mal bitte ich David, der deutlich mehr Energie hat als ich, um eine kurze Rast. Mehr als 3-4 Minuten kann man allerdings nicht pausieren, denn sobald man stehen bleibt, kriecht einem der kalte Nebel durch die schweißnassen Klamotten in die Knochen und man fängt bald an zu frösteln.

Etwa zwei Minuten, bevor wir sie erreichen, taucht plötzlich die Silhouette der Kemptner Hütte aus dem Nebel auf. Etwas mehr als die vom Wanderführer veranschlagten viereinhalb Stunden haben wir gebraucht. David und ich sind glücklich und zufrieden, die warme und wohnliche Hütte erreicht zu haben und freuen uns darauf, endlich aus den klatschnassen Sachen herauszukommen. Nachdem der Hüttenwirt uns freundlich begrüßt und unsere Reservierung bestätigt hat, stelle ich die Frage, die mich gerade am meisten beschäftigt: "Habt ihr eine Dusche?" Was banal klingt, ist nicht selbstverständlich. Ich habe schon auf Hütten übernachtet, die nicht über einen derartigen Luxus verfügten. "Ja-aa", entgegnet der Hüttenwirt und dämpft mit einem typischen "Ja, aber"-Gesicht meine erste Freude ein wenig. "Es ist so", erklärt er umständlich: "Warmwasser bekommen wir über unsere Sonnenkollektoren." Ich habe genug gehört, um zu verstehen: Wir werden kalt duschen müssen. "Wie viel Grad hat das Wasser in etwa?" Der Hüttenwirt macht ein unglückliches Gesicht: "6-8 Grad vielleicht?"

Ich führe keine Statistik, aber meine Dusche in der Kemptner Hütte am ersten Wandertag unserer Alpenüberquerung war mit Sicherheit die kürzeste meines Lebens. Und trotz allem fühlen wir uns besser: frisch geduscht und in trockenen sowie sauberen Klamotten. Furchtbar lange können wir uns allerdings nicht an unserem Wohlgefühl erfreuen, denn während wir auf unser Abendessen warten, fallen uns in der Stube vor Müdigkeit fast die Augen zu. Ich will mir gar nicht ausmalen wie das am nächsten Tag werden wird. An Wandertag Nummer 2 stehen statt der heutigen viereinhalb Stunden wandern nämlich schlappe neuneinviertel Stunden reine Wanderzeit auf dem Plan. Ich bin nicht mal sicher, ob ich mich morgen überhaupt irgendwie bewegen kann. Doch heute ist heute und morgen praktischerweise erst morgen. Um halb acht fallen wir todmüde ins Bett und sind schneller eingeschlafen als wir "Akku leer" sagen können.