Mittwoch, 25. November 2015

Tag 6: Engelchen und Teufelchen

Am sechsten und letzten Wandertag unserer Tour werde ich noch vor dem Weckerklingeln von einem lauten Husten wach. Ich bin es selber, der wie wild hustet und dabei vermutlich auch alle anderen Zimmergenossen aus ihrem Schlaf reißt. Schon zu Beginn der Tour hatte ich mit einer Erkältung zu kämpfen, die ich kurz vorher erst überstanden hatte. Nun habe ich das Gefühl, ich werde eher wieder kränker als gesünder. Verwunderlich ist das nicht, denn anstatt mich zu schonen und auszukurieren, habe ich jeden Tag von meinem Körper Höchstleistung gefordert und bin Stunde um Stunde durch den Regen gelaufen. Das ist sicher nicht das optimale Therapieprogramm für einen grippalen Infekt. Nun bekomme ich dafür die Quittung. Ich nehme ein Hustenmittel und eine Schmerztablette. So kurz vor dem Ende muss ich mich nochmal am Riemen reißen. Heute wartet der Höhepunkt der Tour auf uns - im wahren Wortsinn.

Das große Finale der Alpenüberquerung entlang des E5 auf der Route, die David und ich gewählt haben, ist die Überquerung des Niederjochs. Mit 3019 Metern erreicht man hier den höchsten Punkt der Tour, der gleichzeitig den Übergang ins Südtiroler Schnalstal markiert. Wenn man auf der anderen Seite des Niederjochs wieder hinabsteigt, befindet man sich bereits auf italienischem Boden. Von dort aus ist das große Ziel der E5-Wanderer - Meran - nur noch einen Katzensprung entfernt. Mit weniger als fünf Wanderstunden sind die konditionellen Anforderungen dieser Etappe überschaubar. Doch mit einer angeschlagenen gesundheitlichen Verfassung können einem auch fünf Stunden lang werden. Hinzu kommt, dass David am liebsten von der Normalroute abzuweichen würde. Anstatt vom Niederjoch aus direkt wieder hinab ins Tal zu wandern, würde er gerne dem Bergkamm in westlicher Richtung anderthalb Stunden bis zum Tisenjoch folgen. Dort, auf 3208 Metern Höhe, wurde im Jahr 1991 von zwei deutschen Wanderern eine über 5000 Jahre alte mumifizierte Leiche gefunden, die später unter dem Namen "Ötzi" zu Weltruhm gelangte. Der Fundort der Mumie ist durch eine vier Meter hohe Steinpyramide gekennzeichnet. David würde Ötzis Fundstelle nur allzu gerne einen Besuch abstatten.

Einerseits fände ich es ziemlich cool, Ötzis Fundstelle und die Steinpyramide mal in Augenschein zu nehmen. Andererseits verspüre ich relativ wenig Lust darauf, auf einem Bergkamm herumzuspazieren. Auch wenn der Weg technisch nicht schwer und leicht zu gehen sein soll, handelt es sich laut Wanderführer um einen ausgesetzten Grad. So etwas liegt mir überhaupt nicht. Wenn es zu einer Seite des Weges steil hinab geht, fühle ich mich herausgefordert, kann aber in der Regel irgendwie damit umgehen. Dann habe ich immer noch die Möglichkeit, mich zur anderen Seite des Weges und zum Berghang zu orientieren. Doch wenn es - wie auf einem Grad - zu beiden Seiten steil bergab geht, habe ich es schwer. Nur an einem guten Tag und mit viel Mühe und Konzentration kann ich diese Herausforderung meistern. David und ich einigen uns darauf, dass wir erst einmal bis zur Similaunhütte hinaufwandern, die genau auf dem Niederjoch liegt. Dort können wir dann den Grad in Augenschein nehmen und ich kann besser abschätzen, wie herausfordernd die ausgesetzten Stellen für mich sind. Gegen 07:30 Uhr brechen wir auf, begleitet von strahlendem Sonnenschein und einem neuerlichen Hustenanfall meinerseits.


Keine zwei Stunden später gelangen David und ich an eine Weggabelung, an der wir erstmals ins Grübeln kommen. Links sollen wir uns hier halten, hatte uns der bislang stets absolut verlässliche Wanderführer geraten, hoch zur Similaunhütte und von dort entweder direkt ins Tal oder anderthalb Stunden über den Bergkamm zur Ötzifundstelle und anderthalb Stunden wieder zurück. Das Schild, vor dem wir nun stehen, empfiehlt uns hingegen, dass wir uns nach rechts wenden. Dort entlang gehe es auf direktem Weg zur Ötzifundstelle und dann weiter zur Similaunhütte. Diese Strecke wird hier rot markiert und nicht schwarz, was auf einen mittleren Schwierigkeitsgrad hindeutet. Damit kann das Stück zwischen Fundstelle und Hütte eigentlich nicht über den Grad führen, denn der weist aufgrund der Ausgesetztheit einen hohen Schwierigkeitsgrad auf und müsste demnach schwarz markiert sein. Ich bin verwirrt. Eigentlich ist das die perfekte Variante: Wir gehen direkt zur Fundstelle, sparen anderthalb Stunden Zeit und müssen nicht über den Grad. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Was mich nachhaltig verunsichert ist die Tatsache, dass unser Wanderführer diese Tour nicht als Alternative aufführt. Das ist äußerst seltsam. "Irgendetwas stimmt hier nicht", murmel ich vor mich hin. Bislang war unser Wanderführer stets absolut akkurat und hat an keiner Stelle wesentliche Informationen missen lassen. Wenn es Varianten zur Normalroute gab, so waren die stets aufgeführt. Doch diese Variante erwähnt er mit keiner Silbe. Warum nicht?

Und während ich noch darüber nachdenke, welche Entscheidung jetzt die richtige ist, wird mir klar, dass Engelchen und Teufelchen nicht nur auf Schultern, sondern auch auf Wegweisern sitzen können. Wie üblich sitzt auch hier der Engel links und der Teufel rechts und jeder will mich auf seine Seite ziehen. Ich denke an die Zuverlässigkeit des Wanderführers einerseits und an einen schwarz markierten Grad, dem ich aus dem Weg gehen kann andererseits. Dann denke ich an den Zeitgewinn der neuen Variante und an meine wieder schlimmer werdende Erkältung, die einmal mehr meine Kondition und Ausdauerfähigkeit einschränken. Ich brauche nicht lange für meine Entscheidung. Die Verlockung ist zu groß. David und ich wenden uns nach rechts und gewinnen schnell an Höhe. Nach ein paar Minuten drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück. Mir ist als würde der Teufel immer noch auf dem rechten Wegweiser sitzen und sich vor Lachen schütteln. Bis hierhin kann ich ihn hören.

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