Als ich abmarschbereit die Eingangstür der Gletscherstube öffne, bläst mir ein kalter Wind entgegen. Mich schaudert. Unsere einstündige Pause in der Hütte hat nicht ausgereicht, um unsere Kleidung zu trocknen. Obwohl ich sie direkt neben dem Ofen aufgehängt habe, sind meine Sachen immer noch nass und klamm. Mir ist kalt. Und doch weiß ich, dass dies nur eine Ausrede ist. Es gibt noch einen ganz anderen Grund dafür, dass es mir hier und jetzt eiskalt den Rücken hinunter läuft: Ich weiß, was wir jetzt tun werden. Sobald wir die Gletscherstube verlassen haben, werden wir nicht rechts abbiegen in Richtung Mittelberg. Wir werden uns nach links wenden. Bergauf. In Richtung Braunschweiger Hütte.
Ich seufze einmal schwer und blicke auf den Weg vor uns. Von 1.915 müssen David und ich nun auf 2.759 Meter Höhe hinauf. Rund 2,5 Stunden würden wir unter normalen Umständen dafür benötigen. Aber bei dem Regenwetter ist der Stein möglicherweise glitschig. Wir werden vorsichtig gehen müssen und kommen vielleicht nicht ganz so schnell voran. Doch ankommen kann nur, wer sich irgendwann auf den Weg macht. David und ich beginnen unseren Aufstieg.
Unser Weg schlängelt sich durch die Felswand den Berg hinauf. Technisch gesehen ist es ein mittelschwerer Bergweg: Es gibt durchaus schwierige Passagen und ausgesetzte Stellen, aber die sind mit Ketten und Seilen gut gesichert. Ab und zu muss ich die Hände zu Hilfe nehmen, aber grundsätzlich ist der Weg durchaus machbar. Was ihn für David und mich so herausfordernd macht, ist die Tatsache, dass wir schon 5 Wanderstunden in den Knochen haben und nun noch einmal über 800 Höhenmeter überwinden müssen. Unser Wanderführer hatte uns vorgewarnt: "Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte darf nach der Venetberg-Überschreitung auch konditionell nicht unterschätzt werden." Doch David und ich sind entschlossen und arbeiten uns den Berg hinauf. Da der Regen den Fels tatsächlich sehr rutschig gemacht hat, müssen wir uns beim Gehen ganz besonders konzentrieren. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber ich habe das Gefühl als wäre es noch ein wenig kälter geworden. Dass ich mit dieser Einschätzung nicht falsch liege, wird deutlich, als der Regen nach etwa einer halben Stunde in Schnee übergeht. Das können wir absolut überhaupt nicht gebrauchen - aber was hilft es? Jetzt sind wir einmal auf dem Weg und für uns gibt es nun nur noch ein Ziel: Den Berg hinauf bis zur Braunschweiger Hütte.
Ich hätte nicht gedacht, dass 2,5 Stunden so lang sein können. Der Weg zieht sich wie Kaugummi, der Schnee wird immer dichter und ich werde immer kälter. Meine Kraft, Ausdauer und Konzentration lassen spürbar nach. Zudem habe ich das Gefühl, dass mein Rucksack mit jedem Schritt schwerer wird. Zum ersten Mal bereue ich, dass wir uns ohne Elefanten auf den Weg über die Alpen gemacht haben. Wo ist dieser verdammte Last-Elefant, wenn man ihn mal braucht?
David und ich beißen uns hoch. Nach einer etwas kniffligen Kletterstelle laufen wir nun über ein endloses Feld mit großen Gesteinsbrocken, über die man bei schönem Wetter vermutlich einfach so spazieren kann. Wir aber müssen jeden Fuß einzeln und vorsichtig setzen, um auf dem Schnee nicht auszurutschen, der inzwischen alles bedeckt. Mühsam kämpfen wir uns Meter um Meter voran. Immer wieder muss ich pausieren, aber nie halte ich es länger als 1-2 Minuten aus. Die Kälte kriecht einem sofort durch die Kleidung unter die Haut.
"Wie lange wird es wohl noch dauern?", fragt mich David bei der nächsten kurzen Pause. Der Schneefall wird immer stärker und das Gehen immer anstrengender. Vor längerer Zeit schon haben wir ein Schild passiert, auf dem die restliche Gehzeit bis zur Hütte mit einer Stunde angegeben war. "Eigentlich müssten wir bald da sein", schnaufe ich. Doch inzwischen bin ich mir sicher: Mit dieser Zeitangabe kann etwas nicht stimmen. Die angegebene Zeit ist nach meinem Gefühl inklusive akademischer Viertelstunde schon längst vergangen und eigentlich habe ich ein sehr gutes Zeitgefühl. Eigentlich. Andererseits vergeht die gefühlte Zeit gerade möglicherweise auch unglaublich langsam. Ich ärgere mich, dass ich am Schild nicht auf die Uhrzeit geachtet habe. Dafür hätte ich allerdings meine Handschuhe ausziehen und mein Handy aus der Jackentasche fummeln müssen. Das war mir zu mühselig gewesen. Nun könnte ich mich ohrfeigen deswegen. Doch da ich mit meinen Kräften haushalten muss, sehe ich davon ab. Ändern würde es ohnehin nichts. Wie zuverlässig auch immer die Zeitangabe auf dem Schild gewesen sein mag und wann auch immer wir es passiert haben: Wir müssen einfach weiter hinauf, bis wir die Hütte erreicht haben. Ich hoffe sehr, das dauert nicht mehr lang. So langsam gehen meine Reserven zur Neige.
Eine gefühlte Viertelstunde später frage ich mich ernsthaft, ob man so eine Hütte auch verpassen kann. David klettert ein kleines Stück vor mir. Durch den dichten Schnee kann ich ihn so gerade noch erkennen. Er ist mein Blick in die Zukunft, zumindest in die unmittelbare. Wenn wir die Hütte erreichen, wird er sie als erster sehen. Im Umkehrschluss heißt das: Solange er noch keinen Freudenschrei ausstößt, sind wir auch noch nicht da. Kann es nicht sein, dass wir an der Hütte vorbeigestiegen sind? Wenn ich so an meine Erfahrungen in den Alpen denke, ist es extrem unwahrscheinlich, dass man eine Hütte unbemerkt passiert und einfach vorbeiläuft. Auf der anderen Seite hätten wir schon längst da sein müssen. Wie viele Stunden kann eine Stunde dauern? Ich bleibe stehen und blinzle den Berg hinauf. Doch das Wetter ist inzwischen so schlecht, dass man kaum etwas sieht. Von einer Hütte ist jedenfalls weit und breit keine Spur.
Während ich darüber nachdenke, wie hilfreich Höhenmesser in solchen Situationen sind und zum zweiten Mal in Erwägung ziehe, mich selber zu ohrfeigen, dass ich auch daran nicht gedacht habe, spricht David endlich die erlösenden Worte: "Wir sind da!" Ich blick nach oben und sehe: nichts. Erst ein paar Schritte weiter kann ich die Braunschweiger Hütte vor uns ausmachen. Das Wetter ist so schlecht, dass man fast direkt davor stehen muss, um sie zu sehen. Die Außenterrasse ist völlig verschneit. Mit den tollen Sonnenschein-Fotos, die in unserem Wanderführer abgebildet sind, hat dies überhaupt nichts gemein. Doch selten war ich so froh, eine Hütte erreicht zu haben. Ich eile hinein und stehe zunächst einmal einfach nur da wie ein begossener Pudel und wärme mich auf.
Auch hier hat die Reservierung funktioniert. Ganz feudal werden wir statt im Lager in einem 4er-Zimmer untergebracht, dass wir überdies ganz für uns alleine haben. Über 180 Personen finden in der wunderschönen Braunschweiger Hütte Platz und nicht selten ist die Hütte komplett ausgebucht. Doch heute finden wir nur wenige Wanderer hier vor. Bei diesen schwierigen Wetterbedingungen haben wohl nicht viele den Aufstieg gewagt. Von unseren E5-Leidensgenossen, die wir bislang zuverlässig auf jeder Hütte wiedergesehen haben, entdecken wir keinen einzigen. Nachdem wir heiß geduscht haben, in trockene Klamotten geschlüpft sind und uns wieder mehr wie lebendige Menschen fühlen, trudeln dann doch noch ein paar von ihnen ein. Unter ihnen sind auch zwei Mädels - Alisa und Marina - die zeitgleich mit uns die Alpenüberquerung begonnen haben. Dass sie ebenso taff sind wie wir, haben sie bereits bewiesen. Heute Abend wollen wir testen, wer von uns mehr Glück beim Würfelspiel hat.
Die Ablenkung durch die gesellige Runde kommt mir sehr entgegen. Über die morgige Etappe, die unser Wanderführer als "eine der schwierigsten des gesamten E5" bezeichnet, mag ich gerade nicht nachdenken - und noch viel weniger über die Empfehlung, sie "nur bei wirklich gutem Wetter" in Angriff zu nehmen. Während ich mich gedanklich mit kleinen und großen Straßen, Full House und diversen Päschen beschäftige, höre ich, wie der Hüttenwirt am Nachbartisch folgende Einschätzung abgibt: "Momentan sieht es wettermäßig nicht gut aus. Es schneit in einem fort. Das macht den Weg über die Jöcher sehr gefährlich. Wir müssen erst mal abwarten und morgen früh nochmal die Lage sondieren. Dann wissen wir mehr." Es sieht so aus als sollten Alisa, Marina, David und ich heute Abend besser nicht all unser Glück beim Kniffel aufbrauchen. Morgen werden wir noch jede Menge davon benötigen.

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