Montag, 21. September 2015

Tag 2: Es geht abwärts

Man sagt, im menschlichen Körper gebe es über 650 Muskeln. Als ich am Morgen unseres zweiten Wandertages in den Alpen um 6 Uhr in der Früh erwache, habe ich das Gefühl, jeder einzelne von ihnen protestiert. Ich unterdrücke ein Leidensgeräusch, frage mich, wie ich es überhaupt aus dem Bett schaffen soll und runzle irritiert die Stirn. Wie sich alsbald herausstellt, ist das keine gute Idee, denn allein für das Stirnrunzeln muss man über 40 Muskeln bewegen. Trotz allem muss ich grinsen - was gut ist, denn hierfür werden viel weniger Muskeln beansprucht. Ich quäle mich mit unter großer Kraftanstrengung aus dem Bett und kontrolliere, ob es David ähnlich geht. Der lacht mich freudestrahlend und energiegeladen an und teilt mir voller Stolz mit, dass er von den über 10 Stunden, die wir im Bett gelegen haben, jede einzelne Minute schlafend verbracht hat. Kein Wort darüber, dass ihm irgendetwas weh tun könnte. Das nötigt mir Respekt ab: Mein Neffe schläft so effizient wie er wandert.

Wir kleiden uns an, organisieren uns ein schnelles Frühstück, stabilisieren unser Koffein-Level mit einer Tasse Kaffee, schütten - nur um ganz sicher zu gehen - direkt noch eine zweite hinterher, packen unsere sieben Sachen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie sich über Nacht in siebzig verwandelt haben, und verlassen gegen 7:20 Uhr die Kemptner Hütte. Wir wollen frühzeitig los, denn heute haben wir eine lange Etappe vor uns. In Fleece und Regenjacke gepackt, steuern wir von der Hütte aus auf das 130 Meter höher gelegene Mädelejoch zu, das wir eine knappe halbe Stunde später erreichen. Hier passieren die Grenze nach Österreich, die sinnigerweise durch einen Grenzstein mit den Buchstaben "B" und "T" markiert wird. Ich frage mich, wie viele Wanderer hier schon gerätselt haben, wofür diese beiden Buchstaben wohl stehen mögen. Wenn man es einmal weiß, ist es einleuchtend: "B" steht für "Bayern und "T" für Tirol.

Nahezu sämtliche Höhenmeter, die wir uns gestern im Schweiße des Angesichts hochgekämpft haben, steigen wir nun wieder hinab: Vom Mädelejoch auf 1.974 HM wieder hinunter ins Lechtal bis auf 1.066 HM. Sobald wir in Österreich sind, geht es bergab - ich hoffe mal, das ist kein schlechtes Omen. Unsere Regenjacken ziehen wir schon bald wieder aus, denn das Wetter scheint zu halten - für den Moment zumindest. Es ist zwar etwas frisch und sehr nebelig, aber David und ich sind guter Dinge. Mein Muskelapparat hat sich nach den anfänglichen Startschwierigkeiten inzwischen dazu bereit erklärt, wieder ordnungsgemäß seinen Dienst zu tun. Ein bisschen schmerzt es hier und da, aber im Großen und Ganzen komme ich wieder ganz gut in Schwung. Gerade jetzt, wo wir lange bergab gehen, bin ich froh über die Wanderstöcke, die ich kurz vor der Abreise noch meinem Bruder abgeluchst habe und mit denen ich meine Knie nun deutlich entlasten kann. Schließlich müssen meine Fuß- und Kniegelenke nicht nur mein Körpergewicht abfedern, sondern auch noch das Gewicht meines Rucksacks. Der wiegt rund 7 kg zuzüglich Wasser. Da wir eben erst aufgebrochen sind, ist die 3 Liter-Trinkblase noch fast komplett voll. Welche Herausforderung 10 kg auf dem Rücken für den Gleichgewichtssinn beim Bergabgehen sein können, merke ich, als ich zwei Mal einen kompletten Abflug mache. Vom endlosen Regen tags zuvor ist der Fels sehr glitschig und zwei Mal rutsche ich so ungünstig aus, dass ich trotz Stöcken einen Sturz nicht mehr verhindern kann. David, der beide Stürze mitbekommt, erkläre ich, dass ich kurzzeitig so müde war, dass ich mich kurz hinlegen musste. Überraschenderweise fliegt der Schwindel auf. Dem Kerl kann man nichts vormachen.


Nach etwa 3 Stunden haben wir fast die Talsohle erreicht, machen einen Abstecher über Österreichs längste Seilhängebrücke, die David mit großer Begeisterung und ich mit großer Konzentration überwinde und erreichen die kleine Gemeinde Holzgau, in der wir eine kurze Rast einlegen. Viele E5-Wanderer nehmen ab hier einen Bus oder ein Taxi bis zur Materialseilbahn der Memminger Hütte, unserem Etappenziel. Auf diese Weise lässt sich die heutige lange Wanderetappe erheblich verkürzen. Wer das 19 km lange Teilstück mit dem Auto zurücklegt, spart sicher dreieinhalb Stunden. Bei einem Wandertag, der neuneinviertel Stunden reine Wanderzeit vorsieht, ist diese Verlockung für viele groß, zumal das Wetter wieder schlechter zu werden scheint. Doch für David und mich ist ein Taxi keine Option. Bei ein bisschen Nieselregen durchlaufen wir das Tal und pausieren erst wieder als wir gut 6 Stunden nach unserem Aufbruch heute Morgen die winzige Bergsiedlung Madau auf 1.310 HM erreichen. Im 18. Jahrhundert zählte Madau noch ca. 60 Einwohner, heute ist allein der Wirt als einziger Einwohner gemeldet. Eben diesen Wirt suchen wir für unsere Mittagspause auf, die nicht nur meinem Magen sehr gelegen kommt, sondern auch meinen 650 Muskeln. Die protestieren inzwischen nämlich wieder vehement. David scheint das alles viel weniger auszumachen. Der Teufelskerl läuft und läuft und läuft wie der VW Käfer im Werbespot aus den 60er Jahren.

Wir gönnen uns ein ordentliches Mittagessen, halten die Mittagspause jedoch trotzdem so kurz wie möglich, denn im weiteren Tagesverlauf soll möglicherweise noch ein Gewitter kommen. Und ein Gewitter in den Bergen wollen wir nun wirklich nicht erleben. Wer im Gebirge von Blitz und Donner überrascht wird, lebt verdammt gefährlich. Nach einer dreiviertel Stunde brechen wir wieder auf und erreichen eine knappe Stunde später eben jene Materialseilbahn, bei der viele Wanderer sich mit Bus oder Taxi absetzen lassen, um den letzten Anstieg zur Memminger Hütte in Angriff zu nehmen. Gerade als wir dort ankommen, spuckt in der Tat ein Transporter einen ganzen Haufen johlender E5-Wanderer aus, die ihre Rucksäcke dann auch noch ganz entspannt in die Materialseilbahn laden. Für ein geringes Entgelt kann man sich seine Sachen von hier direkt zur Hütte transportieren lassen. Wir lassen die fuß- und rückenfaulen Wanderkollegen schnell hinter uns, denn es ziehen ein paar dunkle Wolken auf und etwa 800 Höhenmeter müssen wir noch hinauf. Das sind etwa 2 Stunden Arbeit - zu einem Zeitpunkt, wohlgemerkt, zu dem wir schon über 7 Stunden gelaufen sind.

David und ich eilen den Berg hinauf. Zu allem Überfluss fängt es jetzt wieder an zu regnen. Zunächst sind es nur ein paar Tropfen, doch dann fängt es richtig an zu schütten. Ein heftiger Starkregen bricht über uns hernieder und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zu ein paar Bäumen, die uns ein wenig Schutz bieten. Doch lange bleiben können wir hier nicht - der Regen macht nicht den Eindruck als würde er bald wieder aufhören und wir wollen auch nicht zu spät auf der Hütte sein. Also ziehen wir Regenjacke und Regenhose über und stapfen weiter den Berg hinauf. Der Regen prasselt auf uns herab und macht auf meiner Kapuze einen Höllenlärm. Zunächst glaube ich noch an Einbildung, doch dann bin ich mir ziemlich sicher: Da war gerade ein Donner. Das Gewitter hat uns erreicht.

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