Treuer und unschätzbar wertvoller Begleiter auf unserer Tour über die Alpen ist ein kleines rotes Büchlein. Es misst etwa 16 cm in der Höhe und 11,5 cm in der Breite, passt damit in jede Wanderhosentasche und beschreibt auf 240 Seiten nicht nur jede einzelne Etappe unserer Alpenüberquerung, sondern sogar sämtliche Etappen des E5 zwischen Konstanz am Bodensee und Verona in Norditalien. 31 Tagesetappen werden hier sehr exakt und durchaus kurzweilig beschrieben. Hinweise auf schwierige Passagen fehlen ebenso wenig wie mögliche Umgehungsmöglichkeiten und Schlechtwetter-Varianten. Alle wichtigen Infos zu den Unterkünften sind aufgelistet, dazu gibt es Hinweise auf Einkaufsmöglichkeiten unterwegs, detaillierte Karten und absolut zuverlässige Höhen- und Zeitangaben. Es ist nicht weniger als die Bibel der E5-Wanderer und wird abends in jeder Hütte im Dutzend aus Rucksäcken und Hosentaschen gekramt und intensiv studiert. Witzigerweise ist dieses Buch nicht nur ein roter Wanderführer, sondern auch ein Rother Wanderführer, denn Herausgeber ist der Rother Bergverlag. Es existiert auch ein Konkurrenzprodukt, das David und ich in der Memminger Hütte wie eine seltene Briefmarke bestaunt haben. Der Unterschied, der einem als erstes ins Auge springt, ist die Farbe: Der andere Wanderführer ist nämlich grün. Inkonsequenterweise wird er vom Bruckmann Verlag herausgegeben, was ich wenig einleuchtend finde. Die Besitzer des Bruckmanns Wanderführer schienen auch nicht sonderlich glücklich mit ihrer Wahl zu sein und fanden insbesondere die nötigen Anforderungen für die einzelnen Etappen nicht gut beschrieben. Dem Rother Wanderführer kann man nach meiner Erfahrung absolut vertrauen: Wenn davon die Rede ist, ein Teilstück sei anspruchsvoll und sehr herausfordernd, dann ist es auch genau das.
"Lust auf einen Kaffee?", frage ich David, nachdem ich mich mit einem großen Seufzer auf der Terrasse der Unterlochalm niedergelassen habe. "Viel zu früh für Kaffee!", brummt David, murmelt "Ich geh schon" und bestellt zwei Bier. Mein Neffe denkt praktisch. Ich mag das. Als David wieder zurück ist, spreche ich das an, was mir schon seit Tagesbeginn Sorgen macht: "Das Wetter soll schlechter werden. Vor allem kälter. Die Schneefallgrenze sinkt bis auf 1.800 Meter." Das sind keine guten Nachrichten für uns. Morgen steigen wir zur Braunschweiger Hütte auf. Die liegt am Ende des Pitztals auf 2.758 Meter Höhe. Tags darauf kommt es noch heftiger. "Du weißt, was uns übermorgen erwartet?", frage ich David. Der nickt. Wir müssen rauf bis auf knapp 3.000 Meter. Ich ziehe den Wanderführer aus der Tasche, schlage Seite 106 auf und zitiere die Beschreibung vom fünften Wandertag: "Die heutige Etappe sollte nur bei wirklich gutem Wetter in Angriff genommen werden. Bei Feuchtigkeit werden die Steige rutschig, Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Die Etappe, die uns übermorgen erwartet, nennt unser Wanderführer schnörkellos: "Eine der schwierigsten Etappen dieses Führers". Ich lasse den Wanderführer sinken und blicke David an. "Was machen wir?" David braucht nicht lange zu überlegen. "Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Was hältst du davon, wenn wir heute Nachmittag noch ein kleines Stückchen weiter gehen und oben auf dem Gipfel des Venetberges übernachten? Dann können wir morgen früher los und haben schon mal mehr Zeit für die nächste Etappe. Das macht uns flexibler."
Eigentlich haben wir für heute Abend eine Übernachtung in der Skihütte Zams gebucht. Die Skihütte Zams liegt auf 1.870 Metern Höhe rund 400 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Venetberges. Laut Wanderführer bezwingt man diesen Gipfel am besten mit der Bergbahn. Die Skihütte liegt auf Höhe der Mittelstation. Jeder, der dort übernachtet, muss also am Morgen auf die erste Bahn warten, um seine Tagesetappe zu beginnen. So gesehen bietet Davids Vorschlag einen handfesten Vorteil: Wenn wir heute schon auf den Gipfel des Venetberges fahren und in der dortigen Hütte übernachten, sind wir absolut frei in unserer Entscheidung, wann wir morgens losziehen. Hieraus ergibt sich noch ein weiterer positiver Effekt: Der Plan für den morgigen Tag weist nicht nur 8:15 Stunden reine Wanderzeit auf, sondern beinhaltet auch eine knapp einstündige Fahrt mit dem Postbus. Zugegeben: Es klingt seltsam, dass die Alpenüberquerung zu Fuß auch eine Busfahrt vorsieht. Aber als der Vater des E5 Hans Schmidt vor über 30 Jahren den von ihm gerade gegründeten Fernwanderweg lief, mag der Fußweg durch das Pitztal noch sehr reizvoll gewesen sein. Heutzutage macht sich die Pitztaler Landstraße in dem engen Tal derart breit, dass für E5-Wanderer kaum noch Platz bleibt. Es ist tatsächlich sinnvoller, die 30 Kilometer bis ans Talende mit dem Bus zurücklegen. Dieser Bus fährt nur zu speziellen Zeiten und wenn David und ich uns zeitig auf den Weg machen können, erwischen wir einen früheren Bus und sind deutlich früher in Mittelberg am Ende des Pitztals, wo der letzte Anstieg zur Braunschweiger Hütte auf uns wartet. Ganz in Ruhe können wir dort überlegen, ob wir ihn wagen wollen. Falls uns der Aufstieg zu gefährlich erscheint, können wir immer noch in Mittelberg eine Übernachtung einschieben.
Ich bin beeindruckt von Davids Vorschlag. Das Problem der Schlechtwetterfront wird dadurch nicht gelöst, aber wir haben deutlich mehr Zeit, um in Ruhe die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Ich klopfe David anerkennend auf die Schulter. Wir leeren unser Bier, schultern unsere Rucksäcke und machen uns an unseren finalen Abstieg ins Tal, der noch 2 Stunden dauern soll.
Der Weg nach Zams im Oberinntal führt über einen wunderschönen Bergweg, der noch ein ganzes Stück schöner wird als plötzlich die Sonne rauskommt. Mit dem Verschwinden von dunklen Wolken über uns lösen sich auch ein paar dunkle Wolken in meinem Kopf auf. Vielleicht wird es in den nächsten Tag ja auch nur kalt, bleibt aber trocken? Das würde einige unserer Probleme lösen.
Punkt 14 Uhr erreichen wir die kleine Gemeinde Zams und es scheint als sei das Glück zu uns zurückgekehrt. Die Sonne brennt inzwischen so heiß, dass ich zum Schutz eine Mütze aufziehen muss und im Restaurant, in dem wir uns zum Mittagessen niedergelassen haben, hat die warme Küche zwar gerade geschlossen, aber der Restaurantbesitzer höchstpersönlich erbarmt sich unser und gibt Anweisung, den beiden hungrig dreinschauenden Wandergesellen noch fix ein Wiener Schnitzel zu braten. Und ohne zu übertreiben muss ich gestehen: Ein besseres Schnitzel habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gegessen.
Unsere Glückssträhne hält: Die Skihütte Zams erhebt für die Stornierung der Übernachtung keine Gebühr und die Gipfelhütte auf dem Venetberg empfängt uns mit einem kaum für möglich gehaltenen Luxus: freies WLAN, ein 5er-Zimmer für uns ganz alleine, richtige Betten, eine eigenen Toilette und eine eigene Dusche mit heißem Wasser ohne Limit! Nicht einmal unsere Hüttenschlafsäcke müssen wir auspacken, denn es gibt richtige Bettwäsche. Auch Handtücher sind da! David und ich sind vor derart viel Komfort und Annehmlichkeiten geradezu erschlagen. Ich schmeiße mich aufs Bett und genieße die positive Wende unseres Schicksals. Im Geiste sehe ich uns bei kaltem, aber sonnigen Wetter beschwingt zur Braunschweiger Hütte laufen und die mahnenden Worte vor "einer der schwierigsten Etappen dieses Führers" verlieren ihren Schrecken.
"Markus?" David reist mich aus meinen Tagträumereien. "Das solltest du dir ansehen!" David steht am Fenster und blickt nach draußen. Ehrlich gesagt habe ich gerade keine Lust aufzustehen. Die Matratzen hier sind verdammt bequem. Ich entscheide mich, liegen zu bleiben. "Was denn?", rufe ich zu David hinüber. "Nunja", sagt der, dreht sich um und blickt mich sorgenvoll an: "Es schneit."

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