Ganz schön blöd komme ich mir vor und wie auf dem heißen Stuhl. Aber meine Entscheidung steht fest: Über den Bergkamm gehe ich nicht. Das Problem ist, dass ich genau weiß, dass wir eine andere Möglichkeit haben, zur Similaunhütte zu gelangen. Wir gehen einfach den Weg zurück bis zur Gabelung, an der uns das Teufelchen den Weg nach rechts gewiesen hat und wenden uns dort in die Engelchen-Richtung. Dieser Weg dauert zwar länger, aber auch so kommen wir zur Hütte und müssen dabei keinen Fuß auf den Bergkamm setzen. Gäbe es diese Angsthasen-Variante nicht, hätte ich mich an den Kamm herangewagt und ihn vermutlich auch bewältigt. Aber da ich weiß, dass es möglich ist, den Bergkamm zu vermeiden, kann ich mich mental nicht überwinden, die Herausforderung anzunehmen. Manchmal spielt das Kopf halt nicht mit. Zumindest ein kleines Abenteuer wagen wir als wir ein Stückchen weiter unten den normalen Weg verlassen und uns querfeldein durchs Gelände schlagen. Uns ist klar: Früher oder später müssen wir auf den Weg zur Hütte stoßen.
Das tun wir auch und erreichen die gemütliche Similaunhütte gegen Mittag. Die E5-Wanderer von vorhin sehen wir dort nicht, was mich etwas verwundert. Ob sie schon weitergegangen sind? Eigentlich halte ich das für unwahrscheinlich. Demnach müssten wir die Hütte vor ihnen erreicht haben. Wenn man bedenkt, dass wir über die Angsthasen-Route eine viel längere Strecke zurücklegen mussten, ist das allerdings ebenfalls ein unwahrscheinliches Szenario. Für einen kurzen Moment versuche ich abzuschätzen, welche unwahrscheinliche Variante wahrscheinlich die wahrscheinlichere ist, verliere aber schnell die Lust an diesem Gedankengang. Stattdessen huste ich mir kurz die Seele aus dem Leib, bestelle röchelnd eine Suppe und bewundere die grandiose Aussicht auf den Similaun.
Stolze 3599 Meter reckt sich der Similaun vor uns in die Höhe. An seinen eisbezogenen Flanken kann ich mehrere Seilschaften ausmachen, die todesmutig auf ihm herumklettern. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Tode ich sterben würde, wenn ich Teil einer solchen Seilschaft wäre. Auch diesen gedanklichen Pfad verlasse ich eilig. Am Nebentisch erklärt eine Frau ihrer männlichen Wanderbegleitung, wie unsinnig es sei, auf einer mehrtätigen Wandertour nur zwei Outfits mitzunehmen. Seinen vorsichtigen Hinweis auf die Platz- und Gewichtsersparnis wischt sie energisch vom Tisch. Angenommen, man habe nur ein grünes und ein blaues Hemd eingesteckt, erklärt sie ihm ungeduldig. Woher wolle man wissen, ob man nicht am dritten Wandertag spontan Lust auf ein rotes Hemd habe? Was, wenn man gerade das nun im Gewichtssparwahn zuhause gelassen habe? Sie wolle sich beim Wandern nicht unnötig einschränken, findet sie. Er schweigt und blickt aus dem Fenster. Aus den beiden wird wohl auch keine Seilschaft mehr, denke ich. Es wird Zeit, dass die Suppe kommt.
Gerade als wir fertig gegessen haben, vibriert mein Handy. Wahrscheinlich eine SMS von einem italienischen Mobilfunkanbieter, der mich in Italien willkommen heißen will, vermute ich und blicke auf mein Handy. Tatsächlich heißt man mich willkommen, aber anders als erwartet. Der Text der Nachricht lautet:
"Willkommen an Bord! Bitte beachten Sie: Bei Gesprächen, SMS und Datennutzung in Flugzeugen und auf See entstehen abweichende Kosten zu Ihrem aktuellen Roaming-Tarif."Mir wird dieser Ort langsam unheimlich. David und ich beschließen, die Anker zu lichten und einen Abflug zu machen. Beim Hinausgehen treffen wir unsere E5-Kollegen, die den Weg über den Bergkamm genommen haben und erst eine gute Stunde nach uns an der Hütte eintreffen. Ich huste ihnen zum Abschied noch einmal freundlich zu und dann nehmen David und ich das finale Teilstück des Europäischen Fernwanderwegs E5 von Oberstdorf nach Meran in Angriff.
Der Abstieg ins südtiroler Schnalstal zieht sich. Unser Ziel, der Vernagt-Stausee, den wir in der Ferne schon sehen können, liegt gut 1300 Meter tiefer als die Similaunhütte. Doch der Weg dorthin ist wunderschön. Bei herrlichem Sonnenschein wird die Umgebung um uns herum immer grüner und lieblicher, je tiefer wir kommen. Zweieinhalb Stunden lang wandern wir bergab und ich genieße jeden Schritt. David hingegen tut sich schwer. Schon seit ein paar Tagen hat er Schwierigkeiten mit seinem rechten Knie, das sich nicht mehr richtig beugen lässt. Während ihn das bergauf nicht beeinträchtigt, hat er bergab große Probleme. Bei seiner Bundeswehrmontur war ich anfangs in Sorge, dass die Italiener Alarm auslösen, wenn sie mitbekommen, dass das deutsche Militär über die Berge einmarschiert. Aber inzwischen wird ihnen sicher schon aufgefallen sein, dass es lediglich ein einziger (Ex-)Soldat ist, der darüber hinaus auch noch humpelt. Wie viel Schaden kann der schon anrichten? Das unangenehmste wäre sicherlich, wenn David auf die Idee käme, seine Wanderschuhe auszuziehen und sie der italienischen Welt hinzuhalten. Doch David und ich haben vereinbart, dass wir nur im äußersten Notfall zu solch radikalen Mitteln greifen werden.
Es ist kurz nach drei am Montagnachmittag, den 7. September 2015 als ich um eine letzte Ecke biege und den Tisenhof vor mir sehe. Der alte südtiroler Bauernhof liegt ein Stück oberhalb des Vernagt-Stausees und ist so etwas wie das inoffizielle Ende des Wanderwegs von Oberstdorf nach Meran. Schon viele Wanderer vor uns sind hier zum letzten Mal eingekehrt und haben auf ihre erfolgreiche Alpenüberquerung angestoßen. Mein Herz klopft schneller, ein Lächeln zieht durch mein Gesicht und Endorphine durchströmen meinen Körper. Ich kann nicht mehr an mich halten. Die letzten Meter lege ich laufend zurück.


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