Samstag, 12. September 2015

Prolog: A5 statt E5

"Und? Freust du dich?" Es ist Dienstagmorgen, 1. September, und ich stehe bei David auf der Türschwelle. Heute startet endlich unser lange erwartetes Alpenabenteuer. Seine Frage kann ich nur bejahen: Ich freue mich wie Hulle. David auch - er strahlt über das ganze Gesicht. Eigentlich wollten wir um 9 Uhr los, aber als ich bei ihm aufschlage, ist es bereits viertel vor zehn. Irgendwie habe ich heute Morgen nicht ganz die Kurve bekommen. Einer der Gründe mag sein, dass ich gesundheitlich nicht völlig auf der Höhe bin. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich mich überhaupt einigermaßen in der Vertikalen halten kann. In den vergangenen beiden Tagen sah das noch ganz anders aus: Da lag ich nämlich mit Fieber im Bett. Was für ein Timing! Kurz vor der anstehenden Alpenüberquerung per pedes lasse ich mich von einem hinterhältigen Grippevirus niederstrecken und werde erst einmal richtig krank. Die zwei Tage habe ich komplett im Bett verbracht, außerstande irgendetwas Sinnvolles zu tun wie einkaufen, vorbereiten, packen oder auch nur aufstehen. Sicher nicht die beste Voraussetzung, um eine mehrtägige Bergtour erfolgreich über die Bühne zu bringen. Aber was habe ich für eine Wahl? Alles ist gebucht, der Urlaub eingereicht und genehmigt und verlegen lässt sich jetzt nichts mehr. Ich putze mir ausgiebig die Nase, erkundige mich bei David, ob er alles beisammen hat und wir beladen mein Auto mit Abenteurerbedarf. Ich suche Trost in dem Gedanken, dass es heute noch nicht um den E5, sondern erstmal nur um die A5 geht. Zunächst einmal steht nämlich die Fahrt in unser Basislager an: zu meinem Bruder nach Ulm. Dort wollen wir noch ein paar Kleinigkeiten besorgen und erst am nächsten Morgen mit der ersten Wanderetappe starten. Einen Tag Regeneration bleibt mir also noch. Hoffentlich reicht das.

Mein kleiner Corsa B hat 45 PS. Bei Geschwindigkeiten von über 130 km/h fängt er an zu husten und zu prusten wie der Wolf in der Geschichte von den drei kleinen Schweinchen. Auch wenn man das Gaspedal mit ganzer Kraft durchtritt, lässt sich die Tachonadel nicht viel weiter bewegen. Heute brauche ich mir hierüber allerdings keinerlei Gedanken zu machen, denn von 130 km/h können wir derzeit nur träumen. Mit maximal 100 km/h, manchmal auch nur 80 km/h, schleichen wir über die Autobahn Richtung Süden. Der Scheibenwischer läuft auf Hochtouren, denn es schüttet wie aus Eimern. Auch das ist nicht ideal für unsere Wanderung, aber David und ich steuern unbeirrt auf unser erstes Ziel zu. Inständig hoffen wir, dass der Regen wieder aufhört. Den Gefallen tut er uns allerdings nicht und wir fahren Stunde um Stunde durch eine ungemütliche Regen- und Nebelsuppe. Noch haben wir ein schützendes Auto um uns herum. Aber wie mag das werden, wenn es auch beim Wandern derart regnet? "Besser nicht darüber nachgrübeln", denken wir uns und versuchen, uns mit der Gewissheit zu trösten, dass alles, was heute regnet, morgen nun definitiv nicht mehr vom Himmel fallen kann.

Rund fünf Stunden brauchen wir bis Ulm - und das entspricht in etwa der Länge der morgigen Wanderdistanz. Die erste Etappe gehört nämlich zu den kürzeren. Aber wenn man fünf Stunden lang nur durch Regen laufen muss, kann einem auch diese Zeit sehr lang werden. Noch vor einer Woche schien ganztägig die Sonne bei absolut sommerlichen Temperaturen. Das Glück scheint nicht auf unserer Seite zu sein. Wir hoffen, dass sich das Blatt noch wendet, besorgen in Ulm noch ein paar letzte Dinge - dazu gehören Imprägnierspray, Schokolade, Basteldraht und Gipfelschnaps - und informieren meinen Bruder detailliert über unsere anstehenden Wanderpläne. Der Bruder zeigt sich beeindruckt und ein wenig neidisch, checkt sicherheitshalber die Wettervorhersage, zieht es aber vor, uns das Ergebnis seiner Recherche vorzuenthalten. "Nicht gut", denke ich mir, organisiere mir vier weitere Päckchen Taschentücher von meinem Bruder und widme mich hingebungsvoll meiner Erkältung.


Abends gehen David und ich ein letztes Mal unsere Materialliste durch. Wir entscheiden, welche Dinge wir bei meinem Bruder deponieren und was in den Wanderrucksack gehört. Im Vorfeld hatten wir intensiv darüber gesprochen, was für unsere Wanderung notwendig und was überflüssig ist. David scheint meine Ratschläge noch genauer umgesetzt zu haben als ich selbst, denn wie es aussieht hat er zwar alles Nötige, aber nur halb so viele Sachen dabei wie ich. Vielleicht liegt es auch an seiner bei der Bundeswehr perfektionierten Technik, Hemden zu falten und seine Kleidungsstücke nehmen einfach weniger Raum ein. Bestimmt machen auch die vier zusätzlichen Päckchen Taschentücher einen Unterschied. Aber, hey! Immerhin habe ich mich dazu durchgerungen, die Konservendose mit der Hühnersuppe bei meinem Bruder zu lassen. Grundsätzlich fühlen wir uns allerings beide gut gerüstet. Noch einmal schlafen und das Abenteuer beginnt.

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