Um 14:51 Uhr am Nachmittag des zweiten Wandertages schalte ich auf Kampf-Modus. Unweigerlich fühle ich mich an alte Computerspiel-Zeiten erinnert: Wenn ich glaubte, dass es nicht schlimmer kommen konnte, wenn alle Nazis besiegt, alle Raumschiffe vom Himmel geholt und alle Zombies niedergemetzelt waren, dann kam er in der Regel um die Ecke. Die Hintergrundmusik verstummte, alles andere wurde unwichtig und es ging nur noch um ihn: den Endgegner. Er war stets riesengroß, überaus kräftig, hundsgemein und in der Regel verdammt wütend. Und er wollte nur eins: mich besiegen, bevor ich ihm zu großen Schaden zufügen konnte. Ihn zu überwinden, war höllisch schwer. Es war die letzte Herausforderung, die ultimative Battle, der krönende Abschluss des Levels. An ihm musste man vorbei, um das nächste Level freizuschalten. Meistens hatte er nur eine winzig kleine Schwachstelle. Die musste man finden, wenn man überhaupt nur den Hauch einer Chance haben wollte.
Das Gewitter, das David und mich gerade mit großer Wucht heimsucht, ist meine persönliche letzte Battle des Tages. Doch anders als in den Computerspielen meiner milchgesichtigen Vergangenheit hat mein heutiger Endgegner keine Schwachstelle. Wer in den Bergen in ein Gewitter gerät, wird demütig. Man wird sich darüber im Klaren, wie klein und verletzlich man ist. Dass wir schon nach wenigen Minuten völlig durchnässt sind, ist unangenehm - aber das kennen wir schon. Auch wenn ich selten erlebt habe, dass Regen mit einer derartigen Wucht vom Himmel kommt. Aber bei Blitz und Donner ungeschützt auf einem Berg herumzuklettern - das ist schon eine ganz andere Nummer. Es fühlt sich so an als sei das Gewitter exakt über uns. Immer wieder erhellen Blitze die Berge um uns herum und der Donner grollt mit großer Kraft, verstärkt durch sein eigenes Echo. Es ist ja nicht so als hätte ich alle bisherigen Gegner des heutigen Tages komplett abgeschüttelt. Ein Rest Erkältung hält sich hartnäckig, noch immer schmerzen vom ersten Wandertag Muskeln an Stellen, an denen ich nie welche vermutet hätte, und heute haben wir uns ja nun auch schon 7 Stunden lang Berge hinauf- und hinuntergekämpft. Und nun laufen wir mitten durch einen Regenguss und ein Unwetter, das sich über unseren Köpfen festgesetzt hat. Ich bin inzwischen nass bis auf die Unterhose und heilfroh, dass mein kompletter Rucksackinhalt noch einmal separat in wasserdichten Packsäcken verstaut ist. Zumindest werde ich heute Abend in der Hütte in trockene Klamotten schlüpfen können. Sofern wir überhaupt irgendwann dort ankommen sollten.
Da es rein gar nichts gibt, was uns Schutz bieten könnte, stapfen David und ich im strömenden Regen den Berg hinauf. Bei jedem Blitz zucke ich ein wenig zusammen. Ohrenbetäubender Donner folgt kurz später. Kann es sein, dass er noch lauter geworden ist? Wir stapfen weiter, immer weiter - und es dauert nicht lange, bis wir nicht mehr stapfen, sondern waten. Der kleine Pfad, auf dem wir den Berg hinaufgehen, hat sich in einen Bach verwandelt. Genau dort, wo wir hinauf wollen, kommen uns stetig wachsende Wassermassen entgegen und fließen in entgegengesetzter Richtung den Berg hinab. Wenn man kein Glück hat, kommt häufig auch noch Pech dazu. Ich stoße einen nicht zitierfähigen Fluch aus und wate David hinterher, der schon außer Sichtweite gelaufen ist. Außer Sichtweite geschwommen ist, korrigiere ich mich in Gedanken selbst, aber nicht mal mehr über meine eigenen Witze kann ich lachen. Die Lage ist ernst.
Seit wir mit unserer Alpenüberquerung begonnen haben, gleichen David und ich die Zeitangaben im Wanderführer mit unserem eigenen Tempo ab. Wir haben uns inzwischen gut kalibriert und gehen davon aus, dass wir für die 800 Höhenmeter von der Materialseilbahn bis zur Hütte ziemlich genau zwei Stunden brauchen werden. Als Langstreckenläufer habe ich ein ganz gutes Zeitgefühl und so kann ich für das Protokoll festhalten, dass nach 25 Minuten Gewitter und Dauerregen mein Wanderschuh dem Wasser, das inzwischen von allen Seiten kommt, nichts mehr entgegensetzen kann. Auch das vor der Tour eigens noch verwendete Imprägnierspray ist trotz unzähliger Ausrufezeichen ganz offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Ich bekomme nasse Füße. Und wer in den Bergen nasse Füße hat, hat bald auch kalte Füße. Und läuft sich Blasen. Die Aussichten sind also großartig. Ich suche nach irgendjemandem, dem ich die Verantwortung für diese beschissene Situation in die nassen Schuhe schieben kann, finde niemanden außer mir selbst und wate missmutig und ziemlich angefressen weiter den Berg hinauf.
Eine weitere Viertelstunde später hellt sich der Himmel und damit auch meine Stimmung ein bisschen auf: Das Gewitter scheint sich so langsam zu verziehen. Dennoch ist es nicht leicht, für den restlichen Aufstieg die nötige Motivation aufzubringen. Erst recht nicht, als das abziehende Gewitter als letzten Abschiedsgruß noch einen kleinen Hagelschauer über uns niedergehen lässt. Ich bin völlig bedient, dazu ziemlich müde, nass bis auf die Haut und will einfach nur ins Warme und in trockene Klamotten schlüpfen.
Wir sehen die Hütte erst als wir fast da sind, denn auch wenn es inzwischen keinen Niederschlag mehr gibt, umhüllt uns weiterhin ein hartnäckiger Mix aus Nebel und Wolken. Nach etwas mehr als den angenommenen zwei Stunden haben wir endlich unser Tagesziel erreicht und betreten tropfend und ein bisschen verfroren die Memminger Hütte. Wir sind einfach nur froh und glücklich, die heutige Etappe mit 27,6 km Strecke, 920 Höhenmetern bergab und 1.320 Höhenmetern bergauf in gut 9 Stunden erfolgreich gemeistert zu haben. Die Auskunft des gut gelaunten Hüttenwirts, dass es noch heißes Wasser zum Duschen gäbe, euphorisiert uns derart, dass wir klaglos akzeptieren, dass für jeden nur 3 Minuten zur Verfügung stehen. Gleichermaßen genügsam nehmen wir es hin, dass wir Tür an Tür mit der lautstarken 30-köpfigen Schulklasse übernachten, mit der wir schon auf der Kemptner Hütte Bekanntschaft gemacht haben. Auch dass wir relativ beengt im Lager liegen müssen, bekümmert uns nicht. Wenn man in den Bergen unterwegs ist, lernt man die einfachen Dinge des Lebens zu schätzen. Ein Gewitter unbeschadet überstanden zu haben, zum Beispiel. Einfach nur im Trockenen und Warmen sitzen zu können. Und Essen und Trinken sowie eine Matratze für die Nacht zur Verfügung zu haben. Von all diesen wunderbaren und ganz und gar nicht selbstverständlichen Dingen machen wir ausgiebig Gebrauch. Kurz nach 20 Uhr krieche ich in meinen Schlafsack und bin eingeschlafen, noch bevor mein Kopf das Kissen berührt hat.

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