Mittwoch, 4. November 2015

Tag 5: Über das Rettenbachjoch

Nach einem Selfie auf der Terrasse der Braunschweiger Hütte geht es los: David und ich machen uns auf den Weg, um das Rettenbachjoch in Angriff zu nehmen. Ich habe gemischte Gefühle bei der Sache. Auf der einen Seite machen mir die bergsteigerischen Herausforderungen in Verbindung mit den aktuellen Wetterbedingungen ein wenig Kummer. Auf der anderen Seite bin ich das Taktieren und Abwägen inzwischen leid und will endlich los. Schwungvoll setze ich mich in Bewegung, überquere zügig die Terrasse - und halte nach wenigen Metern abrupt inne als wäre ich gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Der Mund klappt mir vor Staunen auf und ich erstarre zu einer Salzsäule. Die Hütte, in der wir übernachtet haben, liegt von Gletschern umgeben mitten in einem Hochkessel. Inzwischen hat sich die Sonne weiter hervorgekämpft und bescheint genau vor mir eine Bergwelt wie sie grandioser nicht aussehen könnte. Das fantastische Panorama, das ich vor mir ausgebreitet sehe, erscheint wie gemalt. Weiß bemützt glänzen die Berge um mich herum und strahlen eine majestätische Ruhe aus. Ich erlebe einen wahrhaft magischen Moment inmitten einer faszinierenden Winterwelt. Zuvor hatte ich noch geglaubt, vor lauter Anspannung die Landschaft gar nicht genießen zu können. Doch das Bergpanorama, das uns hier oben umgibt, offenbart in diesem Moment einen Zauber, dem man sich nicht verschließen kann. Ich genieße den Augenblick, die Ruhe und die Schönheit der Natur und fülle mein Herz bis zum Rand mit Glück.


Der Weg zum Joch führt uns über felsigen Untergrund und fällt zunächst leicht ab. Vor uns sind keine Fußspuren zu erkennen. Wir sind offensichtlich heute Morgen die ersten, die den Weg nach oben wagen. Üblicherweise ist jede Wegstrecke des E5 gut präpariert und alle paar Meter mit einem farbigen roten Punkt markiert. Verlaufen kann man sich kaum - es sei denn, Neuschnee bedeckt die Felsen und damit auch einen Großteil der roten Punkte. David und ich müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht vom Weg abkommen. Immer wieder müssen wir anhalten und zunächst nach der nächsten Markierung zu suchen. Ich denke an die mahnenden Worte in unserem Wanderführer: "Neuschnee und Nebel können die Orientierung beim Auf- und Abstieg an beiden Jöchern durchaus zum Problem werden lassen." Diese Warnung war kein bisschen übertrieben, aber bislang finden wir unseren Weg. Im Vorbeigehen wischen wir an den entsprechenden Stellen den Schnee von den Felsen, damit die roten Punkte für die Wanderer hinter uns besser zu sehen sind. Doch bis jetzt ist auch hinter uns niemand zu erblicken. Wir sind völlig allein im Berg unterwegs.

Es dauert nicht lange und der Weg wir schmaler und steiler, schraubt sich immer mehr den Berg hinauf und schon bald kommen die ersten ausgesetzten Stellen. Die sind zwar gut mit Ketten gesichert, aber trotzdem bleibt der Weg durchaus anspruchsvoll und erfordert höchste Konzentration. Der Schnee macht den Fels rutschig und jeder Schritt will gut gesetzt sein. In den Verschnaufpausen, die ich immer wieder einlegen muss, bewundere ich die verschneite und vergletscherte Bergwelt um mich herum. Immer wieder weicht der Nebel zurück und gibt den Blick frei auf eine unglaublich traumhafte Kulisse.

Stück für Stück kämpfen wir uns voran und David ist mir bei schwierigen Passagen eine große Hilfe. Er geht vor mir, spurt den Weg, achtet auf die Wegmarkierungen und bietet meinen Augen den erforderlichen Fixpunkt, damit ich nicht nach unten blicken muss. Je weiter wir nach oben kommen, desto schmaler wird der Weg und desto gähnender der Abgrund. Ich muss mich zwingen, auf keinen Fall hinabzusehen. An einer besonders exponierten Stelle tritt David ohne den Hauch einer Angst bis an den Rand des Weges heran und schaut neugierig nach unten. Ein Schritt weiter und er würde fast 200 Meter tief fallen. Den Sturz würde er nicht überleben. Doch David denkt gar nicht daran hinabzustürzen, sondern bittet mich gut gelaunt um ein Foto für sein Facebook-Profilbild. Den Gefallen tue ich ihm gerne, doch als David mir anbietet, dass wir gerne die Positionen tauschen können, damit er umgekehrt ein Foto von mir am Abgrund machen kann, lehne ich dankend ab. Bislang komme ich mit der Höhe ganz gut klar, aber nur, weil ich den Blick in die Tiefe vermeide. Dabei möchte ich es auch belassen. Ich will meine Nerven nicht überstrapazieren.


Nach etwa anderthalb Stunden Kampf mit dem Berg, dem rutschigen Fels und furchterregenden Abgründen, über die ich tapfer hinwegsehe, erreichen wir das rettende Rettenbachjoch auf 2.990 Metern Höhe. Hinter uns im Nebel tauchen schemenhaft weitere Wanderer auf, die unseren Spuren gefolgt sind und wenige Minuten später ebenfalls eintreffen. "Bergsteigen ist ja kein Wettkampf", sagt David mit ernster Miene. Ich frage mich, worauf er wohl hinaus will. Ein schelmisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht als er ergänzt: "Aber wir waren die ersten!" Wir müssen beide lachen. Und warum auch nicht? David hat völlig Recht. Wir können stolz auf unsere Leistung sein und belohnen uns mit einem Schluck Gipfelschnaps aus dem Flachmann, den ich schon seit Beginn der Alpentour in einer Seitentasche des Rucksacks mit mir herumschleppe.

Die übrigen E5-Wanderer entscheiden sich allesamt dafür, mit einer Gondel auf der anderen Bergseite abzufahren. In fünf Minuten ist man so am Parkplatz vom Rettenbachgletscher auf 2.684 Meter und setzt die Wanderung von dort fort. David und ich wollen es uns nicht so leicht machen und entscheiden uns nach kurzer Diskussion und schneller Einigkeit für den Wanderweg nach unten. Laut Wanderführer sollte man hierfür etwa 45 Minuten einplanen. Wie wir schnell feststellen müssen, führt der Weg sehr steil hinab und ist im Schnee kaum zu sehen. Immer tiefer sinken wir ein und schon bald verschwindet bei jedem Schritt mein ganzer Wanderschuh mitsamt dem halben Bein im Schnee. Doch umkehren können wir jetzt nicht mehr. Da müssen wir durch. "Vielleicht war das doch keine so gute Idee!", rufe ich David zu, der mal wieder vor mir läuft. Meine Füße werden langsam kalt, da bei jedem Schritt Schnee oben in den Schaft meines Wanderschuhs fällt. Viele warme Wintersachen habe ich eingepackt, doch an Gamaschen habe ich überhaupt nicht gedacht. Meine Vergesslichkeit muss ich nun mit nassen und immer kälter werdenden Füßen bezahlen.

Ich bin beim Gehen so sehr darauf konzentriert, die Schneemenge in meinem Wanderschuh so gering wie möglich zu halten, dass ich gar nicht mitbekomme, dass David längst stehen geblieben ist. "Was ist los?", frage ich ihn irritiert als ich auf ihn auflaufe und ihn dabei fast umstoße. "Wir haben ein Problem", sagt David und macht erneut ein ernstes Gesicht. Doch diesmal folgt kein schelmisches Grinsen. "Seit ein paar Minuten schon gibt es keine roten Punkte mehr."

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