Am letzten Wandertag unserer Alpentour machen wir uns an die letzte große Steigung. Durch meine wieder erstarkte Erkältung bin ich ein wenig geschwächt. Ich muss ich öfters pausieren und bin langsamer unterwegs als in den letzten Tagen. Doch stetig kämpfe ich mich hinauf zum höchsten Punkt unserer Tour.
"Ob das dort oben die Steinpyramide ist?", fragt mich David eine Viertelstunde später und deutet auf einen kleinen Fleck weiter oben im Berg. Ich kneife meine Augen zusammen und blicke angestrengt in die Richtung, in die David zeigt. Tatsächlich sehe ich etwas, das aussieht wie ein großer Steinhaufen. Ist das schon die beschriebene Stelle, an der damals die Gletschermumie gefunden wurde? Mein Zeitgefühl sagt mir, dass wir diesen Punkt eigentlich noch nicht erreicht haben können. Der Wegweiser, an dem uns das Teufelchen den Weg nach rechts gewiesen hat, lag etwa auf 2.800 Meter. Ötzi wurde auf 3.208 Metern Höhe gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir seit der Weggabelung schon 400 Höhenmeter geschafft haben. "Wir gucken einfach mal", antworte ich - und genau das tun wir. Als wir den Steinhaufen erreichen, müssen wir beide herzlich lachen. In den Bergen ist es nicht einfach, Größe und Höhe aus der Ferne korrekt einzuschätzen. Vier Meter soll die Steinpyramide an der Fundstelle von Ötzi hoch sein. Dieser Haufen hier ist nicht mal halb so groß. Entweder handelt es sich um eine Wegmarkierung oder vorbeilaufende Wanderer haben einfach nur so ein paar Steine aufeinandergeschichtet. Eine Eismumie hat hier ganz sicher niemand gefunden. David und ich rasten kurz und steigen dann weiter den Berg hinauf.
Bald erreichen wir die ersten Schneefelder. Sorgsam geben wir darauf Acht, genau in die Fußstapfen zu treten, die die Wanderer vor uns freundlicherweise hinterlassen haben. Wenn man in den Schnee daneben tritt, sinkt man schnell bis zur Wade ein. Und wozu das führt, habe ich vom Vortag noch in bester schlechter Erinnerung. Es sind Ausläufer eines Gletschers, auf die David und ich hier stoßen und in die wir immer tiefer hineinsteigen. In der Höhe, in der wir uns inzwischen befinden, ist es schon ziemlich kalt und mit jedem Meter wird es frischer. Glücklicherweise ist heute ein Tag wie aus dem Bilderbuch: Die Sonne lacht und der Himmel ist wolkenlos. Das sorgt bei uns nicht nur für gute Stimmung und einen schönen Anblick der Landschaft um uns herum, sondern auch für ein paar wärmende Sonnenstrahlen, die David und mir sehr gelegen kommen.
Als nächstes kommt eine kleine Kletterpassage, für die wir beide Hände benötigen. David und ich sind inzwischen schon ein eingespieltes Team. Er klettert voran, ich reiche ihm meine Stöcke und klettere dann hinterher. Etwa eine halbe Stunde Schweißarbeit später stehen wir dann tatsächlich dort, wo vor 24 Jahren der Sensationsfund glückte. Die angekündigte Steinpyramide beherbergt ein Gipfelbuch, in dem David einen kurzen Gruß von uns hinterlässt. "Prost, Ötzi!", schreibt er hinein und wir lassen den Worten gerne Taten folgen und trinken einen Schnaps auf Ötzi. Einen zweiten trinken wir gleich hinterher - diesmal auf David, denn der hat schließlich heute Geburtstag. Den letzten Tag und höchsten Punkt der Tour mit dem eigenen Geburtstag zur krönen ist geniales Timing wie ich finde. Jeder von uns hängt ein wenig seinen eigenen Gedanken nach und wir bewundern die wunderschöne Aussicht ins südtiroler Schnalstal.
So richtig genießen kann ich die Umgebung allerdings nicht. Der fantastische Rundumblick wird überschattet von einer Erkenntnis, die mich jäh erfasst hat und die mir viele Bauchschmerzen bereitet. In den letzten Minuten auf dem Weg zur Steinpyramide wurde mir immer klarer, dass es nur einen einzigen direkten Weg geben kann, der von hier aus zu unserem nächsten Ziel, der Similaunhütte, führt. Und dieser Weg führt geradewegs über jenen Bergkamm, den ich eigentlich vermeiden wollte. Voller Zuversicht hatte ich mich für diese Variante entschieden, weil ich davon ausging, den Kamm auf einer Alternativroute umgehen zu können. Doch das war ganz offensichtlich eine Fehlannahme. Die Markierung auf dem Schild an der Weggabelung war schlichtweg falsch. Es gibt keine Alternativroute. Der direkte Weg von hier zur Hütte führt über den Bergkamm. Eine Wegstrecke, von der unser Wanderführer sagt, dass sie "zum Teil an exponierten Stellen mit Seilen versichert" ist. Diese Formulierung beunruhigt mich sehr. Was heißt hier "zum Teil"? Gibt es zum Teil exponierte Stellen, die samt und sonders mit Seilen gesichert sind oder gibt es viele exponierte Stellen, die eben nur zum Teil über eine Seilsicherung verfügen? Ehrlich gesagt will ich die Antwort gar nicht mehr wissen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken an exponierte Stellen ohne Seile oder Ketten. Ich möchte das Wagnis nicht eingehen. Obwohl David versucht, mich von der Harmlosigkeit des Weges zu überzeugen, habe ich mich entschieden und meine Wahl steht fest. Mein Kopf spielt heute nicht mit. Den Weg über den Bergkamm gehe ich nicht. Da wir uns nicht trennen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als gemeinsam den Rückweg anzutreten.


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