Mittwoch, 11. November 2015

Tag 5: Guter Rat ist teuer

Ich muss zugeben: Ein wenig mulmig ist mir schon. Wegmarkierungen sind tatsächlich keine mehr zu erblicken. Auf dem Weg vom Rettenbachjoch hinab zum Parkplatz des Rettenbachgletschers haben wir uns offensichtlich verlaufen. Der viele Schnee von letzter Nacht hat die roten Markierungspunkte zugedeckt. Hatte der Wanderführer nicht genau davor gewarnt? Eben noch oben auf, sind wir nun wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Nun ist guter Rat teuer.

So wie ich das sehe haben wir vier Möglichkeiten. Die erste: Wir klettern zurück nach oben und fahren mit der Gondel das Stück zum Parkplatz hinab. Ehrlich gesagt würde ich das nur sehr ungern tun. Zurück bergauf durch den tiefen Schnee zu kraxeln wäre eine anstrengende und auch gefährliche Sache. Und dann die Schmach, am Ende doch die Gondel genommen zu haben! Das geht gar nicht. Es muss eine andere Möglichkeit geben. Die zweite zum Beispiel: Wir ergreifen die Flucht nach vorn - respektive unten - und klettern schnurstracks weiter geradeaus. Dummerweise führt dieser Weg über unwegsames Gelände mit unterschiedlich großen Felsblöcken. Schon das letzte Stück mussten wir uns über derartiges Terrain kämpfen und dieses Gelände ist bei Schnee alles andere als empfehlenswert. Gehen ist hier extrem schwierig. Immer mal wieder wackelt nämlich ein Block gefährlich oder rutscht bei Belastung sogar weg. Der glatte Schneebelag tut sein Übriges. Vielfach mussten David und ich zuletzt schon die Hände zu Hilfe nehmen. Meine Stöcke sind mir hier leider überhaupt keine Hilfe, sondern behindern mich eher. Mehr als einmal sind sie schon zwischen den Steinen steckengeblieben oder mir sogar aus der Hand gerutscht. Auch auf diesem Gelände wäre ich ungern länger unterwegs. Dann gibt es noch Möglichkeit Nummer drei: Wir queren nach rechts und steigen von dort aus hinab. Felsen und wackelige Steine gibt es rechts von uns nicht, doch wartet dort ein anderes Problem auf uns: Dort führt kein Weg, sondern eine Skipiste den Berg hinab. Eine ziemlich steile Skipiste sogar. Von hier kann ich nicht sehen, ob es überhaupt möglich ist, sich dort einen Weg nach unten zu bahnen. Sollte das gehen, wäre es sicher nicht einfach - und einmal gestolpert und das Gleichgewicht verloren, würden wir wohl sofort einen Abflug machen und gnadenlos mit mächtig Speed den Berghang hinabrutschen bis ganz nach unten. Auch das ist keine ungefährliche Variante. Bleibt noch die letzte Möglichkeit. Die ungefährlichste von allen, aber möglicherweise auch nicht ganz billig: der Helikopter. Aber den wollen wir nun wirklich nicht rufen. Also was ist zu tun?

David und ich entscheiden uns für die Pistenvariante, klettern vorsichtig aus dem Geröllfeld, queren den Hang und tasten uns auf dem abschüssigen Gelände langsam den Berg hinab. Genau über uns surren die Gondeln ins Tal. Unsere E5-Freunde haben im Parkplatz-Restaurant vermutlich schon längst ihre heiße Schokolade ausgetrunken und sich gestärkt wieder auf den Weg gemacht. Auch das Restprogramm ist nicht ohne: Vom Parkplatz aus sind es noch weitere sechs Wanderstunden bis zum heutigen Etappenziel, der Martin-Busch-Hütte.

David traut sich als erstes. Anstatt sich weiter langsam und vorsichtig seitwärts nach unten zu tasten, marschiert er einfach mit dem Rücken zum Berg mit großen Schritten hinab. Er geht nicht mehr, sondern läuft schon fast und tritt bei jedem Schritt kräftig in den hohen, weichen Schnee. Auf diese Weise kommt er nicht nur äußerst schnell, sondern auch noch ohne zu stürzen in weniger abschüssiges Gelände, ab wo das Gehen keine Schwierigkeit mehr darstellt. Ganz so elegant und furchtlos wie David komme ich nicht den Berg hinab, aber halb gehend und halb rutschend schlage auch ich mich ohne Sturz bis nach unten durch. Nach etwa einer Stunde erreichen David und ich unversehrt den Parkplatz vom Rettenbachgletscher. Die Gondelfahrer haben für diese Passage keine fünf Minuten gebraucht. Trotzdem freuen wir uns über den gelungenen Abstecher, wenngleich mich das Stück den Berg hinab mächtig geschlaucht hat.

Nach einer kurzen Pause im Parkplatz-Restaurant kommen wir am Ende doch nicht umhin, ein motorisiertes Verkehrsmittel zu besteigen. Um dem E5 weiter folgen zu können, müssen wir den Rosi-Mittermeier-Tunnel durchqueren, Europas höchstgelegenen Autotunnel, der für Fußgänger leider gesperrt ist. Wir organisieren uns für die 10-minütige Autofahrt ein Kleinbus-Taxi und biegen ein auf den wunderschönen Venter Panoramaweg, der uns in dreieinhalb Stunden am nordwestlichen Hang des Venter Tales entlang bis nach Vent hinunterführt. Immer wieder kommt zeitweise die Sonne raus und wir freuen uns einen Ast.


Gerade passend zu Mittagszeit erreichen wir Vent. Wenn man in einer deutschsprachigen Kleinstadt ein Hotel sucht, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man im Hotel "Zur Post" landet. Das ist nämlich bei weitem der am häufigsten verwendete Hotelname. Fast jede deutsche Stadt hat eins, was so heißt. Und so verwundert es nicht, dass auch David und ich uns im Restaurant vom "Hotel Post" wiederfinden und dankbar ein Wiener Schnitzel bestellen. Nach der kalorienreichen Pause entledigen wir uns auf der Toilette unserer langen Thermounterhose und nehmen die letzten zwei Wanderstunden in Angriff.

Die Martin-Busch-Hütte, die wir gegen 16:30 Uhr abgekämpft erreichen, ist für David und mich eine große Enttäuschung. Wir wissen das Dach über dem Kopf sehr zu schätzen, den Schlafplatz im Lager und auch die drei Minuten heißes Wasser unter der Dusche. Aber die Gaststube der Hütte hat keine Atmosphäre und kein Flair. An großen Tischen mit Plastiktischdecken fühlen wir uns ein bisschen wie in der Bahnhofskneipe. Zu allem Überfluss merke ich, wie meine überwunden geglaubte Erkältung zurückkehrt. Ich werde wieder kränker, fange stark an zu husten und fühle mich insgesamt ganz furchtbar schlapp. "Na, großartig!", fluche ich frustriert. Viel kränker werden darf ich jetzt nicht, denn ein letzter schwerer Wandertag liegt immer noch vor uns. Anstatt mit David sowie Alisa und Marina, die uns auch hier wieder angenehme Gesellschaft leisten, noch ein paar Runden Kniffel zu spielen, gehe ich lieber früh ins Bett, um meinem Körper noch ein wenig Ruhe und Erholung zu gönnen. Morgen muss ich fit sein. Mit 3.210 Metern Höhe wartet der höchste Punkt der gesamten Strecke auf uns.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen